Aktualisiert 26.08.2015 09:11

Hanfsamen-Besteller

Polizei stürmt Wohnungen von Hunderten Kiffern

Der Zoll fängt systematisch Sendungen mit Hanfsamen ab. Bei vielen Empfängern machte die Polizei Hausdurchsuchungen – in der Annahme, auf Hanfanlagen zu stossen.

von
Marco Lüssi
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Solche Couverts mit Hanfsamen aus den Niederlanden hat der Schweizer Zoll seit Frühling zu Tausenden abgefangen. Die Adressaten wurden bei der Polizei ihres Wohnkantons verzeigt. Allein die Kantonspolizei Zürich zählte seit Anfang Jahr 870 Fälle.

Solche Couverts mit Hanfsamen aus den Niederlanden hat der Schweizer Zoll seit Frühling zu Tausenden abgefangen. Die Adressaten wurden bei der Polizei ihres Wohnkantons verzeigt. Allein die Kantonspolizei Zürich zählte seit Anfang Jahr 870 Fälle.

Kantonspolizei Zürich
Allein mit den Samen, die Personen aus dem Kanton Zürich bestellt haben, hätten 271 Kilogramm Cannabis hergestellt und 1'044'000 Joints gedreht werden können, rechnet die Kantonspolizei Zürich vor.

Allein mit den Samen, die Personen aus dem Kanton Zürich bestellt haben, hätten 271 Kilogramm Cannabis hergestellt und 1'044'000 Joints gedreht werden können, rechnet die Kantonspolizei Zürich vor.

Kantonspolizei Zürich
Die Empfänger befinden sich seither in den Mühlen der Justiz, Bei mehreren hundert Betroffenen hat die Polizei eine Hausdurchsuchung durchgeführt, um nach Hanfanlagen zu suchen.

Die Empfänger befinden sich seither in den Mühlen der Justiz, Bei mehreren hundert Betroffenen hat die Polizei eine Hausdurchsuchung durchgeführt, um nach Hanfanlagen zu suchen.

Kantonspolizei Zürich

Mit Drogenspürhunden und technischen Mitteln sucht der Schweizer Zoll in den Postzentren seit Anfang Jahr intensiv nach Sendungen, die Hanfsamen enthalten. Allein von Januar bis April wurden 2874 solche Lieferungen entdeckt. Alle Empfänger verzeigte der Zoll bei der Polizei ihres Wohnkantons. Tausende Schweizer Kiffer gerieten so ins Visier der Justiz.

Die Kantonspolizei Zürich zählte in diesem Jahr bereits 870 Fälle. Bei etwa jedem zehnten Empfänger habe man Hausdurchsuchungen durchgeführt, sagt Sprecher Werner Schaub. Im Kanton Freiburg, bei dem 43 Personen wegen Hanfsamen verzeigt wurden, gab es laut Polizeisprecher Gallus Risse «in den meisten Fällen» gleich auch eine Hausdurchsuchung. Auch wenn keine genauen nationalen Zahlen erhältlich sind, ist klar: Bei hunderten Schweizer Kiffern stand wegen ihrer Hanfsamen-Bestellung die Polizei in der Wohnung.

«Ein grosser Leerlauf»

Sven Schendekehl vom Verein Legalize it hat über hundert Betroffene rechtlich beraten (siehe Interview). Er sagt: «Bei der grossen Mehrheit handelt es sich um unbescholtene Genuss-Kiffer.» Die Hausdurchsuchungen sind für Schendekehl nicht nur Schikane, sondern auch ein grosser Leerlauf: «Wenn man bedenkt, wie gross der Personalaufwand ist, den die Polizei mit solchen Aktionen hat, und wie gering die Chance, tatsächlich auf eine professionelle Hanfanlage zu stossen, ist das Vorgehen völlig unverständlich.»

Befragt man die Polizeikorps dazu, wie viele Hanfanlagen durch das Vorgehen gegen Hanfsamen-Besteller entdeckt wurden, sind Erfolgsmeldungen rar. Die Kantonspolizei Freiburg hat zwar in zehn Fällen Cannabispflanzen gefunden. Doch ihr gingen eher kleine Fische ins Netz: «Von drei Pflanzen im Blumenbeet bis zu 35 Pflanzen und einer nicht-professionellen Klein-Anlage» reicht das Spektrum. In St. Gallen, wo 135 Hanfsamen-Besteller aufflogen, fand die Kantonspolizei zehn Anlagen – jedoch ausnahmslos kleine, wie es auf Anfrage heisst. Bei der Kantonspolizei Schwyz räumt man ein, dass man bei den Hausdurchsuchungen «nur selten» auf Hanfanlagen gestossen sei.

Samen hätten über eine Million Joints ergeben

Im Kanton Zürich führt man keine Statistik darüber, bei wie vielen Hanfsamen-Bestellern sich der Verdacht auf Drogenhandel bestätigt hat. Immerhin ist es laut Kapo-Sprecher Werner Schaub aber gelungen, eine beträchtliche Menge Cannabis aus dem Verkehr zu ziehen. Schaub rechnet vor: «Mit den etwa 8700 Pflanzen, die aus den von Zürchern bestellten Samen entstanden wären, hätte man 271 Kilogramm Cannabis herstellen und 1'044'000 Joints drehen können.» Und das sei nur eine vorsichtige Schätzung. Den Verkaufserlös, der sich mit dieser Menge auf der Strasse hätte erzielen lassen, beziffert Schaub auf 2,61 Millionen Franken.

Dass das Ausbleiben dieses Saatguts zu Engpässen auf dem Schweizer Cannabis-Schwarzmarkt geführt hätte, konnte man jedoch nicht feststellen, wie Schaub sagt. Mittlerweile ist die Zahl der Hanfsamen-Sendungen, die der Zoll beschlagnahmt, wieder zurückgegangen. Wurden im Mai noch 8698 Samen konfisziert, waren es im Juni nur noch 1159. Aktuellere Zahlen sind nicht erhältlich. Für Schendekehl ist klar: «Die Kiffer, die in die Mühlen der Justiz geraten sind, haben ihr Umfeld gewarnt. Mittlerweile weiss jeder, dass es eine schlechte Idee ist, aus dem Ausland Hanfsamen zu bestellen.»

«Gesetzlicher Auftrag»

Warum aber geht der Zoll überhaupt so rigoros vor? Was Schendekehl als «beispiellose Hetzjagd gegen Kiffer» bezeichnet, ist laut Attila Lardori, Sprecher der Eidgenössischen Zolldirektion, nichts anderes als die Erfüllung des gesetzlichen Auftrags: «Wo wir eine Zunahme des Schmuggels feststellen, setzen wir Schwerpunkte – unabhängig davon, ob es sich nun um Hanfsamen oder etwa um Elfenbein handelt.»

FDP-Nationalrätin Christa Markwalder kritisiert das Vorgehen: «Der Zoll sollte sich primär auf illegale Sendungen konzentrieren, die grossen Schaden anrichten – also besser gefälschte Medikamente abfangen als harmlose Hanfsamen.» Und wenn Bürger, die zehn Hanfsamen bestellt hätten, mit einer Hausdurchsuchung rechnen müssten, sei dies «unverhältnismässig und eine falsche Prioritätensetzung der Polizei».

Haben Sie auch Hanfsamen bestellt und danach Ärger mit der Polizei bekommen? Wie wurden Sie bestraft? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte per Mail an feedback@20minuten.ch.

Herr Schendekehl*, über hundert Hanfsamen-Besteller haben sich bei Ihrem Verein «Legalize it» gemeldet. Was hatten sie konkret für Probleme?

Die meisten Betroffenen hatten zum ersten Mal mit der Polizei zu tun. Das führte dazu, dass sie sich in der polizeilichen Einvernahme oft selber ans Messer geliefert haben.

Wie das?

Viele dachten, sie kämen besser weg, wenn sie der Polizei sagen, dass sie die Samen nicht für sich selber bestellt haben, sondern um sie weiterzugeben. Damit rückten sie sich, ohne dass es ihnen bewusst war, in die Nähe des Drogenhandels. Statt als Übertretung wird ihre Tat dann als Vergehen bestraft - das anders als die Übertretung im Strafregister vermerkt wird.

Was sollte man sagen, wenn die Polizei einen befragt?

Am besten gar nichts. Bis auf eines: Dass man die Samen für den Eigengebrauch bestellt hat. Die Polizei will immer auch wissen, wie oft man kifft und ob man noch andere Drogen konsumiert. Die Antwort darauf sollte man verweigern.

Warum?

Vom Vorfall geht eine Meldung ans Strassenverkehrsamt - und bei jemandem, der sagt, er kiffe zweimal in der Woche, kann es bereits passieren, dass das Amt einen Verdacht auf Drogensucht hat und die Fahreignung der Person überprüfen will. So droht man den Führerschein zu verlieren.

Bei vielen Hanfsamen-Bestellern gab es Hausdurchsuchungen. Ist es nicht verständlich, dass die Polizei überprüft, ob die Personen, die Hanfsamen bestellen, Indoor-Anlagen zuhause haben?

Nein, professionelle Hanfanlagen-Betreiber arbeiten gar nicht mit Samen, sondern mit Stecklingen. Und sie würden Samen sowieso kaum an die eigene Adresse bestellen. Stossend ist, dass das Vorgehen von Zoll und Polizei dazu führt, dass Kiffer sich nun auf dem Schwarzmarkt mit Cannabis eindecken müssen, statt Eigenanbau zu betreiben. Damit fördern die Behörden den kriminellen Drogenhandel, statt ihn zu bekämpfen.

*Sven Schendekehl ist Vorstandmitglied des Vereins «Legalize it», der sich für straffreies Kiffen einsetzt.

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