Kontroverse App: Prinzip Tinder – mit einem Wisch zum Adoptivkind
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Kontroverse AppPrinzip Tinder – mit einem Wisch zum Adoptivkind

Man bewegt den Finger nach rechts und nach links über den Bildschirm und sucht nach einem Partner. Eine neue App will das Tinder-Prinzip für Adoptionen nutzen.

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Per Swipe zum Adoptivkind, das soll mit der App Adoptly möglich sein. (Video: Tamedia Webvideo via Vizzr)

Eine neue App löst unter IT-Experten – und bei unzähligen Menschen – völlige Konsternation aus: Das Tool namens Adoptly soll zur Adoption freigegebene Kinder und adoptionswillige Paare zusammenbringen. Die Idee mag zwar gut gemeint sein, aber die Ausführung ist kontrovers: Die App funktioniert nach dem Tinder-Prinzip. Das heisst, die potentiellen Eltern wischen mit dem Finger über den Bildschirm und beurteilen die Kinder nach deren Aussehen.

Gefällt ihnen ein Kind aus dem Bilderkatalog nicht, wischen sie es einfach weg. Findet das Paar hingegen ein Kind, das ihm gefällt, bekommt es ein Like. «Elternschaft ist nur einen Fingerwisch entfernt», verspricht Adoptly-Mitgründer Josh Weber in einem Video, mit dem das Unternehmen vergangene Woche seine Crowdfunding-Kampagne auf «Kickstarter» lancierte.

Kinderprofile im Netz sind nicht anders

Ist das ein Hoax? Und wenn nicht, ist das überhaupt legal? Das fragten sich die Journalisten der IT-Zeitschrift «Engadget», nachdem sie sich das Video angesehen hatten. Doch bevor sie diese Fragen beantworteten, waren sie sich einig: «So oder so ist das Projekt völlig entmenschlichend.»

Eine Recherche ergab jedoch, dass die Methode, zur Adoption freigegebene Kinder nach deren Aussehen auszuwählen, in den USA gang und gäbe ist. Adoptionsagenturen im Internet wie AdoptUSKids filtern Kinderprofile nach Hautfarbe, Geschlecht und Alter. «Was also bei Adoptly neu wäre, ist allein, dass statt gescrollt, mit dem Finger über einen Bildschirm gewischt wird», schreibt «Engadget».

Der Adoptionsprozess soll attraktiver gemacht werden

Auch das Online-Magazin «The Verge» versuchte abzuklären, ob es sich bei Adoptly vielleicht um einen schlechten Witz handelt. Ganz sicher ist sich der Journalist bis am Schluss nicht, doch eines stellte er mit Schrecken fest: «Während die meisten von uns die Idee monströs finden, haben bereits 16 Menschen dem Projekt via Kickstarter Geld gegeben.»

Adoptly-Mitgründer Alex Nawrocki versicherte auf Anfrage von «The Verge», dass seine Firma es ernst meint. «Wir machen uns auf keinen Fall über den Adoptionsprozess lustig. Wir haben aber bemerkt, dass es in diesem Bereich eine Lücke gibt.»

Die App wolle die gewöhnlichen Adoptionsdienste nicht ersetzen, sagte Nawrocki. «Der Prozess soll für Millennials, die jetzt langsam in ein Alter kommen, in dem sie über Kinder nachdenken, attraktiver gemacht werden.» Die persönlichen Treffen mit den Behörden, die rechtlichen Abklärungen und die Hintergrundchecks werden weiterhin Teil des Adoptionsprozederes bleiben.

Ein Smiley reicht, um eine Familie zu gründen

Was bei Adoptly so unfreundlich wirkt, ist vor allem die gefühllose Art und Weise, wie sie im Werbeclip präsentiert wird. Besonders schockierend ist eine Funktion in der App, mit der das gelikte Kind seine potentiellen Eltern zurückliken kann.

Das Unternehmen betont, dass die Kinder dies immer unter Beaufsichtigung der Pflegefamilie oder des Heims tun. «Aber genau das ist so falsch an Adoptly», kritisiert «Engadget». «Wo bleibt die menschliche Interaktion? Wer will schon nur aufgrund eines Emojis in einer neuen Familie wohnen wollen?»

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