Aktualisiert 21.04.2006 19:08

Potsdamer Prügel- Rassisten: Heisse DNA-Spur

Die Schlinge zieht sich zu: Gegen die beiden Tatverdächtigen des ausländerfeindlichen Überfalls von Potsdam ist Haftbefehl wegen versuchten Mordes erlassen worden. Am Tatort wurden Blutspuren gefunden, die nicht vom Opfer stammen.

Die Bundesanwaltschaft bestätigte am Freitagabend nach der Vernehmung der beiden Männer durch den Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof die Haftbefehle. Beide Verdächtigen bestritten die Tat. Politiker stritten über die Bewertung des Überfalls und Ursachen von Fremdenfeindlichkeit.

Der 29-jährige Björn L. und der 30-jährige Thomas M. waren am Donnerstagabend festgenommen worden. Sie sind dringend tatverdächtig, am frühen Ostersonntag den aus Äthiopien stammenden Ermyas M. angegriffen und fast getötet zu haben. Dieser lag am Freitag bei unverändert lebensbedrohendem Zustand weiter im Koma. In Potsdam demonstrierten am Freitag mehr als 4.000 Menschen gegen Fremdenhass und Gewalt.

Der dringende Tatverdacht beruhe auf einer Aufzeichnung der Telefon-Mailbox der Frau des Opfers zu Beginn des Überfalls, in der einer der Täter sage: «Sollen wir dich wegpusten?», teilte die Behörde mit. Nach der Veröffentlichung des Gesprächsmitschnitts seien Hinweise eingegangen, die zur Festnahme der Beschuldigten führten. Der Anwalt eines der beiden Männer, Veikko Bartel, sagte in der ARD, die Haftbefehle seien «ein Schlag ins Gesicht für jedes rechtsstaatliche Verfahren».

Die Ermittler untersuchen nach Angaben von Generalbundesanwalt Kay Nehm auch DNA-Spuren. An Flaschenscherben am Tatort seien Blutspuren entdeckt worden, die nicht vom Opfer stammten. Die Sachbeweise müssten aber noch ausgewertet werden. Bartel erklärte, sein Mandat sei nach eigenen Angaben zur Tatzeit zu Hause gewesen. Nehm sagte, für das Alibi gebe es keine absolute Sicherheit.

Die Verdächtigen waren nach Angaben des brandenburgischen Innenministers Jörg Schönbohm in keiner bekannten rechtsextremistischen Organisation aktiv. Nach Informationen der «Bild»-Zeitung gehört der 29-Jährige aber zur rechten Szene und ist wegen unerlaubten Waffenbesitzes und Drogendelikten polizeibekannt. Nehm erklärte, nach derzeitigem Erkenntnisstand sei «davon auszugehen, dass die Beschuldigten die Tat aus fremdenfeindlichen Motiven begangen haben».

Kritik an Schäuble

Schönbohm hatte es dagegen am Freitag weiter abgelehnt, den Überfall als fremdenfeindliche Attacke zu werten. Der CDU-Politiker bezweifelte auch, dass die Übernahme des Falles durch die Bundesanwaltschaft notwendig gewesen sei.

Kritik gab es zugleich an Äusserungen von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, der die Abschottung der DDR als Ursache für Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus in Ostdeutschland genannt hatte. Zudem hatte er erklärt, auch blonde blauäugige Menschen würden Opfer von Gewalttaten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte, die Ursachen für Fremdenfeindlichkeit und Gewalt lägen unter anderem in der hohen Jugendarbeitslosigkeit und schlechten wirtschaftlichen Perspektiven. Viele der Jugendlichen, die heute gewalttätig seien, seien gar nicht mehr zu DDR-Zeiten geboren, sagte ihr Sprecher Ulrich Wilhelm. Andere Politiker kritisierten Schäuble direkt. So bezeichnete etwa SPD-Vorstandsmitglied Nils Annen Schäubles Äusserungen als «an der Grenze des Erträglichen».

Unterdessen wurde ein weiterer Überfall auf einen Menschen dunkler Hautfarbe in Ostdeutschland bekannt: Ein 39-Jähriger aus Mosambik wurde in Magdeburg von einer Gruppe rechter Jugendlicher mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Die Polizei konnte kurz nach dem Vorfall am Donnerstagabend fünf Tatverdächtige ermitteln.

(dapd)

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