Sinkende Passagierzahlen: «Preiszunahme von 15 Prozent liegt drin»

Aktualisiert

Sinkende Passagierzahlen«Preiszunahme von 15 Prozent liegt drin»

Die SBB verlieren seit längerer Zeit erstmals Passagiere: ETH-Verkehrsexperte Ulrich Weidmann über die Folgen steigender Billettpreise.

S. Marty
von
S. Marty
Im ersten halben Jahr 2012 hat die SBB weniger Personen befördert.

Im ersten halben Jahr 2012 hat die SBB weniger Personen befördert.

Herr Weidmann, höhere Billettpreise und steigende Benzinkosten. Warum wird Mobilität immer teurer?

Weil die Menschen immer mobiler sein wollen und die Infrastruktur dieser Entwicklung folgen soll. Wo das Angebot ausgebaut werden muss, steigen natürlich auch die Kosten.

Wie wirkt sich dies auf unser Verhalten aus?

Ich sehe vor allem drei Stufen des Verhaltens. Als erstes und kurzfristig wird auf Fahrten verzichtet, dies dürfte der wesentliche Grund für die gesunkenen Passagierzahlen der SBB sein. In einem zweiten Schritt kommt es zum Wechsel von Verkehrsmittel, das Tram wird beispielweise durch das Velo ersetzt. Das Umsteigen auf das Auto ist dabei in Städten wegen der Staus und Parkplatzknappheit nur beschränkt attraktiv. Langfristig wird als drittes deshalb eher die Lebenssituation angepasst.

Was meinen Sie damit?

Man wird einen Arbeitsort in der Nähe des Wohnortes wählen oder umgekehrt. Home Office und Videokonferenzen gewinnen zudem sicher an Bedeutung. Aber auch das Freizeitverhalten wird sich wandeln.

Das wird zu neuen raumplanerischen Problemen führen...

Dazu braucht es mehr Wohnraum in den Städten; wir müssen über eine Stadt Zürich mit 500'000 Einwohnern nachdenken. Es braucht dazu eine innere Verdichtung, das heisst vor allem Wohnhochhäuser, welche aber heutigen Vorstellungen entsprechen. Dichte Städte brauchen übrigens nachweislich am wenigsten Energie für die Mobilität.

Im Vergleich mit dem Ausland sind die Preise im ÖV hier recht günstig. Sie wir verwöhnt?

Unseren Bahnpreise liegen europaweit kaufkraftbereinigt eher in der unteren Hälfte. Das Problem liegt vielmehr darin, dass Preiserhöhungen nicht moderat und regelmässig jeweils Anfang Jahr erfolgen, sondern in grösseren Abständen und mit spürbaren Aufschlägen. Das ist psychologisch ungeschickt und führt zu emotionalen Reaktionen.

Ist die Schmerzgrenze bereits erreicht?

Ich denke längerfristig noch nicht. Eine Preiszunahme von fünfzehn Prozent bei der SBB über zehn Jahre verteilt liegt noch drin. Momentan schätzen die Menschen die Ausgaben für Auto und öffentlichen Verkehr noch als etwa gleich hoch ein. Wenn dieses Gleichgewicht kippt, wird es zu grösseren Umlagerungen kommen.

Deine Meinung