Polizistin fast zu Tode gefahren – «Sie lernen es nur auf die harte Tour» – 20-Jähriger muss elf Jahre ins Gefängnis

Polizistin fast zu Tode gefahren«Sie lernen es nur auf die harte Tour» – 20-Jähriger muss elf Jahre ins Gefängnis

Ein heute 20-jähriger Mann hat vor knapp zwei Jahren auf dem Strichplatz in Zürich eine Polizistin angefahren und schwer verletzt. Nun musste er sich vor Gericht verantworten.

von
Stefan Hohler
1 / 5
Auf dem Strichplatz in Zürich-Altstetten bei der Europabrücke wurde im Februar 2020 eine Polizistin lebensbedrohlich verletzt.

Auf dem Strichplatz in Zürich-Altstetten bei der Europabrücke wurde im Februar 2020 eine Polizistin lebensbedrohlich verletzt.

20 min/hoh
Ein junger Mann hatte eine Stadtpolizistin, welche ihn kontrollieren wollte, angefahren und 16 Meter weit mitgeschleppt.

Ein junger Mann hatte eine Stadtpolizistin, welche ihn kontrollieren wollte, angefahren und 16 Meter weit mitgeschleppt.

20min/hoh
Der Lenker war mit seiner Freundin und drei Kollegen auf dem Strichplatz und sie filmten verbotenerweise die Sexarbeiterinnen.

Der Lenker war mit seiner Freundin und drei Kollegen auf dem Strichplatz und sie filmten verbotenerweise die Sexarbeiterinnen.

20min/hoh

Deine Meinung

Dienstag, 18.01.2022

Zusammenfassung

Mit dem Schuldspruch des Bezirksgerichts Zürich ist der Prozess gegen den 20-jährigen Mann, der auf dem Strichplatz in Zürich-Altstetten eine Polizistin angefahren und schwer verletzt hat, am Dienstagabend beendet worden. Die Richter verurteilten den Zürcher wegen versuchter und vollendeter schwerer Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren und drei Monaten. Er war auch wegen weiteren Raserdelikten angeklagt worden.

Der Staatsanwalt hatte wegen versuchten Mordes 16 Jahre verlangt, der Anwalt wollte eine Strafe von sechs Jahren. Diese soll zugunsten einer Einweisung in das Massnahmenzentrum Uitikon ausgesetzt werden, wo der Beschuldigte eine Lehre machen könnte. Das Gericht wählte den Mittelweg.

Der Beschuldigte und vier weitere junge Leute waren am 28. Februar 2020 auf den Strichplatz gefahren und hatten dabei die Sexarbeiterinnen gefilmt. Als eine der Frauen dies den anwesenden Polizisten sagte, wollten zwei von ihnen das Auto kontrollieren. Der Beschuldigte legte laut Anklage den Rückwärtsgang ein und fuhr zurück. Nach einigen Metern Rückwärtsfahrt stoppte der Beschuldigte, legte den Vorwärtsgang ein und gab Vollgas. Der Wagen erfasste die Polizistin und schleifte die damals 38-Jährige knapp 16 Meter weit mit.

«Sie lernen es nur auf die harte Tour»

Weiter sagt der Richter, dass der Beschuldigte leicht vermindert schuldfähig gewesen war, weil er zuvor Drogen genommen hat. Die groben Verkehrsregelverletzungen mit teilweise über 100 km/h durch die Innenstadt fallen stark ins Gewicht. «Angeblich lernen Sie es nur auf die harte Tour», sagt der Richter kopfschüttelnd.

Eine Massnahme für junge Erwachsene, wie dies der Verteidiger gefordert hat, sei bei diesem Strafmass unverhältnismässig und unmöglich. «Ich hoffe, Sie bekommen kein Auto mehr in die Finger», sagt der Richter zum Schluss.

Täter muss über elf Jahre ins Gefängnis

Das Bezirksgericht Zürich hat den Beschuldigten am Dienstagabend wegen mehrfacher, teilweise versuchter, schwerer Körperverletzung und weiteren Delikten zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren und drei Monaten verurteilt. Vom Vorwurf des versuchten Mordes wurde er freigesprochen, ein direkter Vorsatz habe nicht bestanden.

Das Gericht glaubt dem Mann nicht, dass er die Polizistin nicht bemerkt habe. «Das ist nicht glaubhaft», sagt der Vorsitzende. Alle im Auto sich befindlichen Kollegen hätten die Polizistin gesehen und auch der Beschuldigte habe in der ersten Einvernahme dies zugegeben.

Die Aufprallgeschwindigkeit hat laut dem verkehrstechnischen Gutachten 10 bis 15 km/h betragen. «Die schweren Verletzungen hat die Frau nachher beim Mitschleppen erlitten», so der Richter. Dies habe der Beschuldigte in Kauf genommen und das Vorhaben «voll durchgezogen.»

Montag, 17.01.2022

Zusammenfassung

Ein 20-jähriger Schweizer mit Wurzeln im Kosovo steht wegen versuchten Mordes vor dem Bezirksgericht Zürich. Er hatte im Februar 2020 auf dem Strichplatz eine Polizistin, die ihn kontrollieren wollte, angefahren und lebensbedrohlich verletzt. «Ich habe sie nicht bemerkt», sagte er am Prozess. Er habe auch nicht mitbekommen, dass er die Frau noch rund 16 Meter weit mit dem Auto mitschleppte. In der Untersuchung hatte der Beschuldigte aber gesagt: «Die Polizistin zog die Waffe, dann gab ich Vollgas.» Die Waffe steckte jedoch noch verschlossen in ihrem Holster, sie konnte die Pistole gar nicht gezogen haben.

Der Staatsanwalt fordert wegen versuchten Mordes und weiteren Delikten eine Freiheitsstrafe von 16 Jahren. «Der Beschuldigte wollte fliehen, koste es, was es wolle», sagte er. «Er hat das Auto als Schusswaffe genutzt.» Nach der Tat habe er im Internet nach Flugtickets in den Kosovo gesucht.

Laut dem Anwalt der schwer verletzten Polizistin leidet die Frau immer noch psychisch und physisch unter den Folgen des Vorfalls. «Ihr Leben besteht vor allem aus Training.» Jetzt könne sie wieder ohne Krücken gehen. Im letzten Jahr habe die Frau begonnen, teilzeitlich im Innendienst der Stadtpolizei zu arbeiten.

Für den Anwalt des Beschuldigten war die Tat kein versuchter Mord, sondern lediglich Gefährdung des Lebens und fahrlässige schwere Körperverletzung. «Niemand hat an diesem Abend gezielt und geplant eine Person schwer verletzen wollen, auch nicht zur Sicherung der Flucht.» Er verlangt eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren, die zugunsten einer stationären Massnahme im Massnahmenzentrum Uitikon aufgeschoben werden soll. Das Gericht wird das Urteil am Dienstagnachmittag fällen.

Urteil wird am Dienstagnachmittag gefällt

Der Anwalt zitiert aus dem psychiatrischen Gutachten, laut dem bei seinem Mandanten ohne Therapie und Medikamente ein hohes Rückfallrisiko für weitere Straftaten besteht. Zudem habe der junge Mann keine Lehre gemacht. Aus diesem Grund dränge sich eine Massnahme für junge Erwachsene auf. «Mein Mandant war zur Tatzeit gerade 18 Jahre alt.» Im Massnahmenzentrum Uitikon wäre die psychotherapeutische Betreuung gewährleistet, auch die Cannabis-Sucht könnte behandelt werden. Die Dauer einer solchen Massnahme beträgt zwischen vier und maximal sechs Jahren.

Zum Schluss des Prozesses sagt der Beschuldigte, dass er sich bei der Polizistin entschuldigen möchte und auf ein faires Urteil hoffe. Mit dem Schlusswort ist der Prozess beendet. Das Gericht wird am Dienstag um 16.30 Uhr das Urteil fällen.

Eine fatale Kurzschlussreaktion

Der Anwalt des Beschuldigen spricht in seinem Plädoyer von einer fatalen Kurzschlussreaktion. Die fünf jungen Leute im Auto wären an diesem Abend aus purem Blödsinn auf den Strichplatz gefahren, hätten eine Runde gedreht und Fotos von den Prostituierten gemacht. «Lästig, dumm und blöd», sei dies gewesen. «Aber niemand hat an diesem Abend gezielt und geplant eine Person schwer verletzen oder gar töten wollen, auch nicht zur Sicherung der Flucht.»

Für den Anwalt war die Tat kein versuchter Mord, sondern lediglich Gefährdung des Lebens und fahrlässige schwere Körperverletzung. Er verlangt eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren, die zugunsten einer stationären Massnahme für junge Erwachsene aufgeschoben werden soll. Das heisst, der junge Mann soll im Massnahmenzentrum Uitikon untergebracht werden, wo er eine Lehre absolvieren kann und therapiert wird.

Zusammenfassung

Am Prozess um den 20-jährigen Mann, der vor zwei Jahren auf dem Strichplatz in Zürich-Altstetten eine ihn kontrollierende Stadtpolizistin fast zu Tode gefahren hatte, gab sich der Beschuldigte ahnungslos. Er habe sie nicht gesehen und nicht bemerkt, dass er sie mitschleppte – dies im Gegensatz zu den Beifahrern, welche ihn angeschrieen haben, anzuhalten.

Der Staatsanwalt verlangt wegen versuchten Mordes eine Freiheitsstrafe von 16 Jahren. Der Beschuldige habe äusserst skrupellos gehandelt. Der Anwalt der schwer verletzten Polizistin sagt, dass seine Mandantin immer noch psychisch und physisch unter dem Vorfall leide. Die Frau arbeitet seit dem letzten Jahr wieder teilzeitlich im Innendienst der Stadtpolizei. Der Prozess geht um 14 Uhr mit dem Plädoyer des Anwaltes des Beschuldigten weiter.

Opfer arbeitet teilzeitlich im Innendienst

Der Anwalt der schwer verletzten Polizistin sagt, dass seine Mandantin immer noch psychisch und physisch unter den Folgen des Vorfalls leide. «Ihr Leben besteht vor allem aus Training.» Sie sei die ersten zwei Wochen im Koma gelegen. Probleme bereiten ihr das rechte Knie. Zuerst hätten die Ärzte befürchtet, dass der Unterschenkel amputiert werden müsse. Jetzt könne sie wieder ohne Krücken gehen. Im letzten Jahre habe die Frau begonnen, teilzeitlich im Innendienst der Stadtpolizei zu arbeiten.

Den Entschuldigungsbrief an die Stadtpolizistin habe der Beschuldigte einzig und allein auf Anraten seines Verteidigers verfasst. Für den Rechtsanwalt ist klar: «Echte Reue und Bedauern liegen nicht vor.» Der Beschuldigte habe in der Untersuchung vor allem Schutzbehauptungen, Ausreden und Ausflüchte gemacht. Auch sein Nachtatverhalten sei bezeichnend. Auf einem Handyfilm ist zu sehen, wie er nach dem Vorfall auf dem Strichplatz mit den anderen zuhause bei der damaligen Freundin Kokain konsumierte und eine ausgelassenen Stimmung herrschte.

Der Rechtsanwalt verlangt für seine Mandantin Schmerzensgeld und Schadenersatz. Über die Höhe äusserst er sich nicht, da die gesundheitlichen Konsequenzen noch offen sind.

«Er hat das Auto als Schusswaffe genutzt»

Staatsanwalt Martin Wyss sagt, dass der Beschuldigte bei der Verhaftung am Folgetag an seinem Wohnort in der Stadt Zürich aus dem Fenster im ersten Stock fliehen wollte. Auch die damalige Freundin auf dem Beifahrersitz tauchte unter. Dass die schwer verletzte Stadtpolizistin überlebte, sei alles andere als selbstverständlich gewesen. Man habe damals mit dem Ableben der Frau rechnen müssen. Sie verfolgt heute den Prozess per Video in einem anderen Raum. Das Opfer hat immer noch Kopfschmerzen, leidet unter Vergesslichkeit und Überempfindlichkeit und verlor irreversibel ihren Geruchssinn. Sie arbeitet heute im Innendienst bei der Stadtpolizei.

Neben der überfahrenen Stadtpolizistin waren drei weitere Personen an Leib und Leben gefährdet: Ein weiterer Polizist, ein Mitarbeiter der SIP Züri (Sicherheit Intervention Prävention) und eine anwesende Prostituierte. Sie alle konnten sich nur noch mit einem Sprung zur Seite in Sicherheit bringen. «Der Beschuldigte wollte fliehen, koste was es wolle», sagt der Staatsanwalt. «Er hat das Auto als Schusswaffe genutzt.» Er habe sich den Fluchtweg «freigeschossen», der Polizistin sei beinahe das Bein weggerissen worden. Ein besonders skrupelloses Vorgehen, das der Staatsanwalt als versuchten Mord taxiert und eine Freiheitsstrafe von 16 Jahren fordert.

Der Beschuldigte ist zudem wegen verschiedenen Strolchenfahrten in der Stadt Zürich angeklagt. «Er ist mit unglaublich hohen Geschwindigkeiten nachts durch Quartierstrassen gerast», sagt Wyss. Im weiteren sind auf seinem Handy zwei Filme mit äusserst grausamen Szenen gefunden worden.

«Scheisse, jetzt hast du sie überfahren»

An jenem verhängnisvollen 28. Februar 2020 hat er Alkohol, Cannabis und weitere Drogen konsumiert. Er könne sich aber nicht mehr genau erinnern. Auf dem Strichplatz hat einer der Beifahrer Fotos gemacht und ein Polizist auf der Beifahrerseite habe ihn mit einem Handzeichen zum Anhalten aufgefordert. «Ich bin rückwärts gefahren, weil ich wegen den Drogen unter Schock stand», antwortet er. Die drei Kollegen auf dem Hintersitz hätten geschrien: «Fahr weg!» Dies weil sich einer auf der «Kurve» befand, also aus einem Heim ausgerissen war. Alle drei Mitfahrer bestritten aber in der Untersuchung ihn zum Wegfahren aufgefordert zu haben. «Die haben sich abgesprochen.»

Er sei dann rückwärts gefahren und habe dann Vollgas geben. Dabei erfasste er die Polizistin auf der Lenkerseite. «Ich habe sie nicht gesehen, nichts gespürt und nichts gehört», behauptet er. Der Richter erwähnt, dass die drei Kollegen auf dem Hintersitz und die Freundin auf dem Beifahrersitz aber etwas bemerkt hätten. Auch das Gutachten kommt zu diesem Schluss.

In der Untersuchung hatte der Beschuldigte aber gesagt: «Die Polizistin zog die Waffe, dann gab ich Vollgas.» Ein Kollege soll geschrien haben: «Scheisse, jetzt hast du sie überfahren.» Davon will der Beschuldigte heute aber nichts mehr wissen, ebenso wenig wie die anderen gerufen hätten: «Halt an, halt an!» Die Untersuchung hatte aber gezeigt, dass die Waffe noch verschlossen im Holster steckte und die Polizistin sie gar nicht gezogen haben konnte.

Nach der Tat suchte er im Internet nach Flugtickets in den Kosovo. Zudem schrieb er einem Verwandten, dass er nicht ins Gefängnis wolle. Warum?, fragt der Richter, worauf er antwortet: «Keine Ahnung.» Er habe erst am nächsten Morgen in der Zeitung von der schwer verletzten Polizistin gelesen.

Beschuldigter will eine Lehre als Schreiner machen

Der Beschuldigte sitzt seit der Tat im Gefängnis Zürich. «Es geht mit einigermassen gut, ich arbeite in der Küche.» Er nimmt wegen seiner ADHS das Medikament Ritalin, das er schon vorher genommen, aber wieder abgesetzt hat. Er erhält Besuch von seiner Familie und der Freundin, der Mutter der knapp fünfjährigen gemeinsamen Tochter, die ihn auch besucht. Seit er im Gefängnis ist, sei der Kontakt mit ihr enger geworden, sagt er bei der Befragung durch den Richter.

Er habe früher «schon etwas viel» gekifft, sagt er. Auf die Frage des Richters: wieviel?, antwortet er: «Acht bis neun Joints pro Tag.» Daneben Ecstasy und auch Kokain. Das psychiatrische Gutachten spricht von einer dissozialen Persönlichkeitsstörung mit impulsiven Zügen sowie Cannabisabhängigkeit. Das Gutachten empfiehlt eine Massnahme für junge Erwachsene im Massnahmenzentrum Uitikon (MZU). «Das wäre gut, damit ich eine Lehre als Schreiner machen kann.» Eine Therapie würde er begrüssen und wäre bereit, mitzumachen.

Sonntag, 16.01.2022

Prozessbeginn

Ein 20-jähriger Schweizer mit Wurzeln aus dem Kosovo ist angeklagt, auf dem Strichplatz in Zürich-Altstetten im Februar 2020 eine Polizistin angefahren und lebensbedrohlich verletzt zu haben. Der Staatsanwalt fordert wegen versuchten Mordes und weiteren Delikten eine Freiheitsstrafe von 16 Jahren. Der 20-Jährige muss sich am Montag vor dem Bezirksgericht Zürich verantworten.

Fünf junge Leute waren am 28. Februar 2020 kurz nach 23 Uhr auf den Strichplatz gefahren und hatten dabei die Sexarbeiterinnen gefilmt. Als eine der Frauen dies den anwesenden Polizisten sagte, wollten zwei von ihnen das Auto kontrollieren. Der Beschuldigte legte laut Anklage den Rückwärtsgang ein und fuhr schnell zurück. Nach einigen Metern Rückwärtsfahrt stoppte der Beschuldigte, legte den Vorwärtsgang ein und gab Vollgas. Der Wagen erfasste die Polizistin und schleifte die damals 38-Jährige knapp 16 Meter weit mit.