Aktualisiert

Portugal gedenkt der Nelkenrevolution vor 30 Jahren

30 Jahre nach der portugiesischen «Nelkenrevolution» vom 25. April 1974 steht das Ereignis im Mittelpunkt einer breit geführten Debatte im Land.

Die regierenden Rechtsliberalen von Ministerpräsident José Manuel Durão Barroso, die in Portugal als Sozialdemokraten firmieren, legen den Akzent auf den evolutionären Aspekt des Umsturzes. Dieser beendete eine 48 Jahre währende Diktatur unter Antonio de Oliveira Salazar und seinem Nachfolger Marcello Caetano.

Dagegen halten die oppositionellen Sozialdemokraten von der Sozialistischen Partei, die mit Jorge Sampaio den Staatschef stellen, am Begriff der «Revolution» im Sinne eines tiefgreifenden Systemwandels fest.

Die radikale Linke wiederum wirft den Sozialisten vor, den damaligen revolutionären Prozess - mit erheblicher finanzieller Unterstützung der SPD - abgewürgt, den Revolutionsrat entmachtet und statt eines sozialistisch-marxistischen Portugals eine bürgerliche Demokratie errichtet zu haben.

Plakate abgeändert

Tausende in der Hauptstadt Lissabon und anderswo verklebte Regierungsplakate mit der Aufschrift «April ist Evolution» wurden dieser Tage über Nacht von unbekannter Hand verändert: durch ein strategisch platziertes «R» zu Beginn des letzten Worts wurde aus der Losung der regierenden Sozialdemokratischen Partei (PSD) «April ist Revolution».

Das im portugiesischen Radio in der Nacht zum 25. April 1974 ausgestrahlte, von der Zensur verbotene Lied «Grândola vila morena» (Grandola, braune Stadt) von José Afonso war für die linksgerichteten Offiziere von der «Bewegung der Streitkräfte» das Signal zum Losschlagen.

Fast ohne Blutvergiessen

Fast ohne Blutvergiessen ging die ultrarechte Diktatur zu Ende. In den Strassen feierten die Menschen mit den Soldaten, steckten ihnen rote Nelken in die Gewehrläufe.

Doch der schmutzige Krieg in Portugals afrikanischen Kolonien wie Angola und Mosambik dauerte zunächst an; bis zur endgültigen Unabhängigkeit dauerte es noch mehr als ein Jahr.

Der heutigen Staatsführung geht es bei ihrer derzeitigen Kampagne vor allem darum, ihr Evolutionskonzept der Jugend nahe zu bringen, die weder die bleiernen Jahre der Diktatur noch den Freiheitstaumel nach ihrem Sturz erlebt hat.

Sie verweist darauf, dass die Analphabetenrate von 25 Prozent im Jahr 1970 auf neun Prozent im Jahr 2001 sank, und derzeit nahezu alle Portugiesen über Strom und fliessend Wasser verfügen, während sich in den Endjahren der Diktatur ein Drittel der Bevölkerung mit Kerzen und Öllampen behelfen musste und nur die Hälfte Wasser aus dem Hahn hatte.

Streiten um Begriff

«Von Evolution ohne von Revolution zu sprechen, zeugt von grosser intellektueller Unaufrichtigkeit», sagt der frühere Hauptmann Vasco Lourenço, einer der Führer des Umsturzes von 1974. «Der 25. April war der Bruch mit einem System - eine Revolution, die den Weg für eine positive Evolution gebahnt hat».

Für den Historiker Fernando Rosas, Mitglied des links von der Kommunistischen Partei stehenden und im Parlament mit drei Abgeordneten vertretenen Linksblocks (BE), kann von einer Evolution schon deshalb keine Rede sein, «weil die portugiesische Rechte sich als unfähig erwiesen hat, den Übergangsprozess zu Ende zu führen».

Der frühere sozialdemokratische Staatschef Mario Soares, einer der Hauptakteure der nachrevolutionären Entwicklung, findet den Begriff Evolution im Zusammenhang mit dem 25. April 1975 schlicht «dumm». Die drei Pfeiler des Regimes - Geheimpolizei, Zensur und Einheitspartei - seien gleich am ersten Tag eingestürzt.

Es habe «keine schleichende Transition, sondern tatsächlich eine Revolution» gegeben, sagt er. Das schmälere keineswegs die Errungenschaften der vergangenen 30 Jahre.

Dagegen habe Caetano die «Evolution in der Kontinuität» angekündigt, als er 1968 Salazars Nachfolge angetreten habe. Es habe aber bis zum 25. April 1974 nur «Kontinuität» gegeben.

Von ideologischem Erbe befreit

15 Jahre später räumte das portugiesische Parlament mit dem ideologischen Erbe der «Nelkenrevolution» auf. Mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit verabschiedete es eine Verfassungsänderung, die alle sozialistischen Inhalte aus dem 1976 angenommenen Grundgesetz tilgte.

Für die Verfassungsänderung stimmten unter anderen die regierenden Sozialdemokraten (PSD) und die Sozialisten (PS) als grösste Oppositionspartei.

(sda)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.