In Schwulen-Szene: «Poppers bleibt eine Sexdroge»
Aktualisiert

In Schwulen-Szene«Poppers bleibt eine Sexdroge»

Nach dem tödlichen Poppers-Irrtum einer jungen Genferin stellen sich Fragen: Was ist überhaupt Poppers und wer konsumiert die Substanz? Suchtexperten klären auf.

von
Adrian Müller
Ein Fläschchen «Jungle Juice» wurde der 21-jährigen Genfer Partygängerin zum Verhängnis: Sie starb zwei Tage nach dem Konsum im Spital.

Ein Fläschchen «Jungle Juice» wurde der 21-jährigen Genfer Partygängerin zum Verhängnis: Sie starb zwei Tage nach dem Konsum im Spital.

zvg

Tödlicher Irrtum: Ein angeheiterter Abend und ein Fläschchen Poppers führte die 21-jährige Genferin F.G. ins Unglück. Sie starb am Sonntagabend, nachdem sie auf einer Party im französischen Grenzgebiet die Droge geschluckt statt inhaliert hatte.

Die kleinen Poppers-Fläschchen mit fantasievollen Namen wie «Jungle Juice» oder «Blue Boy» geistern seit den 1980er-Jahren hauptsächlich in der Schwulen-Szene herum. In der Schweiz sind sie in Online-Shops problemlos erhältlich (siehe Box). Einmal inhaliert, erweitert der Wirkstoff Amylnitrit die Blutgefässe, Euphorie kommt auf. Laut Erfahrungsberichten löst der Poppers-Konsum eine starke sexuelle Erregung aus, begleitet von kurzen, heftigen Flashs. Die Muskeln entspannen sich, ein wohliges Schwebegefühl entsteht.

Für den Zürcher Suchtexperten und Streetworker Alexander Bücheli ist das Disco-Drama der jungen Genferin ein absoluter Einzelfall: «Poppers wird vor allem in der Gay-Szene als Sex-Stimulator konsumiert und spielt als Party-Droge fast keine Rolle mehr.» In einer Umfrage hätten 2010 weniger als ein Prozent der befragten Nachtschwärmer angegeben, im Ausgang Poppers zu konsumieren. Zum Vergleich: 27 Prozent erwähnten, regelmässig Kokain zu schnupfen.

Schlucken führt zu Überdosis

Fatal kann aber der Rausch enden, wenn man das ganze Fläschchen trinkt. «Dann ist die Wirkung um ein vielfaches stärker, eine Überdosis ist die Folge», sagt Christine Rauber, Leitende Ärztin beim Tox-Institut, zu 20 Minuten Online. Ein Koma wegen zu wenig Sauerstoff im Blut kann auftreten.

Einen tödlicher Poppers-Vorfall wie jener der jungen Genferin sei seit Einführung der Statistik 1997 nicht registriert worden. «Ärzte haben uns in den letzten 15 Jahren 20 Fälle von Poppers-Vergiftungen gemeldet, weil die Substanz geschluckt statt inhaliert wurde.» Nur ein Patient habe durch die Droge eine schwere Vergiftung erlitten, habe sich aber wieder erholt. Auch Rauber stellt klar: «Im Vergleich zu anderen Drogen sind diese Zahlen sehr gering.»

Chemische Substanzen werden aus dem Nachtleben nie verschwinden, die Einnahme erfolgt aber immer bewusster: «Unsere Erfahrung zeigt: Die Mehrheit der Konsumenten von Designer-Drogen wissen genau, was und wie sie Sachen nehmen müssen, ohne sich akuten Gefahren auszusetzen», erklärt Bücheli. Der Vorfall zeige aber, dass die Drogen-Aufklärung weiterhin sehr wichtig sei (weitere Infos auf www.saferparty.ch)

Warum musste die junge Genferin sterben? Wollte sie die Droge überhaupt konsumieren oder hat sie das Fläschchen mit einem Energydrink verwechselt? Die Genfer Staatsanwaltschaft ermittelt.

Offiziell keine Droge

Laut Angaben des Bundesamts für Gesundheit (BAG) beinhalten Poppers Wirkstoffe wie Amylnitrit, Butylnitrit oder Isobutylnitrit beziehungsweise eine Mischung dieser Substanzen. «Diese Stoffe sind allerdings keine Betäubungsmittel und fallen daher auch nicht unter das Betäubungsmittelgesetz», sagt eine BAG-Sprecherin. Die einzelnen Chemikalien seien wiederum gesetzlich geregelt – ein typischer Graumarkt also. Im Internet können die Fläschen deshalb relativ einfach besorgt werden.

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