Zeremonie-Video – «Polizisten treten gegen Staat an – das ist brandgefährlich»

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Zeremonie-Video«Polizisten treten gegen Staat an – das ist brandgefährlich»

Die massnahmenkritische Gruppierung «Wir für euch» hat ein Video veröffentlicht, in dem Kritik an der Schweizer Corona-Politik laut wird. Soziologe Marko Kovic ist besorgt über die Botschaft.

von
Christina Pirskanen

Das kürzlich veröffentlichte Video der massnahmenkritischen Gruppierung «Wir für alle».

Darum gehts

  • Die Gruppierung «Wir für euch» veröffentlichte ein Video, in dem sie sich gegen die Schweizer Corona-Politik ausspricht.

  • Das Video entstand in Zusammenarbeit mit der ebenfalls massnahmenkritischen Gruppierung «Helvetia Trychler».

  • Ein Soziologe stuft das Video als «extremistisch» und «brandgefährlich» ein.

  • SVP-Nationalrat Glarner teilte das Video.

Ein Video der massnahmenkritischen Gruppierung «Wir für euch» schlägt auch auf Social Media hohe Wellen. Viele Kommentatoren schütteln den Kopf über den Auftritt der angeblichen Polizisten: «Gibt es da nicht Konflikte mit dem Gesetz?», fragt etwa ein Twitter-User. Auf Facebook schreibt ein Mann: «Kein einziger Polizist, den ich kenne, findet das gut.»

Im Video stehen rund zwei Dutzend Personen mit einheitlichen «Wir für euch»-Hoodies am Ufer des Walensees. Eine Stimme aus dem Off kritisiert die staatlichen Corona-Massnahmen – unterstützt durch Rockmusik im Hintergrund. Bei Fackelschein greift ein Kind nach den Händen zweier uniformierter Männer. Sie zeigen sich in Polizeiuniform und Armee-Tarnanzug.

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Die massnahmenkritische Polizisten-Gruppierung «Wir für alle» veröffentlichte ein Video. Darauf stehen rund ein Dutzend Mitglieder – alle im selben Hoodie. Die Stimme im Video kritisiert die Schweizer Corona-Politik und wird dabei von Rockmusik begleitet. 

Die massnahmenkritische Polizisten-Gruppierung «Wir für alle» veröffentlichte ein Video. Darauf stehen rund ein Dutzend Mitglieder – alle im selben Hoodie. Die Stimme im Video kritisiert die Schweizer Corona-Politik und wird dabei von Rockmusik begleitet.

Screenshot wirfuereuch.ch
Soziologe Marko Kovic ist besorgt über die Botschaft des Videos: Sie gehe klar in Richtung Selbstjustiz und habe auch einen Hauch von amerikanischer Bürgerwehr. «Das ist brandgefährlich», meint der Soziologe.

Soziologe Marko Kovic ist besorgt über die Botschaft des Videos: Sie gehe klar in Richtung Selbstjustiz und habe auch einen Hauch von amerikanischer Bürgerwehr. «Das ist brandgefährlich», meint der Soziologe.

privat
SVP-Nationalrat Andreas Glarner sieht das anders. Er postete das Video auf seiner Facebook-Seite. «Ich würde nicht behaupten, dass dieses Video ‹brandgefährlich› ist», meint der Politiker. Aber: «Wenn ich als Staat Ruhe und Ordnung durchsetzen muss, dann muss ich auf die Polizei vertrauen können.»

SVP-Nationalrat Andreas Glarner sieht das anders. Er postete das Video auf seiner Facebook-Seite. «Ich würde nicht behaupten, dass dieses Video ‹brandgefährlich› ist», meint der Politiker. Aber: «Wenn ich als Staat Ruhe und Ordnung durchsetzen muss, dann muss ich auf die Polizei vertrauen können.»

20min/Simon Glauser

Video sei eine «militante Botschaft»

Diese Symbolik findet der Soziologe Marko Kovic problematisch. Das Voice-over klinge zwar halbwegs harmlos – das sei bewusst und strategisch gemacht: «So kann die Organisation bei Kritik behaupten, es sei eine ganz nette Sache, die sie machen. Die Bilder, die man sieht, zusammen mit der Musik, sind klar eine militante Botschaft», so Kovic.

Die Botschaft ist laut Kovic auf emotionaler Ebene ziemlich eindrucksvoll. Man sehe Polizisten, die sich trauten, sich zu wehren. «Das kann beeindrucken und bestätigt in einigen Köpfen wohl die Idee der Schweizer Diktatur – welche natürlich überhaupt nicht stimmt», sagt Kovic. Diesen Effekt dürfe man nicht unterschätzen.

«Einen Hauch amerikanischer Bürgerwehr»

«Das Video ist hochproblematisch», sagt Marco Kovic. «Sie positionieren sich als Polizisten, die gegen den Staat antreten, welchen sie eigentlich vertreten.» Die Botschaft des Clips gehe klar in Richtung Selbstjustiz und habe auch einen Hauch von amerikanischer Bürgerwehr. «Das ist brandgefährlich», meint der Soziologe.

Lese man, was diese Menschen offenbar glaubten, bewegt man sich laut Kovic ganz klar im extremistischen Bereich. Dies, da die Gruppe beim Corona-Zertifikat eine undifferenzierte Haltung vertrete, die keinen Dialog oder Kompromiss erlaube. Kovic ergänzt: «Darüber hinaus verbreitet sie vage Verschwörungstheorien – zum Beispiel, dass es keine unabhängigen Medien und keine unabhängige Wissenschaft mehr gebe.»

Nationalrat kann Situation der Polizei nachvollziehen

Weniger problematisch findet SVP-Nationalrat Andreas Glarner das Video, das er gar auf Facebook postete: «Ich würde nicht behaupten, dass dieses Video ‹brandgefährlich› ist», meint der Politiker. «Ich finde es verrückt, dass Polizisten nun fast anonym auftreten müssen, wenn sie Widerstand leisten und ihre Meinung äussern möchten», sagt Glarner. Er kenne einige Polizisten, die nicht mehr hinter ihrer Arbeit stehen könnten.

Er sei aber hin- und hergerissen, so Glarner. «Wenn ich als Staat Ruhe und Ordnung durchsetzen muss, dann muss ich auf die Polizei vertrauen können.» Doch auch blinder Gehorsam sei nicht das Richtige. «Es herrschen Gewissenskonflikte bei den Beamten, das ist sicherlich eine Gratwanderung für alle», sagt der Politiker.

«Wir für euch» war am Donnerstag für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Das ist «Wir für euch»

Nach eigenen Angaben besteht die Gruppierung aus Polizistinnen und Polizisten aus der ganzen Schweiz. Wie viele Mitglieder sie hat, ist unbekannt. Im Sommer hatte «Wir für euch» einen Brief an den Verband der Schweizerischen Polizeibeamten (VSPB) geschrieben, in dem sie die Corona-Massnahmen kritisiert hatten. Im Oktober deckte das Onlinemagazin «Republik» die Namen zweier Mitglieder auf. Daraufhin stellte die Kantonspolizei Zürich zwei Polizisten frei. Dies mit der Begründung, dass sie öffentlich zu Strafanzeigen gegen Polizistinnen und Polizisten aufgerufen hätten. Auf das nun veröffentlichte «Teaser-Video» dürften noch weitere folgen, wie aus der Website der Gruppierung hervorgeht.

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