Als Nahrungsergänzung - Aus Angst vor Corona – Vitaminpillen boomen wie nie
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Als Nahrungsergänzung Aus Angst vor Corona – Vitaminpillen boomen wie nie

Zum Schutz vor Corona greifen immer mehr Menschen zu Nahrungsergänzungsmitteln. Vor allem Präparate fürs Immunsystem und Gedächtnis sowie für Knochen und Knorpel sind gefragt.

von
Barbara Scherer
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Immer mehr Menschen greifen zu Nahrungsergänzungsmitteln.

Immer mehr Menschen greifen zu Nahrungsergänzungsmitteln.

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Viele wollen damit ihr Immunsystem in der Pandemie stärken.

Viele wollen damit ihr Immunsystem in der Pandemie stärken.

20min/Michael Scherrer
Allerdings wirken Nahrungsergänzungsmittel nicht gegen Covid-19, wie der Branchenverband Swiss Association of Nutrition Industries schreibt.

Allerdings wirken Nahrungsergänzungsmittel nicht gegen Covid-19, wie der Branchenverband Swiss Association of Nutrition Industries schreibt.

imago images/Waldmüller

Darum gehts

  • Die Pandemie sorgt für einen Boom bei Nahrungsergänzungsmitteln.

  • Hersteller freuen sich über den Hype.

  • Der Branchenverband verweist aber ausdrücklich darauf, dass die Präparate nicht gegen Corona helfen.

  • Nahrungsergänzungsmittel sind laut Ernährungsexpertin in den meisten Fällen auch unnötig.

Für Knorpel und Knochen, das Immunsystems oder für die Psyche: Pillen, Pulver und Säfte mit Vitaminen oder Spurenelementen drin boomen zurzeit. «Aus Angst und zum Schutz vor Corona greifen immer mehr Menschen zu Nahrungsergänzungsmitteln», sagt der Branchenverband Swiss Association of Nutrition Industries.

Durch die Pandemie zeichne sich eine allgemeine Entwicklung hin zu einer Ernährung zur Unterstützung des Immunsystems ab. Der Verband musste darum sogar auf seiner Homepage ausdrücklich davor warnen, dass Nahrungsergänzungsmittel nicht gegen Covid-19 wirken.

Pillen fürs Immunsystem und Gedächtnis sind gefragt

Die Herstellerfirma Swiss Nutrition Solutions by Nahrin freut sich über den Hype: «Corona hat die Nachfrage nach Nahrungsergänzungsmitteln deutlich beschleunigt», sagt Geschäftsführer Danijel Cekic zu 20 Minuten. Bestehende Kunden hätten fast zehn Prozent mehr Bestellungen aufgegeben.

«Zusätzlich haben wir einen enormen Zuwachs an Neukunden, die ihre Produkte durch uns entwickeln und herstellen lassen», so Cekic. Dadurch konnte die Firma um weitere 30 Prozent wachsen. Besonders gefragt sind dabei Präparate fürs Immunsystem und Gedächtnis sowie für Knochen und Knorpel.

Grundsätzlich sind Nahrungsergänzungsmittel von Jahr zu Jahr immer gefragter. «Das liegt wohl daran, dass die Menschen ein grösseres Gesundheitsbewusstsein haben und die Bevölkerung allgemein älter wird», sagt Cekic. Auch beim Schweizer Unternehmen und Lohnhersteller Gelpell steigt die Nachfrage seit fünf Jahren stetig an, wie es auf Nachfrage heisst.

Vitamine für 32 Millionen Franken konsumiert

Den Herstellern bescheren Nahrungsergänzungsmittel Milliardenumsätze. In Europa werden jährlich fast 18 Milliarden Euro damit generiert. Wie viel Geld die Schweizer Bevölkerung für Vitaminpräparate ausgibt, ist nicht belegt – weder der Verband noch das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen führen eine Statistik dazu.

Im Helsana Arzneimittelreport 2020 erscheinen Vitamine unter den 15 am häufigsten in Anspruch genommenen Medikamenten: 1,13 Millionen Personen haben 2019 Vitamine für Kosten von 32 Millionen Franken konsumiert. Der Grossteil, 1,04 Millionen Personen, hat für 25 Millionen Franken Vitamin D bezogen.

Jede zweite Person nimmt wöchentlich Medikamente

Im Vergleich zu anderen Medikamenten ist der Nahrungsergänzungsmittel-Markt eher klein: So wurden 2020 in der Schweiz Medikamente zu Fabrikabgabepreisen im Wert von 6,33 Milliarden Franken verkauft. Das sind 2,9 Prozent mehr als im Vorjahr, wie die Vereinigung der Pharmafirmen schreibt. Denn der Konsum von Medikamenten ist hierzulande hoch. So nimmt die Hälfte der Schweizer Bevölkerung ab 15 Jahren über einen Zeitraum von sieben Tagen mindestens ein Medikament ein, wie das Bundesamt für Statistik mitteilt. Dabei konsumieren Frauen mit 55 Prozent häufiger Medikamente als Männer mit 45 Prozent.

«Diese Zahlen geben aber nur ein unvollständiges Bild des Konsums, da die Kosten der meisten Vitamine nicht von den Krankenversicherungen vergütet werden», erklärt Gesundheitsökonom Simon Wieser von der ZHAW. Allgemein sei der Wettbewerb um die Nahrungsergänzungsmittel in der Schweiz sehr intensiv.

Zu den wichtigsten Anbietern gehört unter anderem die Antistress AG, die für die Burgenstein-Vitamine bekannt ist. Aber auch Bayer, Dr. Wild sowie Phytopharma sind wichtige Player am Nahrungsergänzungsmittel-Markt, wie der Drogistenverband bestätigt.

Vitaminpräparate braucht es nur selten

Dass Nahrungsergänzungsmittel in der Corona-Krise boomen, erstaunt Ernährungsexpertin Christine Brombach von der ZHAW nicht: «Die Menschen sind verunsichert und versuchen nun, über die Ernährung eine gewisse Sicherheit zurückzuerlangen und die eigene Gesundheit zu stärken.»

Nötig sind Supplemente aber nicht unbedingt: Wer sich an die Ernährungspyramide halte und ansonsten gesund sei, benötige keine Vitamin- und Mineralstoffpräparate, so Brombach. Bei Vorerkrankungen oder Mangelerscheinungen könne es Sinn machen, Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen. «In solch einem Fall sollte das aber von einer Fachperson abgeklärt werden.»

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