Schneeballsysteme: Ponzi, Madoff, Kings Club und Co.
Aktualisiert

SchneeballsystemePonzi, Madoff, Kings Club und Co.

Der Fall des mutmasslichen Milliardenbetrügers Bernard Madoff ist das wohl spektakulärste Beispiel für ein Schneeballsystem. Ein Rückblick auf einige der bekanntesten Betrügereien.

von
Peter Blunschi

Lange vor Bernard Madoff gab es Adele Spitzeder. Als Schauspielerin verstand sie es, den Leuten etwas vorzumachen. 1869 gründete sie in München die «Dachauer Volksbank» und versprach einen Monatszins von zehn Prozent. Sie wolle einfachen Leuten zu Wohlstand verhelfen, gab Adele Spitzeder vor.

Diese kratzten bereitwillig ihr ganzes Geld zusammen und gaben es dem «Engel der Armen». Spitzeder zahlte damit die Zinsen und leistete sich einen aufwendigen Lebensstil. Knapp vier Jahre ging es gut, dann forderten erste Anleger ihr Geld zurück. Das System kollabierte, etliche nun vollends mittellos gewordene Sparer brachten sich um, Adele Spitzeder wurde zu drei Jahren Haft verurteilt.

Das «Ponzi-Modell»

Als «Vater» des modernen Schneeballsystems gilt Charles Ponzi. Der gebürtige Italiener gründete 1920 in Boston eine Firma, die mit internationalen Antwortscheinen der Post handelte. Diese waren damals in den USA deutlich mehr wert als in Europa. Ponzi versprach den Anlegern einen Gewinn von 100 Prozent in drei Monaten. Worauf ihm das Geld regelrecht nachgeworfen wurde.

Doch sein Geschäft funktionierte nur in der Theorie, in der Praxis zahlte Ponzi die Zinsen aus dem investierten Geld. Auch hier brach das System zusammen, als die Anleger ihr Geld zurückforderten. Der Schaden belief sich auf die damals horrende Summe von 15 Millionen Dollar. Charles Ponzi erhielt fünf Jahre Gefängnis und zog nach seiner Entlassung in Florida einen Grundstückhandel auf, der erneut auf dem Schneeballsystem basierte. Der Begriff «Ponzi Scheme» ist in den USA heute ein Synonym für Schneeballsystem.

Der EKC und das «Letter-Valley»

Der spektakulärste Fall eines Schneeballsystems in der Schweiz war der European Kings Club (EKC), der auch in Deutschland und Österreich aktiv war. Mit Renditeversprechen von 70 Prozent brachte die charismatische Chefin Damara Bertges Anfang der 90er Jahre rund 25 000 Schweizer dazu, Anteilscheine zu 1400 Franken zu kaufen, so genannten «Letter». Vor allem in den Kantonen Glarus und Uri fand sie viele Kunden, das Urner Schächental wurde als «Letter-Valley» bekannt und später zum Gespött.

Denn die Behörden setzten dem Treiben Ende 1994 ein Ende, die Investoren verloren insgesamt rund 1,6 Milliarden Franken, während sich die Führungsspitze üppige Löhne ausbezahlt hatte. Damara Bertges wurde 1997 in Frankfurt zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, auch in der Schweiz standen einige «Letter»-Verkäufer vor Gericht.

Aufstand in Albanien

Einen fruchtbaren Boden fanden Schneeballsysteme nach dem Ende des Kommunismus in Osteuropa. Zahlreiche mit kapitalistischen Gepflogenheiten nicht vertraute Leute liessen sich von hohen Renditen blenden. Stark betroffen waren Russland und Rumänien, hier verloren Hunderttausende ihr Geld. Nirgends aber waren die Betrüger so erfolgreich wie in Albanien. Im unter Diktator Enver Hodscha jahrzehntelang isolierten Land soll die Hälfte der Bevölkerung ihr Geld auf diese Weise angelegt haben.

Als 1997 gleich mehrere betrügerische Firmen kollabierten, kam es zum so genannten «Lotterieaufstand», der Albanien in den Zustand der Anarchie versetzte. Die Regierung bat das Ausland um militärische Hilfe. Im April 1997 landeten 6000 Soldaten aus Italien, Frankreich, Spanien, der Türkei, Rumänien, Griechenland, Österreich und Dänemark in Albanien. Sie stellten die Ordnung wieder her und ermöglichten die Durchführung von Neuwahlen, bei denen die Opposition gewann.

Gefährliche «Schenkkreise»

Eine spezielle Form des Schneeballsystems sind die so genannten «Schenkkreise», die sich in den letzten Jahren in verschiedenen Schweizer Kantonen ausgebreitet haben. Der Initiant eines solchen Kreises lädt in der Regel acht Teilnehmer ein, ihm Beträge bis 8000 Franken zu «schenken». Diese müssen sich ihrerseits von acht neuen Leuten «beschenken» lassen.

Irgendwann gerät dieses Schema unweigerlich an seine Grenzen, dennoch lassen sich immer wieder Menschen für das illegale Spiel gewinnen, nicht zuletzt Frauen, obwohl die Behörden regelmässig vor Schenkkreisen warnen. «Gier frisst Hirn», lautet ein häufig zitierter Kommentar. Er lässt sich auch auf «grosse Fische» wie Bernard Madoff anwenden.

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