Aktualisiert 19.11.2007 08:38

Polizei verhindert geplante Amoktat an Kölner Schule

48 Stunden vor dem Tag X hat die Kölner Polizei einen geplanten Amoklauf eines 17- und eines 18-Jährigen auf eine Schule verhindert. Der 17-Jährige warf sich nach Aufdeckung des Plans vor ein Tram.

Die Polizei hat einen für Dienstag geplanten Amoklauf zweier Schüler am Kölner Georg-Büchner-Gymnasium verhindert. Mit zwei Armbrüsten, möglicherweise aber auch mit Molotow-Cocktails und Rohrbomben hatten die beiden 17 und 18 Jahre alten Freunde nach den ersten Ermittlungen am Jahrestag des Amoklaufs von Emsdetten ein Blutbad an ihrer Schule anrichten wollen. «Sie wollten Menschen verletzen und töten und sich selbst danach umbringen», sagte der Leitende Ermittler Norbert Wagner am Sonntagabend in Köln.

Der 17-Jährige beging nach Auffliegen der Pläne Selbstmord, der 18-Jährige wurde festgenommen. Er räumte bei seinen Vernehmungen die Planung zur Tat ein. Ihm droht nun eine Anklage wegen Verabredung zu einem Verbrechen. Schon dies kann mit einer Haftstrafe geahndet werden.

Das Motiv der Tat war zunächst unklar. Der 18-Jährige habe in der Schule Probleme gehabt. Er sei ein Einzelgänger gewesen und habe sich von seinen Mitschülern gemobbt gefühlt, berichtete die Polizei. Er passe in das Raster der bisher beobachteten Amokläufer. Der 17-Jährige sei dagegen sowohl in der Schule, als auch in seinem Sozialverhalten völlig unauffällig gewesen.

Auf die Spur der Jugendlichen waren die Behörden durch Hinweise von Mitschülern gekommen. Die hatten auf einer Internetseite des 17-Jährigen Bilder vom Columbine-Massaker gefunden, bei dem im April 1999 zwei amerikanische Jugendliche im US-Bundesstaat Colorado zwölf Mitschüler und einen Lehrer getötet hatten, bevor sie Selbstmord begingen.

Die Leitung des Kölner Gymnasiums schaltete am Freitag die Polizei ein. Beamte sprachen mit dem 17-Jährigen. Doch wirkte der Schüler der 12. Klasse zunächst auf die Beamten nicht gefährlich. Er zeigte sich einsichtig und erklärte, er habe mit den Bildern nur vor Amokläufern warnen wollen. Er sagte den Beamten sogar zu, die Bilder von seiner Internetseite zu entfernen.

Waffen ganz legal erworben

Die Beamten liessen den Schüler daraufhin alleine nach Hause fahren. Doch diese Gelegenheit nutzte der 17-jährige zum Selbstmord. Er warf sich vor eine Strassenbahn und erlitt dabei tödliche Verletzungen.

Erst bei den daraufhin eingeleiteten genaueren Untersuchungen entdeckten die Beamten das ganze Ausmass der geplanten Straftat. Denn die Spur führte schnell zu einem 18-jährigen Mitschüler, der ebenfalls die zwölfte Klasse besuchte. «Er passte in das typische Raster eines Amokläufers», sagte Wagner. Bei seiner Vernehmung habe der 18-Jährige später die Tat gestanden.

In den Wohnungen der Schüler entdeckten die Ermittler zwei Armbrüste mit insgesamt 16 Metallpfeilen, die einen menschlichen Körper durchschlagen können, sowie Softair-Pistolen. Ausserdem gebe es Hinweise, dass sich der 18-Jährige mit Sprengstoffen beschäftigt habe, betonte die Polizei. Die Armbrüste hatte der 18-Jährige ganz legal erworben. Daneben fand die Polizei eine Liste mit 17 Vornamen von Schülern und Lehrern, bei denen es sich nach Einschätzung der Ermittler möglicherweise um die ins Auge gefassten Opfer handelt.

Die Tat sollte am Jahrestag des Amoklaufs von Emsdetten stattfinden. Dort hatte ein ehemaliger Schüler am 20. November 2006 an einer Realschule bei einem Amoklauf 37 Menschen verletzt und sich danach erschossen.

Das Georg-Büchner-Gymnasium bleibt auf Beschluss des Schulkollegiums am Montag geschlossen. Die Schüler sollten Gelegenheit haben, die Vorfälle zu verarbeiten, hiess es. Hinweise auf eine Gefährdung gebe es nicht. Die Lehrer wollen auf einer Konferenz die Vorfälle besprechen.

Bereits in der vergangenen Woche hatte die Polizei in Köln einen weiteren 15-jährigen Schüler aufgegriffen, der auf seiner Internetseite detailliert einen Amoklauf an seiner Schule beschrieben hatte. Der Schüler befinde sich inzwischen zur Behandlung in einer psychiatrischen Klinik, berichtete die Polizei. Es gebe keine Hinweise, dass er versucht habe, seine Fantasien auch in die Tat umzusetzen.

Zahlreiche Trittbrettfahrer

Drohungen mit Amoktaten haben sich in den letzten Tagen gehäuft. Die Polizei in Gütersloh (NRW) hatte am Freitag berichtet, eine 16-jährige Schülerin einer Gesamtschule habe nach eigener Aussage am Dienstag in einem Schüler-Chatroom eine Drohung gegen ihre Schule gelesen und die Polizei informiert. Und am Donnerstag wurde aus Angst vor einem Amoklauf eine Schule in Mainz (Rheinland-Pfalz) geschlossen, nachdem eine entsprechende Ankündigung im Internet verbreitet wurde.

Auch im niedersächsischen Syke bei Bremen ermittelte die Polizei, nachdem am Donnerstagmorgen in der Berufsbildenden Schule des Ortes an einer Toilettenwand zu lesen war: «Ich mache am 20.11. einen Amoklauf». Die Polizei kam nach ihren Ermittlungen zum Schluss, aus der Ankündigung ergebe sich kein erhöhtes Gefahrenpotenzial.

In Köln hatte im Januar dieses Jahres ein 16-Jähriger beim Telefonat mit einem Seelsorger anonym gedroht: «Ich geh' an eine Kölner Schule, ich mach' alle platt.»

Schul-Amokläufe in Europa

In Finnland hatte sich am 7. November ein Amoklauf ereignet. Ein 18-jähriger Schüler erschoss acht Menschen und sich selbst. Er galt als Aussenseiter und Einzelgänger, der in der Schule schikaniert wurde. Die Ermittler glauben, dass der Täter die Pläne für seinen Amoklauf auf der Internetplattform YouTube angekündigt hat.

Der Fall erinnert an den Amoklauf von Erfurt. Am 26. April 2002 hatte der 19-jährige ehemalige Schüler Robert Steinhäuser am Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen erschossen, und zwar zwölf Lehrer, zwei Schüler, die Schulsekretärin und einen Polizisten. Anschliessend tötete er sich.

Vor rund einem Jahr hatte ein ehemaliger Schüler an einer Realschule in Emsdetten (Münsterland) bei einem Amoklauf 37 Menschen verletzt und sich danach erschossen.

(SDA/AP)

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