Blick in die Vergangenheit: Prekäre Wohnverhältnisse im alten Zürich
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Blick in die VergangenheitPrekäre Wohnverhältnisse im alten Zürich

Die Zürcher mussten früher in zu kleinen und verwahrlosten Wohnungen leben. Der Mieterverband hält diese Zeit in einem Buch fest.

von
fal
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Im alten Zürich: Der Mieterverein setzte sich nicht nur für bessere Wohnungen, sondern auch für günstigere Trambillette ein. (Archiv)

Im alten Zürich: Der Mieterverein setzte sich nicht nur für bessere Wohnungen, sondern auch für günstigere Trambillette ein. (Archiv)

kein Anbieter/Baugeschichtliches Archiv Zürich
Sorgte für bessere Wohnverhältnisse: Die Genossenschaftswohnungen der Zürcher Kolonie Mutschellenstrasse/Rieterstrasse.

Sorgte für bessere Wohnverhältnisse: Die Genossenschaftswohnungen der Zürcher Kolonie Mutschellenstrasse/Rieterstrasse.

kein Anbieter/Archiv Mieterbaugenossenschaft Zürich
Die Mutschellenstrasse damals in den 30er-Jahren.

Die Mutschellenstrasse damals in den 30er-Jahren.

kein Anbieter/Mieterbaugenossenschaft Zürich

Der Mieterverband hat zu seinem 125-jährigen Bestehen ein Buch herausgegeben, das Einblick in frühere Wohnverhältnisse gibt. Die Zustände in den Zürcher Wohnungen waren nicht nur aus heutiger Sicht unhaltbar: Noch im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert mussten ganze Bevölkerungsschichten in engen und oft feuchten Räumen hausen.

1896 gab der Zürcher Stadtrat die sogenannte Wohnungsenquete in Auftrag, eine Erhebung der Wohnverhältnisse. Gemessen wurde in Kubikmetern pro Kopf, also wie viel Luftvolumen jede Person zur Verfügung hatte.

Zu wenig Platz und mangelnde Hygiene

Die Ergebnisse zeigten übelste Verhältnisse. Jeder dritten Person standen gerade mal 10 bis 20 Kubikmeter zur Verfügung. Bei einer Raumhöhe von 2,5 Metern ergibt das Grundflächen von nur 2 x 2 bis maximal 2 x 4 Meter. 41 Prozent lebten mit bis zu 40 Kubikmetern. Nur jeder Vierte hatte mehr als 40 Kubikmeter zum Leben.

Nicht nur die Enge, auch mangelnde Hygiene verursachte Probleme. 1899 formulierte das Gesundheitsamt eine 6-Punkte-Wegleitung zur «Feststellung gesundheitsschädlicher Bauzustände und gesundheitswidriger Wohnungsbenutzung». Im Zentrum standen Feuchtigkeit, Luft- und Lichtmangel, schlechte und fehlende Toiletten, bauliche Verwahrlosung und überfüllte Wohnungen.

Beschaffung von Brennmaterial

Um ihre Interessen besser vertreten zu können, organisierten sich die Mieter: Am 28. November 1891 wurde im Hotel Central der «Verein Züricher Wohnungsmiether» gegründet. Ab 1897 wurde der Zusammenschluss in Zürcher Mieter-Verein (MV) umbenannt.

Der Verein befasste sich nicht nur mit Wohnangelegenheiten und Gratis-Rechtsberatung. Auch Verbesserungen der Verkehrsmittel und die «Engros-Beschaffung» von Brennmaterial, Obst, Kartoffeln, Getränken und dergleichen wurden als Ziele festgeschrieben.

Die erste Wohnbaugenossenschaft der Stadt

Wer beitreten wollte, musste einen Jahresbeitrag von zwei Franken entrichten. Ein Jahr nach der Gründung verzeichnete der Verein 317 Mitglieder. Bis 1912 dümpelte deren Zahl jeweils zwischen 400 und 500 – bei insgesamt rund 23'000 Wohnungen. Heute hat der Mieterverband Stadt und Kanton Zürich gut 50'000 Mitglieder.

1892 gründete der MV die Zürcher Bau- und Spargenossenschaft (BSG) und damit die erste Wohnbaugenossenschaft der Stadt. Schon zwei Jahre darauf konnten die ersten BSG-Wohnungen bezogen werden.

Ein Konflikt mit Tradition

Nach dem Ersten Weltkrieg, in den 1920er-Jahren, traten Tausende Mieter dem MV bei. Auch andere Organisationen und politische Parteien unterstützten den Kampf für bessere Bedingungen für Mieterinnen und Mieter.

Der Widerspruch zwischen Mietern, die unter hohen Mieten leiden, und Vermietern, die eine satte Rendite anpeilen, hat Tradition. Bis heute kommt es immer wieder zu Konflikten.

Streik in den frühen 30er-Jahren

1932 kam es sogar zum Streik. Rund 600 Haushalte forderten mit einem Zinsstreik drastische Mietzinssenkungen. Mit ihrer Aktion blieben sie allerdings auf sich allein gestellt. Der Mieterverband distanzierte sich ebenso wie die SP.

In den 1980er-Jahren gingen die jungen Zürcherinnen und Zürcher für das Recht auf eine Wohnung auf die Strasse, heute sind in der Stadt mehrere ungenutzte Liegenschaften besetzt.

Politiker als Autor

Der Journalist und AL-Politiker Niklaus Scherr, jahrelang MV-Geschäftsleiter, gibt in seinem Buch «Nur noch für die Miete schaffen ... ?» Einblicke in politische und soziale Entwicklungen von der MV-Zürich-Gründungszeit bis in die Gegenwart.

Dabei knüpft er zwar an die Gründung des Vereins «Züricher Wohnungsmiether» an, das Buch soll aber keine Jubiläumsschrift sein, schreibt Scherr im Vorwort. Das wäre auch gar nicht möglich gewesen angesichts der lückenhaften Aktenlage. (fal/sda)

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