1000 Franken bei 60 Prozent: Praktikumslohn der Juso reicht nicht zum Leben
Aktualisiert

1000 Franken bei 60 ProzentPraktikumslohn der Juso reicht nicht zum Leben

Die Juso peitschten Praktikanten durch die Berner Altstadt – eine Protestaktion gegen Ausbeuterlöhne bei Praktika. Nicht auf Rosen betten sie die eigenen Praktikanten.

von
daw

Hier protestieren die Juso gegen die Ausbeutung von Berufseinsteigern. (Video: Facebook/Juso)

Laut den Zahlen des Bundesamts für Statistik erhalten Berufseinsteiger immer öfter nur befristete Arbeitsverträge. Die Juso starteten darum gemeinsam mit der Gewerkschaft Unia eine Kampagne gegen die Ausbeutung von Praktikanten. In einer Protestaktion peitschte ein Chef seine Praktikanten durch die Berner Strassen. Gegenüber Nau.ch forderte Juso-Präsidentin Tamara Funiciello strengere Regeln und besser Löhne: «Wenn man 100 Prozent arbeitet, sollte man vom Lohn leben können. Diese Bedingung stellen wir für alle Arbeiten – auch für Praktika.»

Nicht den gleichen Massstab legt die Jungpartei bei den eigenen Praktikanten an. Wie aus einem Inserat für eine Praktikumsstelle im Jahr 2016 hervorgeht, wurde ein 60-Prozent-Pensum mit 1000 Franken brutto entlöhnt. Hochgerechnet auf ein Vollzeitpensum sind das 1666 Franken brutto – ein Lohn deutlich unter dem Existenzminimum.

Das Stelleninserat der Juso:

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1000 Franken brutto bei einem 60-Prozent-Pensum zahlt die Juso ihren Praktikanten.

1000 Franken brutto bei einem 60-Prozent-Pensum zahlt die Juso ihren Praktikanten.

Claudio Marti
Die Juso macht eine Kampagne gegen tiefe Praktikumslöhne.

Die Juso macht eine Kampagne gegen tiefe Praktikumslöhne.

Wer 100 Prozent arbeite, soll über die Runden kommen, sagt Juso-Chefin Tamara Funiciello.

Wer 100 Prozent arbeite, soll über die Runden kommen, sagt Juso-Chefin Tamara Funiciello.

Keystone/urs Flueeler

«Das ist heuchlerisch»

Andri Silberschmidt, Präsident der Jungfreisinnigen, ist nicht überrascht: «Es ist symptomatisch für die Juso: Sie wollen anderen weltfremde Vorschriften machen, die sie selbst aber nicht vorleben. Das ist heuchlerisch.» Ein Praktikum sei eine Möglichkeit, in einem Beruf zu schnuppern und erste Erfahrungen zu sammeln. Viele Firmen könnten keinen vollen Lohn zahlen.

Gleichzeitig sagt auch Silberschmidt, dass es in einzelnen Branchen Praktikanten gebe, die als günstige Arbeitskräfte herhalten müssten. «Bei Kinderkrippen etwa gibt es einjährige Praktika und tiefe Löhne. Das könnte man über die Gesamtarbeitsverträge verhindern.»

Dafür gibt es sieben Wochen Ferien

Laut Juso-Zentralsekretärin Julia Baumgartner bekommt die Praktikantin oder der Praktikant auf dem Sekretariat (60%) immer noch die 1000 Franken. «Ja, davon kann man nicht leben. Wir stellen aber sehr junge Menschen an, die noch zu Hause wohnen, und das nur für drei bis sechs Monate.» Klar habe man noch Verbesserungspotenzial – man suche auch immer individuelle Lösungen. «Aber lenken wir nicht von der Problematik ab: Wir kritisieren vor allem Praktika, die Bedingung sind, um überhaupt eine Lehrstelle zu bekommen, wie etwa bei den Kitas.»

Bei der Jungpartei würden Praktikanten ausgebildet, so Baumgartner. «Wir haben bewusst nur eine und nicht mehrere Praktikumsstellen, was eine individuelle Betreuung garantiert.» Man gewinne wertvolle Einblicke in die Parteiarbeit. Besuche bei Fraktionssitzungen der SP im Bundeshaus gehörten zum Beispiel fest dazu. «Die Arbeitszeit wird auf die Minute genau erfasst. Und wir haben sieben Wochen Ferien im Jahr. Das gibt es sonst nirgendwo.»

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