Nachdemo in Zürich: Polizeitaktik geht auf - vereinzelte Scharmützel

Aktualisiert

Nachdemo in ZürichPolizeitaktik geht auf - vereinzelte Scharmützel

Die 1.Mai-Strategie der Zürcher Behörden hat grösstenteils funktioniert, Nachdemos konnten verhindert werden. Über 500 Personen wurden verhaftet - mehr als doppelt so viele wie letztes Jahr.

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job/mdr

Szenen vom 1. Mai rund um den Zürcher Helvetiaplatz. (Video: 20 Minuten Online/job)

Am späten Nachmittag des 1. Mai ähneln die Strassen um den Zürcher Helvetiaplatz normalerweise einem Kriegsgebiet. Chaoten und Polizisten liefern sich ein Katz-und-Maus-Spiel, Mülltonnen brennen, Gummischrot und Steine fliegen, Geschrei erfüllt die Strassen.

Heute nicht. Die Nachdemo des Schwarzen Blocks und damit die Ausschreitungen fanden zumindest nicht grossflächig statt. Die neue Taktik der Polizei ging grösstenteils auf.

In den Seitenstrassen der Langstrasse kam es nach 18 Uhr dennoch zu mehreren Scharmützeln. Wie ein 20-Minuten-Online-Reporter vor Ort berichtete, versammelten sich einige junge Secondos und lieferten sich mit den Stadtpolizisten Strassenschlachten. Allerlei Wurfgegenstände flogen durch die Luft, die Polizei setzte Tränengas ein. Im Kreis 3 wurde die Fassade eines Securitas-Gebäudes mit Farbbeuteln beschmutzt. Nach 19 Uhr beruhigte sich die Lage wieder.

Veränderte Taktik

Im Unterschied zu den Vorjahren verzichtete die Polizei auf die Präsenz in Sichtweite der Autonomen, welche sich nach dem offiziellen Umzug traditionellerweise auf dem Kanzlei-Areal versammeln. Auf dem gegenüberliegenden Helvetiaplatz, wo sich in Vorjahren die Ordnungshüter aufreihten, was manche als Provokation auffassten, waren nur einige Zivilpolizisten zu sehen. Zudem scheint der Schwarzen Block Mühe mit der Mobilisation gehabt zu haben - auf dem Kanzleiareal tummelten sich bloss mehrere Dutzend Autonome. Deshalb konnten sie den Platz nicht in Beschlag nehmen, auch Quartierbewohner mit Kinderwagen waren auf dem Areal zu sehen.

Vor allem die passive Polizei sorgte unter den gewaltbereiten Autonomen für Irritation. «Wo sind denn die Bullen?», konnte man hören. Der Schwarze Block wirkte unentschlossen. Viele Gaffer, welche sich eine spektakuläre Schlacht erhofft hatten, verliessen den Schauplatz enttäuscht.

Nach 16 Uhr kam Bewegung auf. Autonome strömten in Richtung Langstrasse. Jetzt trat die Polizei, die sich in Seitengassen bereitgehalten hatte, in Erscheinung. Sie umstellte innert kürzester Zeit das gesamte Kasernenareal hermetisch, wer herauswollte, wurde wieder hineingedrängt. Die Polizisten standen fast Schulter an Schulter. Die Strassenkreuzungen um das Kanzleiareal wurden mit Gitterwagen abgeriegelt. Damit hatte die Polizei die Chaoten um ihre taktische Vorteile gebracht: Bewegung und Überraschung. In einer Seitengasse kam es zu einem kleinen Scharmützel mit versprengten Autonomen, das die Polizei aber schnell beendete. Ansonsten blieb es schon fast gespenstisch ruhig.

Hart gegen Gaffer

Kurz vor 18 Uhr begann die Polizei, das umstellte Kanzleiareal zu räumen und einzelne Personen zu verhaften. Bleibt die Frage nach der Verhältnismässigkeit. Noch ist nicht klar, ob das Eingreifen der Polizei durch die friedliche Bewegung der Autonomen Richtung Langstrasse ausgelöst wurde oder ob die Belagerung des Kanzleiareals geplant war.

Zumindest teilweise hat die Polizei zudem die verkündete Härte gegenüber Gaffern durchgesetzt: Ein Passant, der harmlos gegen die Polizei wetterte, wurde ohne Federlesens verhaftet. Den Nebenstehenden wurde selbiges angedroht, sollten sie sich nicht schleunigst entfernen.

Polizei nimmt doppelt so viele Personen wie letztes Jahr fest

Die Zürcher Stadt- und Kantonspolizei hat am 1. Mai in Zürich über 500 Personen festgenommen, doppelt soviel wie im Vorjahr. Verletzte gab es keine. Es fand keine Nachdemo statt. Vereinzelt lieferten sich Krawalltouristen aber kleinere Scharmützel mit den Beamten.

Grössere Ausschreitungen hätten dank der starken Polizeipräsenz und zahlreichen Personenkontrollen verhindert werden könnten, hiess es an einer Medienkonferenz am späten Sonntagabend in Zürich. Ab 13 Uhr waren die Polizisten im Kreis 4 präsent, lange hielten sie sich im Hintergrund.

Die Beamten kontrollierten neben den zentralen Plätzen, dem Helvetiaplatz und dem Kanzleiareal, auch die umliegenden Strassen. Sie verhinderten grössere Ansammlungen. Bis gegen 16.30 Uhr verhielten sich die Gewaltbereiten ruhig. Dann griffen einige Vermummte die Polizei mit Wurfgeschossen an.

Die Beamten kesselten die Randalierer ein und nahmen mehrere hundert Personen fest, wie es an der Medienkonferenz weiter hiess. Die Festgenommenen wurden einer eigens dafür eingerichteten Haftstrasse zugeführt und in zwei Zelten vor Ort verhört.

Im Gegensatz zu letztem Jahr, als ein Jugendlicher von einem Stein am Kopf getroffen wurde, gab es am Sonntag keine Verletzten. Auch die Sachbeschädigungen hielten sich gemäss der Polizei in Grenzen. Es seien lediglich einige wenige Container angezündet worden.

Die Polizisten hätten den Auftrag des Stadtrates konsequent erfüllt, sagte der Zürcher Stadtrat und Polizeivorsteher Daniel Leupi (Grüne). Die Beamten waren angewiesen worden, Gaffer konsequent wegzuweisen. «Ich bin zufrieden», zog Leupi eine positive Bilanz.

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