Notwehr geltend gemacht - «Polizistin hat geschossen, obwohl sie weder angegriffen noch bedroht wurde»
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Notwehr geltend gemacht«Polizistin hat geschossen, obwohl sie weder angegriffen noch bedroht wurde»

Das Obergericht hat eine Polizistin der fahrlässigen schweren Körperverletzung schuldig gesprochen. Die drei Schüsse auf einen Einbrecher seien unverhältnismässig gewesen.

von
Stefan Hohler
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Für das Obergericht hat die Polizistin unverhältnismässig gehandelt. 

Für das Obergericht hat die Polizistin unverhältnismässig gehandelt.

20min/hoh

Darum gehts

  • Eine Polizistin hat sich am Dienstag vor dem Zürcher Obergericht verantworten müssen.

  • Die heute 36-Jährige schoss bei einer Fahndung im Mai 2016 auf einen Einbrecher.

  • Das Gericht hat sie der fahrlässigen schweren Körperverletzung schuldig gesprochen und zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt.

Es war ein regnerischer und düsterer Abend im Mai 2016, als eine Kantonspolizistin in Ossingen im Zürcher Weinland dreimal auf einen in seinem Auto sitzenden Mann schoss. Die Polizistin hatte ihn für einen gesuchten Einbrecher gehalten, deswegen sie von einer Anwohnerin alarmiert worden war.

Wie es sich später herausstellte, handelte es sich beim Schussopfer in der Tat um den gesuchten Einbrecher, der inzwischen verurteilt und ausgeschafft worden ist. Der Kosovare wurde von einer Kugel am linken Arm getroffen. Die zweite und die dritte Kugel trafen den Wagen und gingen in die Luft.

Am Prozess vor dem Obergericht vom Dienstag wollte die weiterhin bei der Zürcher Kantonspolizei tätige Frau keine Aussagen zum Vorfall machen. Die 36-Jährige war nach der Anklageerhebung für zwei Jahre in den Innendienst versetzt worden, sie ist jetzt auf einem Posten stationiert. Die Frau war im September 2020 vom Bezirksgericht Andelfingen wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt worden. Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung zogen das Urteil ans Obergericht.

«Die Beschuldigte hat falsch reagiert»

«Die Beschuldigte hat falsch reagiert», sagte die Staatsanwältin, «sie hat geschossen, obwohl sie weder angegriffen noch bedroht wurde.» Zudem sei ihr zum Zeitpunkt der Kontrolle nicht bekannt gewesen, dass es sich um einen Einbrecher handelte.

Die Polizistin hätte dem Mann befehlen müssen, im Auto sitzen zu bleiben und auf Verstärkung warten sollen. Die Staatsanwältin verlangte wegen versuchter vorsätzlicher Tötung eine teilbedingte Freiheitsstrafe von drei Jahren, wovon die Polizistin ein Jahr absitzen soll.

Der Anwalt des Schussopfers wollte für seinen Mandanten eine Genugtuung von 70’000 Franken; haften soll der Kanton Zürich. Der heute 41-jährige Fenstermonteur könne seinen linken Arm nicht mehr beugen und strecken. Er habe durch die Verletzung eine «Krallenhand» erlitten und könne nicht mehr greifen. «Er wurde zum Krüppel geschossen», sagte sein Rechtsvertreter.

«Fühlte sich an Leib und Leben bedroht»

Der Anwalt der Polizistin forderte einen vollumfänglichen Freispruch. Seine Mandantin habe den mutmasslichen Einbrecher in unmittelbarer Nähe des Tatortes angetroffen und sei von dessen Erscheinungsbild durch die alarmierende Anruferin im Bild gewesen. «Sie wusste haargenau, dass es sich um den gesuchten Einbrecher handelte.»

Der Mann sei ein notorischer Einbrecher gewesen, welcher mit einer Verhaftung rechnen musste und deshalb fliehen wollte. «Die Polizistin fühlte sich an Leib und Leben bedroht», sagte der Anwalt. Sie habe aus kurzer Distanz einen Schuss auf den Arm des Mannes abgegeben und «nie und nimmer» Tötungsabsichten gehabt.

Das Obergericht wählte wie die Vorinstanz einen Mittelweg und sprach sie vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung frei, verurteilte sie aber wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung. «Es hat keinen Grund gegeben, die Schusswaffe einzusetzen», sagte der Vorsitzende. Der Autofahrer habe sich kooperativ verhalten. «Sie haben die Situation falsch eingeschätzt», sagte der Richter weiter.

Das Gericht glaubte ihr aber, dass sie sich bedroht fühlte. Dass die Polizistin mit einer bedingten Geldstrafe von 360 Tagessätzen zu 80 Franken bestraft wurde – und nicht mit einer Freiheitsstrafe – hänge mit der nun fünfeinhalbjährigen Verfahrensdauer zusammen, sagte der Vorsitzende.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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