Aktualisiert 05.09.2006 16:22

Postgasse-Prozess: Obergericht bestätigt Strafe

Im Fall des mit 11 Jahren Zuchthaus am härtesten bestraften Täters im Berner Postgasse-Fall bleibt das Strafmass unverändert.

Das Gesuch des jüngsten Täters um einen vorzeitigen Massnahmenantritt hiess das bernische Obergericht gut.

Die 2. Instanz hatte sich am Dienstag mit verschiedenen Appellationen auseinanderzusetzen. Zum einen hatte der heute 25- jährige Angeklagte bezüglich des Strafmasses appelliert. Wie sein Verteidiger sagte, sei nicht einzusehen, weshalb sein Mandant am härtesten bestraft worden sei.

Vor allem die Medien hätten ihn zu Unrecht zum «Haupttäter» gemacht, sagte der Verteidiger. Dies sah das Obergericht anders: Es seien die Mitangeklagten gewesen, die ausgesagt hätten, dass der 25- Jährige «wie ein Gestörter und wie beim Penalty-Schiessen» mit seinem Fuss gegen den Kopf des Opfers in der Postgasse geschlagen habe.

Er hab menschenverachtend und aus «purere Freude an Gewalt» gehandelt. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass der Angeklagte nebst dem Hauptdelik wegen einer langen Reiher andere Straftaten verurteilt worden sei.

Vorzeitigen Massnahmenvollzug

Beim jüngsten Angeklagten, einem heute 21-jährigen Mann, hatte das Obergericht einen Antrag auf vorzeitigen Eintritt in eine Arbeitserziehungsanstalt (AEA) zu beurteilen.

Wegen einer hängigen Appellation der Staatsanwaltschaft und einer Anschlussappellation des Angeklagten selbst liegt derzeit noch kein rechtskräftiges Urteil vor. Deshalb ist der Angeklagte nach wie vor in einer Strafanstalt untergebracht.

Ein wichtiges Kriterium für die Einweisung in eine AEA ist die Ungefährlichkeit des Straftäters. Da dies nach Ansicht des Obergerichts zutrifft, hiess es den Antrag gut. Auch liess das Gericht die «obermassive Tat» im Falle des jüngsten Täters noch knapp als «Adoleszenzdelinquenz» durchgehen.

Nur vorläufige Einweisung

Beim am Dienstag gutgeheissen vorzeitigen Massnahmenantritt handelt es sich allerdings nur um einen vorläufigen Entscheid. Denn der Weiterzug der Staatsanwaltschaft, welcher die Rechtmässigkeit einer AEA-Einweisung in Frage stellt, ist noch hängig.

Vom Gericht auch noch nicht beurteilt ist die Anschlussappellation des 21-jährigen Angeklagte. Dabei handelt es sich um einen zweiten Überfall, der zeitlich unmittelbar vor dem Postgasse-Fall stattgefunden hatte. Der Angeklagte bestritt von jeher seine Beteiligung an diesem Vorfall.

Das Obergericht wird diese Fragen in einem seperaten Verfahren beurteilen. Je nach Ausgang dieses - voraussichtlich erst im kommenden Jahr stattfindenden - Prozesses könnte die AEA-Einweisung wieder rückgängig gemacht werden.

Tat aus unerfindlichen Gründen

In der Nacht auf den 11. Mai 2003 überfielen sieben damals 17- bis 21-jährige junge Männer einen Berner Historiker in der Postgasse und schlugen ihn aus völlig unerfindlichen Gründen beinahe tot. Das Opfer lag mehrere Wochen im Koma und hat noch heute an den Folgen des Überfalls schwer zu leiden.

Die drei Minderjährigen waren in der Folge von einem Jugendgericht verurteilt worden; die vier Erwachsenen hatte das Kreisgericht Bern-Laupen im Juli 2005 zu Zuchthausstrafen von sechseinhalb, neun und elf Jahren verurteilt. Für den Jüngste hatte das Gericht eine AEA-Einweisung verfügt.

Das Kreisgericht hatte unter anderem auf versuchte vorsätzliche Tötung, qualifizierten Raub und schweren Körperverletzung erkannt.

(sda)

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