Pornokonsumenten in kurzen Hosen
Aktualisiert

Pornokonsumenten in kurzen Hosen

Harte Pornographie und Gewaltexzesse auf Handys von Primarschülern: Die Jugendanwälte sind mit einem neuen Phänomen konfrontiert und suchen nach adäquaten Strafen und Massnahmen.

In Wil könnten die Küchen in Altersheimen und die Rasenflächen städtischer Anlagen bald von sehr jungen Porno- und Gewaltkonsumenten bevölkert sein. Nicht nur in Wil, auch in Genf, im Aargau und in Zürich sind auf Handys von Primarschülern extreme Gewaltdarstellungen und harte Pornographie gefunden worden. Sind die Besitzer solcher Videos zehn Jahre oder älter, müssen sich die Jugendanwälte mit den Tätern befassen. Noch herrscht Ratlosigkeit darüber, wie diese bestraft werden sollen.

Gewalttätigkeit eindringlich darstellen

Der Wiler Jugendanwalt Thomas Angehrn betritt mit solch jungen Konsumenten von Sex- und Gewaltfilmchen Neuland. Erfahrung in solchen Fällen hat er dementsprechend wenig. «Die Erfahrungswerte fehlen völlig, es wäre bei der Jugendanwaltschaft Wil der erste derart gelagerte Fall, der zur Anzeige käme», sagt Angehrn. Noch ist nicht sicher, ob der Wiler Primarschüler tatsächlich harte Gewalt gespeichert hatte. Strafbar sind laut Gesetz erst Darstellungen, die «grausame Gewalttätigkeit gegen Menschen oder Tiere eindringlich darstellen und dabei die elementare Würde des Menschen in schwerer Weise verletzen».

Abwaschen und Unkraut jäten

Mit dem Besitz solcher Darstellungen machen sich bereits Zehnjährige strafbar. Für Angehrn ist klar, dass die kleinen «Täter» um eine Strafe nicht herumkommen. Für Delinquenten im Alter von zehn Jahren werden Arbeitsleistungen angeordnet, die in ihrer Komplexität dem Alter der Gestraften gerecht werden. «Das kann zum Beispiel Abwaschen in einer Grossküche oder Unkraut jäten sein», sagt Angehrn.

Ab zum Kriminologen

Die erzieherischen Massnahmen müssten gegebenenfalls auch durch therapeutische ergänzt werden. Angehrn denkt an Kurse im Umgang mit Internet und Handy bei einem geeigneten Psychologen. Diese Massnahme wäre aber neu und die Therapie gälte es erst noch zu entwickeln. «Sollte sich dieser Fall erhärten, würde ich mich dahingehend orientieren», sagt Angehrn. Er hat bereits eine Idee. Er will die jungen Delinquenten zum Kriminologen Karl Weilbach schicken. Dieser führt in St. Gallen Gruppentherapien mit jugendlichen Gewalttätern durch. Dieser will sich der Porno- und Gewaltsünder im Kindesalter annehmen. Weilbach will das Problembewusstsein der Kinder stärken, ihre verinnerlichten Ausreden auseinandernehmen. «Die Jugendanwaltschaft kann den Kindern zeigen, dass ihr Tun illegal ist, das verstehen sie ja noch nicht. Bei solch jungen Menschen ist die moralische Reife noch nicht ausgeprägt », sagt Weilbach. Eine Garantie auf Erfolg gibt es nicht: «Man kann vielleicht einen Beitrag zum moralischen Wertesystem des Kindes leisten, weitgehend hängt dieses aber von dessen Lebenswelt ab.»

Zwar ist in Wil bisher nur ein Primarschüler mit einem harten Gewaltfilm auf dem Handy aufgetaucht. Weilbach stellt aber düstere Prognosen. Wenn erstmal ein öffentliches Bewusstsein für das Phänomen geschaffen ist, werde er schnell vier bis fünf Kinder für eine Gruppentherapie zusammenhaben, so seine Befürchtung.

Maurice Thiriet, 20minuten.ch

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