Aktualisiert 30.12.2019 06:02

Rassismus in Klassenchats

Primarschüler machen sich über Dunkelhäutige lustig

In Klassenchats kursieren diskriminierende Memes. Man dürfe das Problem nicht verharmlosen, sagen Experten.

von
les
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In Klassenchats machen rassistische, sexistische und gewaltverherrlichende Inhalte die Runde. Immer mehr besorgte Eltern wenden sich deshalb an den Medienbildungsverein Zischtig.ch.

In Klassenchats machen rassistische, sexistische und gewaltverherrlichende Inhalte die Runde. Immer mehr besorgte Eltern wenden sich deshalb an den Medienbildungsverein Zischtig.ch.

Skynesher
Schüler bestätigen das Phänomen. Ein Zwölfjähriger erzählt, dass von einigen Mitschülern Stickers herumgeschickt werden, die beispielsweise Dunkelhäutige oder Personen mit Beeinträchtigung herabsetzen.

Schüler bestätigen das Phänomen. Ein Zwölfjähriger erzählt, dass von einigen Mitschülern Stickers herumgeschickt werden, die beispielsweise Dunkelhäutige oder Personen mit Beeinträchtigung herabsetzen.

Monkeybusinessimages
Laut dem Medienpädagogen Joachim Zahn von Zischtig.ch geht es den Jugendlichen oft darum, zu provozieren und Aufmerksamkeit von den Klassenkameraden zu erhalten.

Laut dem Medienpädagogen Joachim Zahn von Zischtig.ch geht es den Jugendlichen oft darum, zu provozieren und Aufmerksamkeit von den Klassenkameraden zu erhalten.

In Klassenchats von Schweizer Schülern geht es längst nicht nur um die Matheprüfung – vielfach werden auch rassistische, sexistische oder gewaltverherrlichende Inhalte verbreitet, wie der Medienbildungsverein Zischtig.ch schreibt. Ein drastisches Beispiel: In einem Chat einer fünften Primarschulklasse wurde das Bild eines dunkelhäutigen Buben in einer WC-Schüssel gezeigt, darunter ein diskriminierendes Wortspiel. Im gleichen Chat wurde aus Kinder-Schokolade eine Inder-Schokolade.

In einer Strassenumfrage bestätigen Schüler, dass sie solche Beiträge kennen. Ein Zwölfjähriger etwa sagt zu 20 Minuten, dass auch in seinem Klassenchat Stickers versendet würden, die Dunkelhäutige herabsetzten. Verbreitete Witze seien: «Wieso sind die Busse in Afrika überfüllt? – Weil dort alle schwarz fahren.» Es gehe aber nicht nur um die Hautfarbe, sagt der Schüler. So werden beispielsweise auch Personen mit Trisomie 21 Zielscheibe von Spott. Entsprechende Screenshots liegen 20 Minuten vor.

Hilflose Eltern suchen Rat

Laut dem Medienpädagogen Joachim Zahn von Zischtig.ch melden sich bei der Beratungsstelle zunehmend Lehrer und Eltern, weil sie Rat im Umgang mit schockierenden Beiträgen in Klassenchats suchen. «Die Mehrheit der gemeldeten Fälle betrifft die fünfte und sechste Klasse.» Das könne darauf zurückgeführt werden, dass die Eltern von Primarschülern öfter ein Auge auf die Handy-Aktivitäten ihrer Kinder werfen würden als bei den Älteren.

Besonders häufig seien erniedrigende Aussagen gegen dunkelhäutige Menschen. «Das kann man in Memes einfach optisch darstellen, erkennt man sofort als rassistisch und schickt es schnell weiter.» Oft würden rassistische Inhalte von einigen wenigen verschickt. «Häufig ignorieren die Klassenkameraden die Äusserungen. Direkter mündlicher Widerstand kommt selten vor.»

«Lehrer erfahren nicht alles»

Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Schweizer Lehrer-Dachverbands LCH, kennt das Problem. Sie sagt, dass die Lehrpersonen meistens nicht Mitglied in den Gruppen seien. Dort entwickle sich eine Eigendynamik. «Die Lehrer erfahren nicht alles, was in den Chats passiert, auch weil sie nicht in die Handys der Schüler schauen dürfen.»

Die Begleitung der Jugendlichen durch die Eltern sei darum sehr wichtig. «Wenn Eltern ihre Kinder mit einem Smartphone ausrüsten, dann sollen sie sich auch mit dem Kind über die Nutzung unterhalten und ab und zu einen Blick in die Gruppenchats werfen.» Jugendliche seien Nachahmer. «Wenn sie zu Hause und in der Schule gute Werte und Regeln auf den Weg bekommen, dann äussern sie sich auch weniger rassistisch.» Wenn die Eltern diskriminierende Inhalte entdeckten, dann sollten sie das unbedingt den Lehrern mitteilen.

«Sie wollen provozieren»

Was wird mit rassistischen Aussagen bezweckt? «Meistens stecken keine böswilligen Absichten dahinter», sagt Peterhans. «Es geht oftmals einfach darum, wer der Coolste ist.» Sie wolle aber rassistische oder sexistische Aussagen auf keinen Fall verharmlosen. Es bestehe eine grosse Gefahr, dass es zu Mobbing von Einzelpersonen komme. «Es ist wichtig, dass die Jugendlichen nicht mitmachen und es einem Erwachsenen melden.»

Zahn sieht das ähnlich: «Meistens geht es den Jugendlichen darum, zu provozieren und Aufmerksamkeit von den Kollegen zu erlangen. Manchmal geschieht es aber auch aus purer Langeweile». Die Äusserungen seien nicht ernst gemeint, sagt eine Zwölfjährige. Ihr Kollege ergänzt, dass es aber nicht bei allen gut ankomme.

Ein 15-Jähriger verschickt manchmal selber diskriminierende Memes. «Ich finde es nicht okay, aber auch nicht wirklich schlimm. Wir machen es nur aus Spass.» Er habe selber dunkelhäutige Kollegen und habe überhaupt nichts gegen sie. «Der Charakter hat nichts mit Herkunft und Hautfarbe zu tun.»

Gesetzeslage

Was in den Chats passiert, hat meist keine rechtlichen Konsequenzen. Social-Media-Polizistin Rahel Egli sagt: «Es werden viele Memes mit rassistischem Inhalt verschickt. Das ist geschmacklos. Es ist uns aber nicht bekannt, dass Ausländer damit gemobbt werden.» Die Polizei schreite nur ein, wenn es zu Ehrverletzungen von Einzelnen komme.

Auch Patrik Killer, leitender Jugendanwalt der Stadt Zürich, sagt: «Damit die Rassismus-Strafnorm erfüllt ist, muss ein entsprechender rassistischer Aufruf öffentlich erfolgen. Bei übersichtlich grossen Klassen dürfte in den Chats aber regelmässig eine persönliche Beziehung bestehen. Die Äusserungen erfolgen dort somit im Privaten.» Bei den Jugendanwaltschaften präsenter seien Pornografie, Gewaltdarstellungen oder Ehrverletzungen.

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