Aktualisiert 17.03.2020 12:36

Zu gewalttätigPolizei entlässt Mitarbeiter wegen «Mad Heidi»-Film

Die Nebenbeschäftigung als Drehbuchautor beim Film «Mad Heidi» hat G. W. seinen Job bei der Kapo Zürich gekostet.

von
mon

Für die Kapo Zürich sind so brutale Szenen wie im Trailer nicht mit einer Tätigkeit bei der Kantonspolizei vereinbar. (Video: Decoy Films/madheidi.com)

13 Jahre lang arbeitete G. W.* für die Kantonspolizei Zürich als Zivilangestellter bei der Kontrollabteilung am Flughafen Zürich. In all den Jahren hat sich der 35-Jährige nichts zuschulden kommen lassen, wie er sagt. Im letzten Zwischenzeugnis spricht sein Vorgesetzter sogar von sehr guten Leistungen.

Zudem wurde er 2017 zum Sektorenchef in der Passagierkontrolle ernannt. Trotzdem kündigte man ihm Ende März fristlos. Für W. ist der Grund klar: Seine Beteiligung als Co-Drehbuchautor am Schweizer Filmprojekt «Mad Heidi» passt seinen Chefs ganz und gar nicht.

NS-Klischees und überzogene Gewaltdarstellung

Im Februar hatten sie sein Gesuch um eine Nebenbeschäftigung als Drehbuchautor abgelehnt. Dabei hatte W. bereits im Januar ein Gesuch für unbezahlten Urlaub gestellt und bewilligt bekommen: «Ich habe ihnen gesagt, dass ich drei Wochen lang an einem Drehbuch schreibe.»

Erst nachdem er den ersten Entwurf des Drehbuchs geschrieben hatte und aus dem unbezahlten Urlaub zurückgekommen war, zeigten sich seine Vorgesetzten wenig begeistert von dem Projekt: «Sie verlangten, dass ich mich vom Film distanziere.»

Entscheidung zwischen Job oder Filmprojekt

Die Begründung: Bereits der Teaser zum Trailer verwende NS-Klischees und enthalte eine völlig überzogene Gewaltdarstellung. Die Mitwirkung eines Kaderangehörigen könne damit dem Ansehen der Kantonspolizei schaden.

So forderten sie ihn auf, sich entweder für den Film oder seinen Beruf zu entscheiden. Für ihn eine schwierige Situation: «Ich wollte den Produzenten des Filmprojekts nicht im Stich lassen. Gleichzeitig bin ich als Familienvater auf mein Einkommen angewiesen.»

Toblerone als Mordwaffe

Im Film kämpft Heidi als Heldin in einer düsteren Fantasieversion der Schweiz gegen die Käsediktatur des bösen, rassistischen Herrschers Meili.

Nachdem Heidis Freund Geissenpeter von den Schergen des Diktators ermordet worden ist, schwört Heidi Rache. Im Trailer wird zudem auch Waterboarding mit Fondue durchgeführt oder die Toblerone als Mordwaffe benutzt.

«Es ist eine Satire»

Wie W. erklärt, handelt es sich beim Film um eine Form der Persiflage: «Die einzelnen Szenen werden dem Stil des Genres entsprechend extra überzogen und drastisch dargestellt, damit sie nicht realistisch wirken.»

Den Vorwurf, der Film verherrliche und verbreite rechtsradikales Gedankengut, will er so nicht gelten lassen: «Der Film ist eine Satire und ein klares Statement gegen Faschismus und Unterdrückung.»

«Einiges ist schiefgelaufen»

W. kann die Entscheidung seiner Vorgesetzten nicht nachvollziehen: «Ich war an dem Teaser-Trailer nicht einmal beteiligt.» Dieser sei letztes Jahr für die Crowdfunding-Kampagne und vor seinem Mitwirken gedreht worden. Zudem stehe er als Drehbuchautor im Hintergrund: «Ich habe angeboten, ein Pseudonym zu verwenden. Das wurde aber abgelehnt.»

In der Kommunikation mit seinem Arbeitgeber ist laut W. einiges schiefgelaufen: «Sie hätten mich korrekt darüber informieren müssen, dass ich ein Nebenerwerbsgesuch brauche, und zwar bevor ich das Drehbuch schrieb und somit ein essenzieller Teil des Filmprojekts wurde.»

Anwalt eingeschaltet

Der Produzent des Filmprojekts, Valentin Greutert, steht hinter seinem Drehbuchautor: «Verkommt die Polizei nun zur Moralpolizei? Für mich wird mit der Kündigung die Meinungs- und Kunstfreiheit mit Füssen getreten.» Zusammen mit W. hat er deshalb einen Anwalt eingeschaltet und ein Crowdfunding für die Prozesskosten gestartet: «Es geht nicht darum, dass er seinen Job am Flughafen zurückbekommt.»

Vielmehr wolle man eine Entschädigung erzielen und zeigen, dass das Vorgehen der Polizei völlig unverhältnismässig sei. Sollte man den Prozess gewinnen, will man das Geld aus dem Crowdfunding in die Produktion des Films investieren.

«Nicht mit den Werten der Kantonspolizei vereinbar»

Bei der Kantonspolizei Zürich bestätigt man die Kündigung: «Da der Betreffende ankündigte, der Nebenbeschäftigung auch ohne die Bewilligung vonseiten des Arbeitgebers nachzugehen, erfolgte die Trennung», sagt Sprecher Marc Besson.

Zudem seien derartige Gewaltdarstellungen nicht mit einer Tätigkeit bei der Kantonspolizei kompatibel: «Diese Nebenbeschäftigung ist nicht mit den Werten der Kantonspolizei und insbesondere mit der Führungsposition des Betroffenen in diesem sensiblen Sicherheitsbereich vereinbar.» Ein Gesuch werde von Fall zu Fall beurteilt – ein grundsätzliches Verbot für Nebenbeschäftigungen gebe es nicht, so Besson.

Pflichtverletzung möglich

Wie Roger Rudolph, Professor für Arbeitsrecht an der Universität Zürich, sagt, bedarf es für eine fristlose Entlassung in der Regel einer schwerwiegenden Pflichtverletzung. Bei weniger gravierenden Vorfällen werde in der Regel eine Verwarnung ausgesprochen.

Bei besonders sensiblen Funktionen, wie jener eines Polizisten, könnten bestimmte Verhaltensweisen aber als gravierender als bei gewöhnlichen Arbeitnehmern erscheinen, so der Experte.

Für ihn ist durchaus vorstellbar, dass die fristlose Entlassung in diesem Fall zulässig ist: «Wenn das anwendbare Personalrecht eine Zustimmung für Nebenbeschäftigungen verlangt und der Polizist erklärt, er werde trotz Nichtgewährung der notwendigen Zustimmung an einem Film mitwirken, dann lässt sich eine Pflichtverletzung erkennen.»

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Wegen seiner Nebenbeschäftigung als Drehbuchautor beim Film «Mad Heidi» verlor G.W. seinen Job bei der Kantonspolizei Zürich.

Wegen seiner Nebenbeschäftigung als Drehbuchautor beim Film «Mad Heidi» verlor G.W. seinen Job bei der Kantonspolizei Zürich.

Screenshot Trailer
13 Jahre lang arbeitete der 35-Jährige für die Kantonspolizei als Zivilangestellter bei der Kontrollabteilung am Flughafen Zürich. (Symbolbild)

13 Jahre lang arbeitete der 35-Jährige für die Kantonspolizei als Zivilangestellter bei der Kontrollabteilung am Flughafen Zürich. (Symbolbild)

Keystone/Gaetan Bally
2017 wurde G.W. zum Sektorenchef in der Passagierkontrolle ernannt. (Symbolbild)

2017 wurde G.W. zum Sektorenchef in der Passagierkontrolle ernannt. (Symbolbild)

Keystone/Gaetan Bally

*Name der Redaktion bekannt

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