Contact-Tracer zu Mutationen: «Pro Infizierten müssen bis zu 65 Personen in Quarantäne»
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Contact-Tracer zu Mutationen«Pro Infizierten müssen bis zu 65 Personen in Quarantäne»

Wegen der Virus-Mutationen müssen mehr Menschen in Quarantäne. Trotzdem könne der Flächenbrand wohl nur noch verlangsamt werden, sagt der Leiter des Zürcher Tracing-Teams.

von
Daniel Graf
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Das Contact-Tracing-Team des Kantons Zürich wird aufgrund der Virusmutationen mehr Arbeit bekommen.

Das Contact-Tracing-Team des Kantons Zürich wird aufgrund der Virusmutationen mehr Arbeit bekommen.

20min/Lynn Sachs
Andreas Juchli, Arzt und operativer Leiter des Contact-Tracings des Kantons Zürich, erläutert im Interview die Folgen der Mutationen für sein Team.

Andreas Juchli, Arzt und operativer Leiter des Contact-Tracings des Kantons Zürich, erläutert im Interview die Folgen der Mutationen für sein Team.

20min/Lynn Sachs
An zwei Standorten – im Bild das Team in Pfäffikon ZH – arbeiten derzeit ständig rund 150 Personen für das Zürcher Contact-Tracing.

An zwei Standorten – im Bild das Team in Pfäffikon ZH – arbeiten derzeit ständig rund 150 Personen für das Zürcher Contact-Tracing.

20min/Lynn Sachs

Darum gehts

  • Die Virusmutationen aus verschiedenen Teilen der Welt sind deutlich ansteckender.

  • Das BAG verlangt deshalb von den Kantonen, dass sie auch «Kontaktpersonen zweiten Grades» in Quarantäne schicken, wenn der Verdacht auf eine Infektion mit einer mutierten Variante besteht.

  • Das bedeutet für die Contact-Tracing-Teams viel mehr Aufwand.

  • Die Contact-Tracer stellen auch häufiger fest, dass sich Infizierte zu spät testen lassen.

Rund 150 Personen sind derzeit ständig an zwei Standorten in Zürich mit dem Aufspüren der Kontakte von Corona-Positiven beschäftigt. Diese Aufgabe wird nun noch einmal schwieriger: Weil zwei neue, deutlich ansteckendere Mutationen in der Schweiz grassieren, sollen künftig auch «Kontakte zweiten Grades» in Quarantäne geschickt werden, wenn von einer Infektion mit dem mutierten Virus ausgegangen werden muss.

Wird künftig eine Person positiv auf eine ansteckende Mutation getestet, sollen die Contact-Tracer also nicht nur herausfinden, mit wem die Person in den letzten fünf Tagen Kontakt hatte und diese Personen in Quarantäne stellen, sondern auch noch all deren Kontakte. «Auf einen Infizierten kommen mit der neuen Regelung bis zu 65 Personen, die in Quarantäne müssen», sagt Andreas Juchli, operativer Leiter des Contact-Tracings im Kanton Zürich.

Was bedeuten die neuen Mutationen für das Contact-Tracing?

Andreas Juchli: Das kommt sehr darauf an, wie viele Fälle tatsächlich auftreten werden. Wir haben für die mutierten Varianten eine Taskforce mit 40 Mitarbeitern gegründet. Bisher hatten wir es ausschliesslich mit Einzelmeldungen aus den Labors zu tun, die bei der Sequenzierung festgestellt haben, dass jemand sich mit einer mutierten Variante angesteckt hat. Käme es aber zu einem Fall wie in St. Moritz oder Wengen, hiesse das sehr schnell sehr viel Arbeit für uns. Passieren mehrere solche Ausbrüche gleichzeitig im Kanton, so bedeutet das eine grosse Belastung für das Contact-Tracing. Daher auch die Organisation als Taskforce, die schnell weiter ausgebaut wird.

Wie können Ausbrüche wie in St. Moritz oder an Schulen verhindert werden?

Das Hauptproblem ist derzeit die Sequenzierung, die länger dauert als das Auswerten eines gewöhnlichen Tests. In Wengen etwa geht man davon aus, dass erste Infektionen mit der mutierten Variante um Weihnachten stattgefunden haben. Dass es sich um einen grösseren Ausbruch handelt, wusste man aber erst am 10. Januar. In der Zwischenzeit können natürlich gerade mit den neuen Varianten viele Ansteckungen passieren.

Lässt sich die Ausbreitung der Virus-Varianten denn überhaupt noch verhindern?

Diesen Flächenbrand noch komplett zu verhindern, ist wohl wenig realistisch. Aber wenn wir es nicht versuchen, haben wir eh schon verloren. Unsere Aufgabe ist es, die Ausbreitung so stark wie möglich einzudämmen. Die Fallzahlen sind in den letzten Tagen und Wochen rückläufig, was wir so nicht erwartet haben. Weil wir uns auf steigende Fallzahlen nach den Festtagen eingestellt haben, können wir schnell viel Kapazitäten freimachen, sollte es zu einem grösseren Ausbruch mit mutierten Viren kommen. Wenn wir Infektionsketten unterbinden und so schon nur einige Tage oder eine Woche gewinnen, retten wir damit letztlich 60 bis 100 Menschen pro Tag das Leben.

Wie reagieren die Leute, wenn sie wegen eines Kontakts über zwei Ecken in Quarantäne müssen?

Meist zum Glück sehr verständnisvoll. Die Leute scheinen zu verstehen, dass die neuen Massnahmen aufgrund der Mutationen nötig sind. Wir bemerken aber schon auch eine gewisse Corona-Müdigkeit. Es kommt etwa häufiger vor, dass die Menschen sich erst eine Woche nach dem Bemerken erster Symptome testen lassen, weil sie nicht in Isolation gehen wollen.

So läuft das Contact-Tracing ab

Wird eine Person positiv auf eine mutierte Variante getestet, gibt es laut Andreas Juchli fünf Phasen:
1. Wir versuchen herauszufinden, mit wem die positiv getestete Person in den letzten 5 Tagen Kontakt hatte.

2. Wir kontaktieren diese Kontakte, schicken sie in Quarantäne und befragen sie ebenfalls nach ihren Kontakten.

3. Wir kontaktieren die Kontakte zweiten Grades und schicken auch sie in Quarantäne.

4. Wir befragen erneut die ursprünglich infizierte Person und versuchen herauszufinden, wo sie sich angesteckt hat. Kann eine Infektionsquelle ausgemacht werden, etwa das Hotel in St. Moritz, fordern wir Gästelisten an und prüfen, ob wir noch weitere Personen kontaktieren und in Quarantäne schicken müssen.

5. Das Monitoring: Wir prüfen, wer von den Personen in Quarantäne sich schon hat testen lassen. Das ist keine Pflicht, wir empfehlen es aber dringend. Auch kurz vor Ende der Quarantäne kontaktieren wir die Menschen noch einmal und bitten sie, sich testen zu lassen. Sonst kann es vorkommen, dass jemand ganz am Ende der Quarantäne noch Symptome entwickelt, sich aber nicht mehr testen lassen will, weil er nicht gleich anschliessend an die Quarantäne in Isolation will.

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