Optimistischer Irrtum: Positives Denken schadet Karriere und Gesundheit
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Optimistischer IrrtumPositives Denken schadet Karriere und Gesundheit

Tausende Selbsthilfe-Gurus setzen auf positives Denken. Wer glaubt, mit ihrem Mantra an sein Ziel zu gelangen, kann böse Überraschungen erleben. Zum Glück gibt es eine Alternative.

von
ske

Nur positiv denken, dann kommt alles gut. Man stelle sich einfach genau vor, was man beruflich erreichen will, schon klingelt das Telefon und man erhält ein Job-Angebot. Oder man denke ganz intensiv darüber nach, wie es wäre, Millionär zu sein und plötzlich schwimmt man im Geld. Hunderte Selbsthilfe-Gurus haben mit diesem Mantra ein Vermögen verdient. Selbsthilfe-Bücher publiziert. In Magazinen Selbsthilfe-Tipps gegeben. Und Selbsthilfe-Kurse angeboten. Positiv denken also und das Glück steht vor der Tür?

Nein, sagen Wissenschaftler. Im Gegenteil. Schon lange warnen Forscher, dass positives Denken krank machen kann. Wer zum Beispiel eine lebensbedrohende Krankheit hat und krampfhaft versucht, sich mit positivem Denken am Leben zu halten, kann unter Umständen noch kränker werden. Nicht jeder kann mit dem Druck umgehen, ständig positiv denken zu müssen. Für viele sei wichtig, auch deprimiert sein zu dürfen, schrieb die «Zeit» im Januar 2011. Positives Denken kann aber nicht nur krank machen – der Wunschgedanke kann auch bewirken, dass genau das Gegenteil eintritt. Der britische Professor für Public Understanding of Psychology Richard Wiseman hat im «Guardian» mehrere Studien zusammengetragen, die zeigen, dass positives Denken nicht nur nichts nützt, sondern sogar schaden kann und es eine sinnvollere Alternative dazu gibt.

Schlechte Noten nach positivem Denken

Bei einer Studie, die an der University of California durchgeführt wurde, mussten sich Studenten täglich ein paar Mal vorstellen, dass sie bei der nächsten Prüfung eine bessere Note bekommen. Doch die guten Noten blieben aus. Obwohl die Tagträumer-Übung nur wenige Minuten in Anspruch nahm, lernten die Studierenden weniger und bekamen allesamt eine schlechtere Note als diejenigen, die sich nicht auf die gute Note konzentriert hatten.

In einem anderen Experiment der New York University mussten Absolventen aufschreiben, wie oft sie darüber nachdenken, nach dem College ihren Traum-Job zu ergattern. Genützt hat das viele Denken nichts. Studierende, die regelmässig von einem späteren Erfolg zu träumten, erhielten weniger Angebote als diejenigen, die weniger darüber nachdachten.

Nicht positives Denken – positives Handeln

Richard Wiseman geht aufgrund dieser Studien davon aus, dass diejenigen, die regelmässig über ein wunderbares Leben phantasieren, schlechter auf Rückschläge vorbereitet seien. Oder nur widerwillig die notwendigen Bemühungen in Angriff nehmen, die es braucht, um hoch gesetzte Ziele zu erreichen. Für ihn ist klar: Sich das perfekte Ich vorzustellen, ist nicht gut für das eigene Leben. Selbstverständlich lässt uns der Psychologe mit dieser traurigen Erkenntnis nicht einfach zurück. Vielmehr wartet er mit Tipps auf, wie das Leben wirklich besser wird. Statt positivem Denken setzt er ganz auf positives Handeln. Hier folge das Denken dem Handeln.

Diese Erkenntnis geht auf ein Werk des Psychologen William James ins 19. Jahrhundert zurück. James hatte sich 1890 in «The Principles of Psychology» mit der Beziehung zwischen Emotionen und Verhalten beschäftigt. Aufgrund des alltäglichen Lebens gehe man davon aus, dass die Gefühle ein bestimmtes Verhalten verursachen. James war aber überzeugt, dass das Verhalten auch die Gefühle beeinflussen könne.

Mundwinkel nach oben ziehen macht glücklich

James Theorie wurde erst in den 1970er Jahren genauer geprüft. Damals lud der Psychologe James Laird von der Clark University Freiwillige ins Labor ein und bat sie, bestimmte Gesichtsausdrücke anzunehmen. Um einen wütenden Gesichtsausdruck zu bekommen, mussten die Teilnehmer ihre Augenbrauen zusammenziehen. Für einen glücklichen Ausdruck mussten sie die Mundwinkel nach oben ziehen. Tatsächlich fühlten sich die Teilnehmer deutlich glücklicher, nachdem sie gezwungen wurden, zu lächeln. Und wütender, nachdem sie die Augenbrauen zusammengezogen hatten.

Die Willenskraft wiederum wächst, wenn man die Muskeln anspannt. Bei einer Untersuchung der National University of Singapore sollten Studienteilnehmer ein Café besuchen und versuchen, nichts Süsses zu essen. Die zweite Gruppe sollte beim Betreten des Cafés zusätzlich die Muskeln anspannen. Diese simple Übung führte dazu, dass diejenigen, die ihre Muskeln angespannt hatten, gesünderes Essen kauften, als diejenigen, die nur mit positivem Denken versuchten, den Süssigkeiten zu widerstehen.

Mit dem Prinzip, das Richard Wiseman «Als ob» («As if») nennt, lässt sich auch Selbstvertrauen antrainieren. Dana Carney von der Columbia Business School führte eine Studie durch, bei der Freiwillige in zwei Gruppen eingeteilt wurden. Die eine Gruppe musste stehen, die Hände in den Schoss legen und auf den Boden schauen. Die andere Gruppe sollte sich an einen Schreibtisch setzen, die Füsse auf den Tisch legen, die Hände hinter dem Kopf verschränken und nach oben blicken. Die Macht-Posen führten bei den Testpersonen zu einem signifikant höheren Testosteron-Level. Allein die Veränderung der Körperhaltung kann also chemische Prozesse im Körper beeinflussen.

20 Jahre jünger geworden

Das «Als ob»-Prinzip könne sogar dazu führen, dass man sich jünger fühle, berichtet Wiseman. Die Harvard Psychologie-Professorin Ellen Langer rekrutierte 1979 eine Gruppe von Männern um die 70. Vor der Studie mass sie die Kraft der Test-Teilnehmer, ihre Postur, ihr Augenlicht und ihr Erinnerungsvermögen. Dann ging die Gruppe an einen Rückzugsort, wo Langer die Teilnehmer bat, sich so zu verhalten, als wären sie 20 Jahre jünger. Vor Ort war zum Beispiel niemand, der ihnen dabei half, ihr Gepäck aus dem Auto zu tragen. Es gab keinerlei Bewegungshilfen im Haus. Im Gebäude befanden sich verschiedene Objekte aus den 1950er Jahren und alle Teilnehmer mussten Gespräche über die Vergangenheit in der Gegenwart führen. Ausserdem durfte über nichts gesprochen werden, das nach 1959 passiert war.

Innerhalb weniger Tage veränderte sich das Verhalten der Teilnehmer enorm. Die Männer bewegten sich plötzlich schneller und selbstbewusster. Mehrere Teilnehmer wollten ohne Gehstock herumlaufen. Sie konnten sich wieder besser erinnern, Blutdruck, Augenlicht und Gehör verbesserten sich ebenfalls. Indem sich die Männer wie deutlich jüngere Menschen verhielten, wurden sie plötzlich auch geistig und körperlich wieder fitter.

Die Theorie von William James ist laut Richard Wiseman die einzig wahre Selbsthilfe-Fiebel. Dank der Positiv-Handeln-Methode würden Menschen glücklicher und weniger ängstlich. Sie leben länger, bleiben schlanker und haben mehr Selbstvertrauen. Wie man im Alltag statt mit positivem Denken mit positivem Handeln besser durchs Leben kommt, sehen Sie in der obigen Bildstrecke.

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