Gewalt gegen Beamte: «Polizisten sollen nicht wie Täter behandelt werden»
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Gewalt gegen Beamte«Polizisten sollen nicht wie Täter behandelt werden»

Die physische und psychische Gewalt gegen Polizisten steigt, der Respekt nimmt ab. Ein betroffener Beamter erzählt.

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jen/duf
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Die Gewalt gegenüber Polizisten nimmt zu: L. T., ein ehemaliger Transportpolizist, kennt die Situation. Sechs Jahre lang begleitete er Fussballfans in den Fanzügen, lief als Zivilpolizist an Demonstrationen mit und war auf Streife: «Die Übergriffe auf Polizisten haben massiv zugenommen», sagt er.

Die Gewalt gegenüber Polizisten nimmt zu: L. T., ein ehemaliger Transportpolizist, kennt die Situation. Sechs Jahre lang begleitete er Fussballfans in den Fanzügen, lief als Zivilpolizist an Demonstrationen mit und war auf Streife: «Die Übergriffe auf Polizisten haben massiv zugenommen», sagt er.

Keystone/Jean-Christophe Bott
Ein Beispiel: «Wir mussten oft zivil an den meist nicht bewilligten Umzügen mitlaufen, um Informationen weiterzugeben, welche Route die Aktivisten einschlagen», sagt T.

Ein Beispiel: «Wir mussten oft zivil an den meist nicht bewilligten Umzügen mitlaufen, um Informationen weiterzugeben, welche Route die Aktivisten einschlagen», sagt T.

Keystone/Jean-christophe Bott
Das sei ein heikles Unterfangen gewesen: «Oft wird bei diesen Märschen den Leuten auf die Schulter geklopft, um herauszufinden, ob jemand eine schusssichere Weste trägt und somit ein Zivilpolizist ist», sagt T. Auch er sei schon erwischt worden: «Dann wird Jagd auf einen gemacht. Alle zeigen mit dem Finger auf dich, rufen Zivi, Zivi, Zivi! und rennen auf dich zu, um dir was anzutun.»

Das sei ein heikles Unterfangen gewesen: «Oft wird bei diesen Märschen den Leuten auf die Schulter geklopft, um herauszufinden, ob jemand eine schusssichere Weste trägt und somit ein Zivilpolizist ist», sagt T. Auch er sei schon erwischt worden: «Dann wird Jagd auf einen gemacht. Alle zeigen mit dem Finger auf dich, rufen Zivi, Zivi, Zivi! und rennen auf dich zu, um dir was anzutun.»

Z1020/_martin Schutt

In Bern haben Hausbesetzer und Chaoten am Mittwoch Polizisten brutal angegriffen: Sie gingen mit Eisenstangen auf sie los oder beschossen sie mit Böllern. Das ist nur der jüngste Fall: Polizisten berichten schon länger, dass sie vermehrt physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt seien. Erst vor wenigen Tagen erhoben zwei Polizisten deshalb Vorwürfe gegen den eigenen Berufsverband: Dieser sei für diese Situation mitverantwortlich und tue zu wenig für den Schutz der Beamten. Die Konsequenz: Der Schutz der Bevölkerung sei nicht mehr gegeben, weil Polizisten brenzlige Situationen vermeiden und so weniger durchgreifen würden.

L. T.*, ein ehemaliger Transportpolizist, kennt die Situation. Sechs Jahre lang begleitete er Fussballfans in den Fanzügen, lief als Zivilpolizist an Demonstrationen mit und war auch uniformiert in den Zügen und an verschiedenen Bahnhöfen unterwegs: «Die Übergriffe auf Polizisten haben leider massiv zugenommen. Auch ich war davon betroffen — und musste die Konsequenzen dafür selber tragen», sagt er.

«Dann wird Jagd auf einen gemacht»

Ein Beispiel: Als Transportpolizist habe er oft Fanzüge von Eishockey- oder Fussballfans und 1.-Mai-Demonstrationen begleiten müssen: «Je nach Laune und Verfassung der Fans wurden wir Polizisten, egal ob uniformiert oder in ziviler Kleidung, angegriffen — mit Fusstritten, Faustschlägen, Eisenstangen, Gürtelschnallen oder Schlagstöcken», so T. Er habe deshalb auch schon diverse Verletzungen durch Gewalteinwirkungen davontragen müssen.

Aber nicht nur dort sei es zu Übergriffen gekommen, sondern auch an Demonstrationen: «Wir mussten oft zivil an den meist nicht bewilligten Umzügen mitlaufen, um Meldungen zu erstatten, welche Route die Demonstranten einschlagen», sagt T. Das sei ein heikles Unterfangen gewesen: «Oft wird bei diesen Märschen den Leuten beim Vorbeigehen auf die Schulter geklopft. Dies, um herauszufinden, ob jemand eine schusssichere Weste unter den Kleidern trägt und somit ein Zivilpolizist ist», sagt T. Auch er sei schon im Einsatz aufgeflogen: «Dann wird Jagd auf einen gemacht. Die vermummten Demonstranten zeigen mit dem Finger auf dich, rufen ‹Zivi, Zivi, Zivi!› und rennen auf dich zu, um dich anzugreifen », sagt T.

Innert Sekunden entscheiden

Polizisten seien aber nicht nur an Grossveranstaltungen Zielscheibe gewaltbereiter Leute: «Bei einfachen Personenkontrollen oder im normalen Polizeidienst kommt es fast täglich vor, dass Beamte bespuckt oder beleidigt werden. Auch Handgreiflichkeiten sind nicht selten», so T.

Doch nicht nur solche Übergriffe müssten die Polizisten über sich ergehen lassen. Was danach folgt, sei noch viel schlimmer: «Oft müssen wir uns in solchen Situationen mit dem Einsatz von Pfefferspray oder Schlagstöcken verteidigen, um den Angriff abzuwehren », erzählt T. Nicht selten folgten darauf Klagen gegen den einzelnen Polizisten. «Dann müssen wir unser Verhalten in einem Bericht legitimieren und hocken selbst auf der Anklagebank», so T. Bei kontroversen Einsätzen müsse man innert Sekunden entscheiden, wie man handle und welche Einsatzmittel angewendet würden. «Die Staatsanwälte und Richter analysieren hingegen die Fälle während Tagen und kommen dann möglicherweise zu einem anderen Schluss.»

Mehr Rückhalt vom Staat

Auch T. hatte schon einige Strafverfahren am Hals. Wegen einer solchen Klage war es ihm nicht möglich, sich für eine andere Stelle zu bewerben. «Niemand will einen Polizisten mit offenem Verfahren einstellen», sagt er. Viele würden dann ihren Job sogar ganz aufgeben, weil sie ganz allein dastünden und ausser via Anwalt keine Rückendeckung von den Vorgesetzten hätten und auch keinen Einfluss nehmen könnten.

So auch T., dem es irgendwann zu viel wurde und darauf seinen Job an den Nagel hängte. Laut ihm kein Einzelfall: «Einige Beamte tragen Traumata von solchen Einsätzen und Verfahren davon, gehen deshalb nicht gern arbeiten und kündigen den Dienst.» Unter anderem auch, weil sie sich allein gelassen fühlen würden. «Es gab gar Polizisten die so massiv angegriffen wurden, dass sie Todesangst hatten und beispielsweise nicht in einen Fanzug steigen wollten und ihren Dienst verweigerten», sagt T.

Deshalb fordert er mehr Rückendeckung vom Staat. «Die Polizisten müssen besser geschützt sein, wenn sie zum Schutz der öffentlichen und ihrer eigenen Sicherheit durchgreifen müssen.» So wünscht T. sich eine Verschärfung der Gesetze: «Polizisten sollen nicht wie Täter behandelt werden», so T. Ansonsten seien Polizisten gehemmt, richtig durchzugreifen und ihre Arbeit zu machen. Dies zum Nachteil des Schutzes der Bevölkerung. Auch vom eigenen Verband, dem Verband der Schweizerischen Polizei-Beamten (VSPB): «Sie sollten politisch aktiver werden, dass man die Arbeit des VSPB auch als Polizist auf der Strasse spürt.»

*Name der Redaktion bekannt

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