Aktualisiert 23.09.2011 17:13

Nach VerfolgungPolizisten in Berner Reitschule verprügelt

Am Donnerstagabend haben zwei Polizisten einen verdächtigen Mann bis in die Reitschule verfolgt. Im Innenhof sind sie von 30 bis 40 Personen bedrängt und getreten worden.

Die beiden Polizisten konnten sich erst durch den Einsatz von Reizstoffspray von den Angreifern befreien: Berner Reitschule.

Die beiden Polizisten konnten sich erst durch den Einsatz von Reizstoffspray von den Angreifern befreien: Berner Reitschule.

Im Berner Kulturzentrum Reitschule sind am Donnerstagabend zwei Zivilfahnder der Kantonspolizei festgehalten und verprügelt worden. Erst nachdem Verstärkung eingetroffen war, gelang den beiden Polizisten die Flucht aus dem Gebäude.

Das teilte die Kantonspolizei Bern am Freitag mit. Nach ihren Angaben waren die zwei Fahnder kurz nach 18 Uhr auf der Schützenmatte auf einen Mann aufmerksam geworden, der ihnen verdächtig erschien.

Der Mann sei «gezielt in Richtung Reitschule» geflüchtet, die Polizisten seien ihm gefolgt und hätten ihn schliesslich festhalten können. Der Mann habe zunächst keine Gegenwehr geleistet, doch seien die Polizisten plötzlich von Drittpersonen bedrängt und am Verlassen der Reitschule gehindert worden.

Eskalation im Innenhof

Die Situation eskalierte laut Polizei schliesslich im Innenhof. Dort seien die Beamten von einer grösseren Gruppe tätlich angegangen worden. Die angeforderte Verstärkung habe durch einen Nebeneingang in die Reitschule gelangen müssen, weil das grosse Tor verschlossen worden sei.

Die beiden Fahnder seien ihrerseits von 30 bis 40 Personen massiv bedrängt worden, «aus der Menge wurde auf die Polizisten eingetreten». Erst durch den Einsatz von Reizstoffspray und mit Hilfe der zusätzlichen Polizisten konnten die beiden Fahnder «die Reitschule fluchtartig verlassen». Sie seien leicht verletzt worden.

Provokantes Auftreten

Eine Leserreporterin, die sich nicht regelmässig in der Reitschule aufhält, am Donnerstagabend aber dort gegessen hatte, konnte die Ereignisse aus zwei Metern Entfernung beobachten. Die Polizisten seien äusserst provokant aufgetreten. «Eine Frau versuchte zu vermitteln, aber die Polizisten haben sie einfach weggestossen», sagte sie gegenüber 20 Minuten Online. Auch bei der Verhaftung des Verdächtigen seien die Fahnder unverhältnismässig vorgegangen. «Sie haben ihn auf den Boden gedrückt, obwohl er sich gar nicht gewehrt hat.»

Als die Situation eskalierte, sei sie ins Innere geflüchtet. «Es kam zu einer Auseinandersetzung, aber es waren deutlich weniger als 40 Personen, die auf die Polizisten eingeprügelt haben.»

Mann verhaftet

Ein Mann, der mit den Fäusten auf die Polizisten eingeschlagen haben soll, wurde festgenommen. Der 25-jährige Schweizer wird verzeigt wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte, versuchter Körperverletzung, Hinderung einer Amtshandlung sowie Freiheitsberaubung. Zudem wird gegen Unbekannt wegen Freiheitsberaubung ermittelt.

Die Aktion hatte noch ein nächtliches Nachspiel: Kurz vor Mitternacht zogen laut Polizei 40 bis 50 Personen Richtung Polizeiwache am Waisenhausplatz. Unterwegs griffen sie ein Patrouillenfahrzeug an. Die teils vermummten Personen forderten die Freilassung des Schweizers.

Erst kurz nach 2 Uhr zogen sich die Aktivisten in die Reitschule zurück. Zu weiteren Vorfällen kam es laut Polizei nicht. Beim «verdächtigen Mann», den die Fahnder ursprünglich im Visier hatten, handelt es sich um einen 29-jährigen Nigerianer. Er wird wegen illegalem Aufenthalt verzeigt.

Heikler Zeitpunkt

Die Vorfälle in der Reitschule kommen zu einem politisch heiklen Zeitpunkt. Die Stadtregierung hat vor kurzem den neu ausgehandelten Leistungsvertrag mit dem Kulturzentrum ans Parlament weitergeleitet.

Ein erster Entwurf war vom Stadtrat zurückgewiesen worden. Der zweite Entwurf stösst im Parlament wegen offener Sicherheitsfragen ebenfalls auf Widerstand. (sda)

Aufsichtsbeschwerde gegen Polizisten

Die Betreiber des Berner Kulturzentrums Reitschule widersprechen der Kantonspolizei: Die Vorkommnisse vom Donnerstagabend würden im Polizeicommuniqué falsch dargestellt, hielt die Mediengruppe Reitschule am Freitag fest. «Die Darstellungen der Polizei entbehren jeglicher Grundlage und sind als Schutzbehauptung zur Rechtfertigung des unverhältnismässigen Polizeieinsatzes zu werten», heisst es weiter.

Zum Beweis wollen die Reitschul-Betreiber am Montag Filmaufnahmen vom Einsatz veröffentlichen. Ein geistesgegenwärtiger Gast habe die Vorkommnisse auf Video dokumentiert, heisst es. Die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (IKuR) kündigte zudem eine Aufsichtsbeschwerde «gegen die fehlbaren Beamten» an.

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