26.02.2016 19:54

Kampusch-Entführer «Priklopil wurde anderswo ermordet»

Kampusch-Entführer Wolfgang Priklopil wurde ermordet, so ein ehemaliger österreichischer Richter. Er will dies mit fünf Beweisen belegen.

von
K. Leuthold
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Wolfgang Priklopil wurde am Tag von Natascha Kampuschs Flucht (23. August 2006) in der Nähe des Wiener Nordbahnhofs tot aufgefunden. Bislang zweifelte niemand an seinem Suizid.

Wolfgang Priklopil wurde am Tag von Natascha Kampuschs Flucht (23. August 2006) in der Nähe des Wiener Nordbahnhofs tot aufgefunden. Bislang zweifelte niemand an seinem Suizid.

Keystone/Guenter R. Artinger
Unverletzt: Doch im Januar 2012 kommen Zweifel auf: Sieht so eine Leiche aus, die von einem Zug überfahren wurde?

Unverletzt: Doch im Januar 2012 kommen Zweifel auf: Sieht so eine Leiche aus, die von einem Zug überfahren wurde?

Handschriftenvergleich: Ein Gutachten stützt den Verdacht, dass der Abschiedsbrief nicht von Priklopil geschrieben wurde, sondern eher von seinem Geschäftspartner Ernst H. verfasst wurde.

Handschriftenvergleich: Ein Gutachten stützt den Verdacht, dass der Abschiedsbrief nicht von Priklopil geschrieben wurde, sondern eher von seinem Geschäftspartner Ernst H. verfasst wurde.

«Wolfgang Priklopil ist ermordet worden. Der war schon tot, als er vom Zug überrollt wurde. Da bin ich mir zu 100 Prozent sicher». Diese brisante Aussage macht Johann Rzeszut. Der Mann ist nicht irgendjemand. Der ehemalige Präsident des Obersten Gerichtshofes von Österreich befasst sich seit Jahren mit dem Fall Natascha Kampusch (siehe Infografik).

Kampusch-Entführer Priklopil starb am 23. August 2006, wenige Stunden, nachdem die damals 18-Jährige aus ihrem Kellerverlies geflüchtet war. Die offizielle Version der Wiener Staatsanwaltschaft: Der Kidnapper legte sich aus Verzweiflung auf Zuggleise, bis ihn ein Schnellzug überrollte. «Das Untersuchungsergebnis spricht für eine Selbsttötung», steht in einem Gutachten vom 4. September 2006 des Rechtmediziners D.R.*

Erstmals wird der Zug in Betracht gezogen

Jetzt, fast zehn Jahre später, ist das Thema wieder topaktuell. Denn Karl Kröll, der Bruder des Sonderermittlers im Fall Kampusch, erstattete bei der Oberstaatsanwaltschaft Wien Anzeige wegen Mordes gegen unbekannt. Ex-Richter Rzeszut erklärt 20 Minuten, was zur Anzeige führte: «Wir haben erstmals die Beschaffenheit der Vorderfront des Zuges in die rechtsmedizinische Analyse der Leiche einbezogen. Es ist unglaublich, aber bis jetzt hatte sich keiner damit befasst.»

In einem Dokument, das der ehemalige Richter 20 Minuten zu Verfügung stellt, listet er die Hauptargumente auf, die für ein Tötungsdelikt und gegen einen Selbstmord des Kampusch-Entführers sprechen.

Keine signifikanten Blutspuren auf den Geleisen

Priklopils Leiche wurde mit fast gänzlich durchtrenntem Hals an der Kollisionsstelle aufgefunden. Der Kopf war mit dem Rumpf lediglich durch einen fünf Zentimer breiten Hautlappen im Nacken verbunden. Den am Vorfallsort intervenierenden Polizeibeamten fällt auf, dass kaum Blutspuren im Gleisabschnitt zu sehen sind. Eine Köpfung, somit auch eine Durchtrennung der Halsschlagader, hat bei einem lebenden Menschen aber zwingend einen massivem Blutverlust zur Folge. «Es ist davon auszugehen, dass Priklopils Hals anderswo durchtrennt wurde und seine Leiche später auf dem Gleis abgelegt wurde», so Rzeszut.

Halswirbelsäule intakt

Die Halswirbelsäule war «zwischen dem 5. und 6. Wirbel völlig durchtrennt», heisst es im Bericht des Rechtsmediziners. Das passt nicht ins Bild: Das Zug-Rad ist ca. 12 Zentimeter breit, die Schienenlauffläche hat eine Breite von ca. sechs Zentimeter. Wenn so ein Rad einen Hals überfährt – und der Zug hatte mehrere Kompositionen – wären mehrere Wirbel komplett zermalmt und kaum sauber durchtrennt worden.

Kopf und Rumpf lagen beieinander

«Kopf und Rumpf lagen beide im Schienenzwischenbereich, was bei einem Überrollen des Halses durch die Räder völlig ausgeschlossen ist», schreibt Rzeszut. Er vermutet: Unbekannte Täter legten den Toten mit dem Hinterkopf in Richtung des herannahenden Zuges auf die rechte Schiene. Damit wollte man erreichen, dass Priklopils Kopf komplett zertrümmert und die Todesursache verschleiert wird. Was der Täter nicht bedachte: Am Frontrechen des Zuges sind eiserne Plattenfortsätze angebracht, um die Schienen von Hindernissen freizuhalten. Diese Fortsätze «mussten den Kopf zwangsläufig von der Schiene nach innen räumen, bevor das vorderste Rad ihn überhaupt überrollen konnte.»

Ovaler Bruch am Schädel

Eine Verletzung im rechten Scheitelbereich von Priklopils Leiche macht Rzeszut weiter stuztig. Es handelt sich um einen «wie ausgestanzten ovalen Knochenbruch». Dies deute auf einen Schlag mit einem Werkzeug mit ovaler Schlagfläche hin. Ein solcher Knochenbruch könne zumindest nicht von der Vorderfront des Zuges stammen. «Dort gibt es nichts, was eine ovale Bruchstelle hätte verursachen können.»

Totenstarre

Bei der Obduktion war das rechte Bein des Toten angewinkelt. Dies war schon der Fall, als die Leiche auf den Schienen gefunden wurde. Für Johann Rzeszut ist damit klar: Bei Priklopil war bereits die Totenstarre eingetreten. Ohne Totenstarre wäre es bei der Verfrachtung der Leiche in Rückenlage schwerkraftbedingt zwingend zu einer Strecklage beider Beine ohne jede Kniebeugung gekommen. Das Knie des rechten Beins blieb von der Auffindung der Leiche bis hin zur Obduktion durchwegs unverändert abgewinkelt.

* Name der Redaktion bekannt

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