Aktualisiert 19.10.2012 16:31

Zum Tod von «Emmanuelle»Privatunterricht mit Sylvia Kristel

Was ich damals nicht wusste: Sylvia Kristel fing mit 11 an zu rauchen – der feuchte Traum meiner Generation zu sein, brachte ihr kein Glück. Für mich lebt «Emmanuelle» als Sinnbild weiter.

von
Philipp Dahm

Die späten 80er-Jahre waren für heutige Mittdreissiger eine Zeit voller spannender Neuerungen. Das Privatfernsehen schickte sich an, die Bildschirme zu erobern. Gleichzeitig begann sich Testosteron eine Bahn durch unsere schmalen Knabenkörper zu brechen. Wenn man die Pubertät und die Privaten zusammennahm, musste das zwangsläufig in die Hose gehen. Und zwar in die Lederhose, aus der Liebesgrüsse bestellt wurden.

Doch obwohl ich mich damals physisch wie psychisch noch im Aufbau befand, war selbst mir damals klar, dass bayrische Bauern nicht derart dümmlich sein können, wie es mir die «Liebesgrüsse aus der Lederhose» weismachen wollten. Selbst in der Sturm-und-Drang-Phase waren die Kalauer und Schenkelklopfer nur schwer zu ertragen - um dann einen schamhaften Blick auf natürlich behaarte Blondinen zu erhaschen.

Trailer zu «Liebesgrüsse aus der Lederhos'n». Quelle: YouTube/PondusMaccus

Das Privatfernsehen versendet als billige Ware Kracher wie «Wirtshaus der sündigen Töchter» oder «Beim Jodeln juckt die Lederhose»: Diese sinnfreien Paarungsrituale im alpinen, ländlichen Milieu wurden zu einem eigenen Genre, dem so genannten Lederhosenfilm. In dieser schnöden Melange schienen schöne Frauen samt und sonders blond zu sein und birnenförmige Körper mit baumelnden Busen und ausgeprägtem Haarwuchs zu haben. Doch dann kam sie.

«Emmanuelle» traf mich wie ein Schlag. Was für eine Frau! Diese wunderbar-seidigen langen dunklen Haare, dieses Stupsnäschen. Eisblaue Augen, in die der Betrachter hineinzufallen droht und dieser weiche Mund. Sie sieht mal aus wie ein Vamp und mal wie die gute, aber auch attraktive Freundin von nebenan. Ich habe mich augenblicklich – im wahrsten Sinne des Wortes - in dieses Wesen verschossen: Wie konnte die sonst so haarige Damenwelt so etwas hervorbringen?

Sylvia Kristel machte mich später mit kurzen Haaren mit französischem Chic bekannt und strahlte aus jeder Pore Sinnlichkeit aus. Wenn Sie als «Emmanuelle» einem Weisskittel ein zärtliches «fick mich» entgegenhauchte und ihre schönen, kleinen Brüste enthüllte, war das mitnichten ordinär, sondern einfach nur zauberhaft. Bye, bye, blonde Bayerin, bonjour, Femme fatale! Ich fühlte mich wie der Junge, den sie im Streifen «Private Lessons» das Leben lehrt.

«Fuck me». Sylvia Kristel in «Emmanuelle» von 1974. Quelle: YouTube/0123456789053

Strip für einen 15-Jährigen: Sylvia Kristel als Nicole Mallow und Eric Brown als Philip «Philly» Fillmore in «Private Lessons» von 1981. Quelle: YouTube/Hoang Thanh

Tatsächlich hatte ich damals keinen blassen Schimmer. Nicht weil man sich als Teenager alle Nase lang verknallt, sondern weil das Leben dieser Frau so gar nicht sinnlich abgelaufen ist. Ich wusste noch nicht einmal, dass sie in Utrecht in den Niederlanden geboren wurde. Nicht, dass sie im Alter von neun Jahren von einem Gast der Pension ihrer Eltern missbraucht wurde. Dass sie mit elf Jahren zu rauchen begann und mit 17 Jahren mit dem Modeln anfing, nachdem sich die Eltern getrennt hatten, als sie 14 war.

Klein und unschuldig, wie ich war, ahnte ich nicht, wie es für eine 22-Jährige gewesen sein muss, «Emmanuelle» zu sein. Während ich von ihrer warmen Haut träumte, wünschte sie sich in ihrer späteren Filmkarriere, vom Image des lustvollen Luders loszukommen. Immer wieder landete sie auf der falschen Besetzungscouch – und drehte neben diversen «Emmanuelle»-Ablegern Filme wie «Hot Blood» oder «Die Sexfalle».

Der US-Trailer für «Emmanuelle 2». Quelle: YouTube/DimitriosBond

Während eine ganze Generation junger Männer im Stillen und in Gedanken der Kristel huldigten, fühlt sich die Schauspielerin vor allem zu Älteren hingezogen. Ihr erster Freund, der belgische Autor Charles Hugo, ist 25 Jahre älter als sie. Sein Nachfolger Ian McShane zehn Jahre. Er ist es, der sie nach Amerika holt: Dort dreht sie 1981 «Private Lessons», doch der grosse Karrieresprung bleibt aus.

Der kontroverse Streifen spielt zwar über 26 Millionen Dollar ein, doch sein Star sieht davon nur 150 000 Dollar. Die Schönheit hat ihre Anrechte verkauft, um das Kokain zu finanzieren, das sie seit jenem Jahr schnupft. Sie heiratet einen US-Geschäftsmann, trennt sich aber nach fünf Monaten. Auch die Ehe mit Filmproduzent Phillippe Blot hält nicht. Zuletzt lebt sie mit dem belgischen Radioproduzenten Fred De Vree zusammen.

Trailer für «Goodbye Emmanuelle» von 1977. Quelle: YouTube/JohnnyStanwyck

Das Schicksal, von Männern gesundheitlich, finanziell und sexuell ausgebeutet zu werden, teilt sich Sylvia Kristel mit anderen Showgrössen wie etwa «Deep Throat»-Pornodarstellerin Linda Lovelace oder 80er-Jahre-Sängerin Samantha Fox, die ihre Karriere als blutjunges Pin-up-Model begann. Allein: Woher soll der unbedarfte Junge wissen, dass es durchaus schwerwiegende Nachteile hat, ein Sexsymbol zu sein?

Heute sind wir schlauer. Und wehmütig. Schon 2001 war klar, dass das Qualmen filterloser Zigaretten seinen Tribut forderte. Die Diagnose: Kehlkopfkrebs. Drei Chemotherapien nützten nichts: Als in der Lunge Metastasen gefunden wurden, musste sie operiert werden.

Im Juni diesen Jahres erlitt die 60-Jährige einen Schlaganfall. Nachdem das Geschwür sich wieder in die Lunge und in die Speiseröhre ausgebreitet hatte, starb sie am Abend des 17. Oktober im Schlaf.

Für mich lebt Sylvia Kristel aber als Sinnbild weiter. Als Sinnbild für eine Sinnlichkeit, die unschuldig war. Zumindest bei mir.

Ein Fanvideo für Sylvia Kristel. Quelle. Youtube/johnxx2000

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