Geschluckt statt inhaliert: Poppers vergiftet pro Jahr rund fünf Personen
Aktualisiert

Geschluckt statt inhaliertPoppers vergiftet pro Jahr rund fünf Personen

Zwei Männer aus dem Kanton Luzern landeten nach dem Konsum von Poppers im Spital. Das Toxikologische Informationszentrum registriert solche Fälle immer wieder.

von
Marco Lüssi
Im Schnitt erleidet in der Schweiz alle drei Monate jemand eine Vergiftung durch Poppers.

Im Schnitt erleidet in der Schweiz alle drei Monate jemand eine Vergiftung durch Poppers.

Wegen Poppers landeten im Kanton Luzern zwei Besucher von Fasnachtsbällen im Spital – zeitweise befanden sie sich in kritischem Zustand. Bei den beiden jungen Männern dürfte es sich nicht um geübte Konsumenten gehandelt haben, denn sie nahmen Poppers falsch zu sich: Statt es zu inhalieren, tranken sie es.

Ein Einzelfall ist dies nicht. Das Schweizerische Toxikologische Informationszentrum (Tox) ist laut Direktor Hugo Kupferschmidt immer wieder mit Vergiftungen konfrontiert, die durch Poppers hervorgerufen werden. Dem Tox werde etwa alle drei Monate ein Vorfall mit Poppers gemeldet – also rund fünf im Jahr. «Das ist kein häufiges, aber ein regelmässig auftretendes Phänomen.» Die Fälle mit schweren Vergiftungen würden dabei wohl jeweils durch das Schlucken der Droge ausgelöst.

«Vor allem in der Gay-Szene verbreitet»

Eine Zunahme beobachtet man beim Tox nicht. Auch Szenekenner aus dem Nachtleben stellen keinen neuen Trend zum Poppers-Konsum fest. Christian Kobel, Betriebsleiter der Zürcher Jugendberatung Streetwork, sagt: «Poppers ist wie schon seit den Achtzigerjahren auch heute noch vor allem in der Gay-Szene verbreitet.» In diesen Kreisen wisse jeder, dass Poppers nicht getrunken werden dürfe. Ganz ungefährlich sei aber auch das Inhalieren nicht: «Poppers bewirkt, dass der Blutdruck rapide fällt – dies kann zu Stürzen führen.»

Richtig gefährlich werde es aber, wenn uninformierte Personen durch das Trinken von Poppers eine Überdosis zu sich nehmen: «Dies kann beispielsweise passieren, wenn es an Grossanlässen verkauft wird.» Optisch würden die Poppers-Fläschchen den Energydrink-Shots ähneln. Einer 21-jährigen Genferin wurde dies im Januar 2012 zum Verhängnis. Auch sie schluckte Poppers – und bezahlte dafür mit ihrem Leben.

Als «Raumbedufter» oder «Lederreiniger» verkauft

Das Kontrolllabor des Kantonsapotherkeramts Bern hat 2011 in Sexshops und bei Online-Händlern Poppers besorgt – und dabei festgestellt, dass der eigentlich Verwendungszweck mit «abenteuerlichen Angaben» wie «Raumbedufter, Aromastoff, flüssiger Weihrauch oder Lederreiniger» vertrieben wurde, wie es in einem Bericht des Amts heisst. Anbieter dieser Produkte wurden den Strafverfolgungsbehörden gemeldet. Der Verkauf von Poppers ist in der Schweiz untersagt, während der Konsum nicht bestraft wird.

Zahlen zum Konsum von Poppers in der Schweiz wurden bei einer Online-Umfrage erhoben, die das Centre for Drug Resarch vor zwei Jahren zusammen mit der Goethe-Universität Frankfurt am Main bei Schweizer Konsumenten synthetischer Drogen durchgeführt hat: 40 Prozent gaben an, Poppers schon mindestens einmal im Leben genommen zu haben. Damit folgt Poppers an achter Stelle nach Hanf, Ecstasy, Speed, Kokain, Zauberpilzen, LSD und psychoaktiven Medikamenten und steht noch vor GHB/GBL.

Poppers wird oft vor dem Sex konsumiert

Das in Poppers enthaltene Amylnitrit wurde ursprünglich als Arzneimittel gegen die Herzerkrankung Angina pectoris verwendet. Wegen der aphrodisierenden und schmerzstillenden Wirkung wurde die Substanz aber auch als «Sex-Droge» beliebt – vor allem bei Schwulen: Vor dem Analverkehr wird Poppers vom passiven Partner verwendet, um den Schliessmuskel zu entspannen und eventuell durch Verkrampfung auftretenden Schmerzen vorzubeugen. Als Partydroge im Nachtleben ist Poppers hingegen nicht besonders verbreitet.

Die in Poppers enthaltenen Wirkstoffe fallen in der Schweiz nicht unter das Betäubungsmittelgesetz, offiziell handelt es sich also nicht um eine Droge. Die Wirkung von Poppers setzt nach wenigen Sekunden ein und dauert maximal zehn Minuten. Unerwünschte Effekte können Hautrötungen, Schwindel und Kopfschmerzen sein, zudem kann es zu Herzrasen, Übelkeit und starkem Schwitzen kommen. Eine gefährliche Wechselwirkung ensteht, wenn Poppers mit Potenzmitteln wie Viagra kombiniert wird: Dann droht ein lebensgefährlicher Blutdruckabfall. (lüs)

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