Studie: Post holen, Eier ausleihen, Blumen giessen – Schweizer sind gute Nachbarn

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StudiePost holen, Eier ausleihen, Blumen giessen – Schweizer sind gute Nachbarn

Schweizer leben lieber auf Distanz mit ihren Nachbarn und wollen diese nicht besser kennenlernen. Trotzdem helfen sie einander gerne aus und vertrauen einander, wie eine neue Studie zeigt. 

von
Marino Walser
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Eine Studie des Gottlieb Duttweiler Institut zeigt: Herr und Frau Schweizer kennen ihre Nachbarn kaum. 81 Prozent der Befragten bevorzugen es, den Kontakt mit den Nachbarn auf ein Minimum zu beschränken.

Eine Studie des Gottlieb Duttweiler Institut zeigt: Herr und Frau Schweizer kennen ihre Nachbarn kaum. 81 Prozent der Befragten bevorzugen es, den Kontakt mit den Nachbarn auf ein Minimum zu beschränken.

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Trotzdem funktioniert die Nachbarschaft laut den Studienautoren in der Schweiz überraschend gut: «Das Verhältnis zwischen Nachbar ist zwar in der Mehrheit von Distanz geprägt, aber gleichzeitig besteht ein grosses, grundlegendes Vertrauen zueinander», heisst es in der Studie.

Trotzdem funktioniert die Nachbarschaft laut den Studienautoren in der Schweiz überraschend gut: «Das Verhältnis zwischen Nachbar ist zwar in der Mehrheit von Distanz geprägt, aber gleichzeitig besteht ein grosses, grundlegendes Vertrauen zueinander», heisst es in der Studie.

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Obwohl man sich kaum kennt, hat die Schweizer Bevölkerung gezeigt, dass sie mit den Nachbarinnen und Nachbarn intensivere Beziehungen pflegen kann, wenn es darauf ankommt. 

Obwohl man sich kaum kennt, hat die Schweizer Bevölkerung gezeigt, dass sie mit den Nachbarinnen und Nachbarn intensivere Beziehungen pflegen kann, wenn es darauf ankommt. 

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Darum gehts

  • Eine Studie des Gottlieb Duttweiler Instituts zeigt, dass Schweizerinnen und Schweizer ihre Nachbarn kaum kennen.

  • Trotzdem ist das Vertrauen laut Studie gegenüber den Nachbarn hoch.

  • Herr und Frau Schweizer bevorzugen das distanzierte Leben zu ihren Nachbarn, sind aber bereit zu helfen, wenn Hilfe benötigt wird.

  • Städterinnen und Städter sowie Romands wünschen sich mehr Kontakt zu ihren Nachbarn.

Während der Pandemie war das öffentliche Leben auf ein Minimum beschränkt, die meisten Schweizerinnen und Schweizer mussten sich mindestens einmal für mehrere Tage in den eigenen vier Wänden isolieren. Ein Gespräch von Balkon zu Balkon oder im Treppenhaus war in diesen Situationen oft der einzige Kontakt zur Aussenwelt. Dadurch ist laut der ersten «Nachbarschaftsstudie», welche das Migros Kulturprozent in Auftrag gegeben hat, der Wert einer guten Nachbarschaft wieder vermehrt in den Fokus gerückt.

Die Studie zeigt: Herr und Frau Schweizer leben mit den Nachbarn lieber auf Distanz. 81 Prozent der Befragten bevorzugen es, den Kontakt mit den Nachbarn auf ein Minimum zu beschränken. Ein kurzes «Hallo» beim Briefkasten oder im Treppenhaus reicht den allermeisten völlig aus. Ebenfalls wollen die Wenigsten in der Nachbarschaft eine Verpflichtung übernehmen oder sich engagieren.

Grosses Vertrauen in die Nachbarschaft

Aufgrund des distanzierten Zusammenlebens ist man sich einig: Schweizerinnen und Schweizer kennen ihre Nachbarschaft kaum persönlich. Und trotzdem funktioniert die Nachbarschaft laut den Studienautoren in der Schweiz überraschend gut: «Das Verhältnis zwischen Nachbarn ist zwar in der Mehrheit von Distanz geprägt, aber gleichzeitig besteht ein grosses, grundlegendes Vertrauen zueinander», heisst es in der Studie. 

Obwohl man sich kaum kennt, gaben fast 90 Prozent der Befragten an, ihren Nachbarinnen und Nachbarn zu vertrauen. Dreiviertel der Befragten fühlen sich daher sehr sicher in ihrer Nachbarschaft und kaum einer ist unzufrieden mit dem Verhältnis zu den Nachbarn.

Wünscht du dir mehr Kontakt zu deinen Nachbarn?

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Obwohl man sich in der Nachbarschaft kaum kennt, ein distanziertes Leben bevorzugt und eigentlich keine Verpflichtungen eingehen will, ist die Hilfsbereitschaft untereinander intakt. Beinahe jeder zweite Nachbar kümmert sich um die Postpakete von andern und legt diese beispielsweise vor die Haustüre im Treppenhaus. 

Ebenfalls hilft man sich unter Nachbarn aus, sollte einmal ein Schraubenzieher oder ein Hammer fehlen. Bemerkenswert ist ausserdem: Das Wohl der Wohnungspflanzen scheint gross zu sein. 38 Prozent gaben in der Studie an, dem Nachbar die Pflanzen zu giessen. Bei den Kindern hört die Bereitschaft dann aber allmählich auf. Gerade mal jeder Zehnte ist bereit, die Kinder des Nachbarn zu beaufsichtigen, sollte dieser danach fragen.

Städter und Romands wünschen sich mehr Kontakt

Laut der Studie ist man sich zwar unter Nachbarn während der Pandemie näher gekommen, doch einen nachhaltigen Einfluss hat dies nicht. Herr und Frau Schweizer bevorzugen es laut der Studie, nach dem Zusammenrücken aufgrund der Pandemie, wieder ein distanziertes Leben zu den Nachbarn zu führen.

Doch im Bezug auf die Häufigkeit der Kontakte zeigt sich ein Unterschied zwischen Stadt- und Landbewohnerinnen und -bewohnern. Während Personen in ländlichen Gegenden mit der heutigen Situation zufrieden sind, wünschen sich Städterinnen und Städter sowie Romands mehr Kontakt mit ihren Nachbarinnen und Nachbarn. Allem voran hätte man gerne mehr Anlässe in der Nachbarschaft.

«Ältere Menschen können ein nachbarschaftliches Schmiermittel sein»

Jakub Samochowiec ist Co-Autor der Studie «Hallo Nachbar*in». 

Jakub Samochowiec ist Co-Autor der Studie «Hallo Nachbar*in». 

Quelle: Jakub Samochowiec

Bestätigt die Studie das Klischee der Schweizer Gartenzaun-Mentalität?
Jakub Samochowiec: Teilweise tut sie das, ja. Herr und Frau Schweizer bevorzugen den Gartenzaun, schauen aber ab und an über ihn hinaus, um sich mit den Nachbarn auszutauschen. Damit wächst auch das Vertrauen gegenüber der Nachbarschaft.

Man sieht sich wenig in der Nachbarschaft. Trotzdem ist das Vertrauen gegenüber den Nachbarn gross. Wie passt das zusammen?
Das ist tatsächlich spannend. Es hat mit den spontanen Treffen und deren Häufigkeit zu tun. Vertrauen entsteht aufgrund von Vertrautheit. Sieht man sich also häufiger in einem intakten Umfeld, steigt das gegenseitige Vertrauen. Und das ist wichtig.

Weshalb?
Das Gefühl bietet eine Basis fürs Zusammenleben. Kommt es zu einer Notfallsituation, wie es die Pandemie beispielsweise war, kann die Basis – also das Grundvertrauen – aktiviert werden. So kommt es, dass man sich gegenseitig hilft, auch wenn man sich eigentlich nicht so gut kennt.

Werden wir in Zukunft also ein engeres Verhältnis zu unseren Nachbarn haben?
Das ist schwierig vorauszusagen. Es hängt davon ab, ob wieder eine Krise auf uns zukommt. Die in Zukunft häufiger auftretenden Hitzewellen könnte dazu führen, dass man sich gegenseitig mehr unterstützt. Auch das Homeoffice spielt eine Rolle. Es trägt dazu bei, dass man sich häufiger spontan über den Weg läuft. Ebenfalls erwecken ältere Menschen mehr Vertrauen. Sie dienen als nachbarschaftliches Schmiermittel. Fördern sie also den Austausch, kann es auch zu einem engeren Verhältnis zwischen Nachbarn führen.

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