Internetwirtschaft: Pornos sind keine Kunst mehr
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InternetwirtschaftPornos sind keine Kunst mehr

Amateure und Piraten zwingen die Erotikindustrie in die Knie. Opfer sind nicht nur Umsätze, sondern auch Drehbücher.

von
hst

«Im Internet beträgt die Aufmerksamkeitsspanne drei bis fünf Minuten», sagte Steven Hirsch, Vize-Chef des US-Unternehmens Vivid, kürzlich der New York Times. Bis zu 60 Werke produziert das Unternehmen im Jahr. Noch vor drei Jahren seien fast alle davon solche in Spielfilmlänge gewesen und hätten richtige Drehbücher gehabt, so der Bericht weiter.

Vivid wurde spätestens mit Filmen wie «Pirates» weltweit bekannt, einer aufwändigen Porno-Version von «Fluch der Karibik». Doch auf solche Filme, die schon mal Budgets von über einer Million Dollar hatten, setzt die Firma immer seltener, wie Hirsch berichtet: «Mehr als die Hälfte unserer Produktionen bestehen mittlerweile aus lose aneinandergereihten Sexszenen, die man online auch einzeln präsentieren kann.»

YouPorn ist erste Wahl

Im Netz haben andere Seiten aber professionellen Anbietern längst den Rang abgelaufen. Bekanntestes Portal ist YouPorn, das wie seine Konkurrenz auf Jugenschutzsysteme verzichtet. Die Webseite wird vom Webdienstleister Alexa.com mittlerweile auf Platz 47 der meistbesuchten Webseiten geführt. Da Alexa nur lückenhafte Angaben über seine Messmethoden macht, ist diese Platzierung aber allenfalls als Trend zu sehen. Dies bestätigt sich, wenn man Alexa-Zahlen mit denen offizieller Messanbieter vergleicht: Die Verhältnisse stimmen in der Regel, bei den absoluten Zahlen gibt es Abweichungen. Vivid.com liegt übrigens auf Rang 15 843.

YouPorn und Co haben dazu geführt, dass zum Beispiel in den USA die Verkäufe von Porno-DVDs im Zeitraum 2006 bis heute um etwa die Hälfte abgenommen haben, wie die New York Times schreibt. Denn im Netz präsentieren Millionen User Kurzfilme, an denen sie keine Rechte haben. Weil Camcorder, Schnittprogramme und sonstige Tools immer günstiger oder sogar gratis geworden sind, kostet die Herstellung eines Amateurfilms deutlich weniger als vor Jahren. So sind auch zahlreiche Privatpornos auf den einschlägigen Seiten zu finden.

Auch hierzulande hat die Branche mit Umsatzverlusten zu kämpfen: Laut einem Sprecher des Vertriebsunternehmens Media Entertainment Establishment ist der DVD-Absatz in den vergangenen Jahren um knapp 45 Prozent geschrumpft. Nur etwa 20 Prozent konnten durch neue Vertriebskanäle wie das Internet aufgefangen werden. «Seit etwa einem Jahr nehmen die Verkäufe von DVDs in unseren Filialen ab», hatte Dominik Stöckli, Chef-Einkäufer der 16 Erotikmarkt-Filialen, bereits 2008 zu 20 Minuten Online gesagt. Die DVD wollte er damals aber nicht vorzeitig beerdigen: «Viele Kunden möchten die Pornofilme in hoher Auflösung auf ihrem Flat-Screen sehen und setzen auf Qualität. Da können die schlecht aufgelösten Amateur-Filmchen auf youporn.com nicht mithalten.»

«Wie soll man damit Geld verdienen?»

Das soll Steven Hirsch zumindest zeitweilig anders gesehen haben. Denn immerhin soll er einem Bericht des US-Magazins Portfolio zufolge vor zwei Jahren einen Abgesandten von YouPorn empfangen haben, um über eine Übernahme zu sprechen. «Es hätte aber keinen Sinn», sagte er der Portfolio-Journalistin einen Monat später, «die Seite verschenkt Pornos. Wie soll man damit Geld verdienen?»

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