Aktualisiert 22.06.2016 14:52

Kantonale VolksinitiativePrimaten sollen Rechte wie Menschen bekommen

Tierrechtler wollen in Basel die Grundrechte von Primaten per Verfassung schützen. Die Pharmabranche lehnt die Initiative ab, weil Tierversuche eingeschränkt würden.

von
daw
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2014 befanden sich von schweizweit 251 Primaten in Tierversuchen.

2014 befanden sich von schweizweit 251 Primaten in Tierversuchen.

Ullstein Bild
Im Jahr 2014 wurden in der Schweiz an über 600'000 Tieren Versuche durchgeführt. Am meisten werden Mäuse eingesetzt (390'144).

Im Jahr 2014 wurden in der Schweiz an über 600'000 Tieren Versuche durchgeführt. Am meisten werden Mäuse eingesetzt (390'144).

AP/Robert F. Bukaty
Auch Ratten werden für Forschungszwecke eingesetzt (2014: 83'000).

Auch Ratten werden für Forschungszwecke eingesetzt (2014: 83'000).

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«Affen sind hochintelligente Tiere. Sie können Ereignisse planen, sich erinnern oder selbst im Spiegel erkennen», sagt Meret Schneider von der Denkfabrik Sentience Politics. Die Organisation lanciert im Kanton Basel-Stadt eine Volksinitiative, die für Affen wie für Menschen die gleichen Grundrechte fordert.

So soll die Verfassung künftig die «körperliche und geistige Unversehrtheit» von nicht-menschlichen Primaten garantieren. Eingeschränkt würde die Forschung an Versuchstieren: 2014 befanden sich von schweizweit 251 Primaten 178 im Kanton Basel-Stadt.

Rückenmark durchtrennt

«Biomedizinische Forschung mit Primaten wäre nur noch zugelassen, wenn diese dabei nicht belastet oder beeinträchtigt würden. Fotos von leidenden Affen gäbe es nicht mehr», sagt Schneider. Heute werde an Primaten unter teils qualvollsten Bedingungen geforscht – oft mit fraglichem Nutzen.

Als Beispiel nennt Schneider zwei Makaken, denen an einer Schweizer Universität elektronische Sonden ins Gehirn implantiert und das Rückenmark chirurgisch durchtrennt worden sei. Die Tiere hätten dann mit der gelähmten Hand Futter aus Vertiefungen herausholen müssen, bevor sie getötet worden seien.

Ziel der Organisation sei es, einen Meinungswandel in der Gesellschaft herbeizuführen: «Die Interessen aller empfindungsfähigen Wesen sollen ethisch berücksichtigt werden.» So sei denkbar, auch weiteren Tierarten Grundrechte zu gewähren, sagt Schneider. Die Befreiung der Tiere sei vergleichbar mit der Abschaffung der Sklaverei. Nötig würde zudem eine rechtliche Instanz, die die Rechte der Tiere vertreten würde.

«Versuche an nächsten Verwandten nötig»

Während die Schweizer Universitäten keine Stellung zum Thema beziehen, lehnt die Pharmabranche ein Teilverbot von Tierversuchen ab. «Gemäss einer Umfrage von 2014 akzeptieren über 70 Prozent der Stimmberechtigten Tierversuche, wenn es um die Patientensicherheit oder die Entwicklung neuer Medikamente geht», sagt Interpharma-Sprecherin Sara Käch. Einer der Gründe für diese Akzeptanz ist, dass die Schweiz über die weltweit strengste Tierschutz-Gesetzgebung verfüge.

Patienten hätten Anspruch auf sichere Arzneimittel und darauf, dass Therapien gegen schwere Leiden wie Aids, Alzheimer, Krebs und psychische Erkrankungen entwickelt werden könnten. «Ohne präklinische Versuche an unseren nächsten Verwandten, den Affen, kann dieser Anspruch nicht erfüllt werden.»

Den Primaten werde aber auch dem Menschen am nächsten kommende Leidensfähigkeit attestiert. «Deshalb ist hier die sorgfältige Güterabwägung besonders wichtig. So dürfen Studien mit Primaten auch nur durchgeführt werden, wenn die Erkenntnisse nicht über Versuche mit anderen Tierarten gewonnen werden können.» In den letzten zehn Jahren habe sich der Einsatz von Primaten in der Forschung mehr als halbiert, zudem seien 2014 nur gerade zwei Tiere der höchsten Belastungsstufe (Schweregrad 3) ausgesetzt gewesen.

«Mensch zählt auch zu den Primaten»

Für Tierrechtler Schneider ist dies kein Argument: «Primaten sind Kleinkindern weitgehend überlegen. Der Mensch zählt auch zu den Primaten – es käme aber niemand auf die Idee, am Menschen solche Versuche durchzuführen.» Die Initiative zwinge die Universitäten und Industrie, in Alternativen zu investieren. Mit Unterstützung der Jungen Grünen und der Tierrechtsorganisation Tier im Fokus sollen bis zum Herbst die nötigen 3000 Unterschriften gesammelt werden.

Auswirkungen könnte die Initiative übrigens auch auf Zoos haben: Laut den Initianten wäre eine Haltung von Affen zwar noch möglich, vielerorts müssten aber die Haltungsbedingungen «massiv verbessert» werden.

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