Aktualisiert 04.05.2006 11:53

«Popetown»: Alles halb so wild

Nachdem am Mittwoch Nachmittag das Landgericht in München I ein Verbot der umstrittenen Zeichentrick-Serie abgelehnt hat, strahlte MTV am gleichen Abend die erste Folge aus. Und nach dieser ersten Sendung ist man geneigt, dem Gerichtsurteil Glauben zu schenken: «Zu dumm, um beleidigend zu sein.»

MTV-News-Moderator Markus Kavka stellte zu Beginn des «MTV News Mag Specials» seine Podiumsgäste vor, die vor der Ausstrahlung der ersten Folge der kontroversen Comic-Serie ihre Meinungen vertreten sollten. Der Musiksender hatte unter anderem Smudo von den Fantastischen Vier, Dirk Tänzler (Geschäftsführer der deutschen katholischen Jugend), Joachim von Gottberg (Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen) und Johannes Vogel (Vorsitzender der jungen Liberalen) eingeladen.

Diese Gäste hatten «Popetown« bereits gesehen und hatten sich somit eine Meinung im Vorfeld bilden können.

Dirk Tänzler gefiel nicht, dass sich «Popetown auf Kosten anderer lustig macht.» Joachim von Gottberg (FSF), der die Sendung für MTV freigab, hielt dagegen: «In der Sendung wird die Lehre nicht angegriffen, nur die Institution. Kein Mensch oder Jugendlicher kommt auf die Idee, dass hier Kirchenkritik stattfindet.»

HipHop-Künstler Smudo doppelt nach: «Ich mag es zu provozieren. Provokation sorgt dafür, dass darüber gesprochen wird, dass ein Dialog entsteht.»

Nach etwa 20 Minuten seichter Diskussion wurde dann endlich das ausgestrahlt, worüber sich in Deutschland während den letzten Wochen die Gemüter in Politik und Kirche massiv erhitzt hatten, die erste Folge von «Popetown».

Und das sah folgendermassen aus: Gleich zu Beginn wird der Papst vorgestellt, der wie ein kleines Kind nach seinem Spielzeug schreit, so dass seine Assistenten wie von der Tarantel gestochen, durch den Vatikan rennen und die Spielzeuge einsammeln. Lustig? Na, ja. Als nächste «Provokation» werden drei Kardinäle gezeigt, die auf Schwimmsesseln im Pool mit einer Zigarre in der Hand darüber diskutieren, wie viel Geld sie mit dem «Tag der Waisenkinder» machen können. Dabei sollen behinderte Waisenkinder für möglichst viel Geld in die Sklaverei verkauft werden. Danach will der Papst im Park des Vatikan Versteck spielen. Und verirrt sich dabei in den Katakomben Roms. Deshalb muss ein Papst-Double für die angesagte Messe zu Ehren der eingeflogenen behinderten Waisenkinder angestellt werden. Der gibt während der päpstlichen Audienz jüdische Witze zum besten und begeistert sein junges Publikum mit akrobatischen Einlagen.

Die Kardinäle sehen das schon als «die Rückkehr des Humors in den Vatikan» und planen sofort eine «grosse Tour des Lachens» mit dem geistlichen Oberhaupt der Christen. Der eigentliche Papst irrt in dieser Zeit immer noch durch den römischen Untergrund, wird von einem Wachmann gefangen genommen und zum Steineklopfen an einem Fliessband verdonnert. In einem Anfall cholerischer Wut kann er sich aber wieder befreien und kämpft sich mit einem Maschinengewehr seinen Weg frei. Als der Papst seinen persönlichen Assistenten für sein verräterisches Verhalten bestrafen will, kann der ihn mit dem Versprechen besänftigen, dass sie «Fischstäbchen essen» könnten. Ende der ersten Folge.

Die Reaktion des Studiopublikums bei MTV nach der Erstausstrahlung dürfte repräsentativ sein für die Meinung der meisten Zuschauer: Es gab unmotiviertes Klatschen und gelangweilte Gesichter zu sehen.

tom

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