Aktualisiert 24.01.2008 16:04

Prodis «letzte Schlacht»

Prodi wird nachgesagt, er sei ruhig und trocken, um nicht zu sagen langweilig. In der vorläufig letzten Schlacht des italienischen Regierungschefs kamen neue Attribute für den Wirtschaftsprofessor mit dem mangelnden Charisma auf.

Jetzt ist er eigensinnig und heroisch, trägt die Krise ins Parlament, obwohl er doch rechnen kann. Denn seit dem Ausstieg der Mini-Partei Udeur mit drei Senatoren war dem seit 618 Tagen regierenden Prodi der Boden entzogen.

Was tun? Das war für Prodi keine Frage: Er wurde ausgesprochen kämpferisch und stur. Und er wollte diesen Kelch bis zur bitteren Neige leeren.

Italienische Verhältnisse

Italien wäre auch nicht Italien, mit 61 Regierungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wenn eine akute Regierungskrise einfach mit Vertrauensfrage, Rücktritt der Ministerriege und Neuwahlen aus der Welt geschafft werden könnte.

Und so blieben 72 Stunden Zeit für das Bangen und Hoffen, Schachern und Sondieren bis zu der entscheidenden Herausforderung. Die Frage, ob Prodi denn die Vertrauensfrage in der zweiten Kammer überhaupt noch stellen wollte, gehörte mit zum Spiel um die Macht in Rom und die politische Zukunft - und zwar auf allen Seiten.

Ein Rücktritt Prodis ohne Senatsvotum, das «wäre ein weniger traumatisches Ende und liesse dem Staatspräsidenten die Möglichkeit, andere Weg zu erkunden», hatte «La Repubblica» zuvor noch orakelt.

Berlusconi wittert Morgenluft

Andere Wege? Die sind nicht nach dem Geschmack des Mannes, der Morgenluft wittert, immer wieder baldige Neuwahlen will und mit dem Rückenwind der Umfragen zurück an die Macht: Oppositionsführer und Ex-Regierungschef Silvio Berlusconi bläst bereits zum Sammeln.

Ein solches Neuwahlszenario gefällt indessen Walter Veltroni nicht. Der führende Kopf des Mitte-Links-Lagers möchte erst das Wahlrecht reformieren, um das Italien der zersplitterten Parteienlandschaft regierbarer zu machen. Neuwahlen könnte es danach im Sommer geben.

Schachern und Sondieren: Während sein Bündnis vor einem «Alptraum mit offenen Augen» steht, wie der «Corriere della Sera» meinte, kam der erfahrene Regierungschef und frühere EU- Kommissionspräsident Prodi nur Stunden vor dem Senatsvotum von neuem mit dem Staatspräsidenten zusammen.

Immerhin galt es in Rom als denkbar, dass Giorgio Napolitano den vor dem Aus stehenden Prodi für eine Übergangszeit bis nach einer Wahlrechtsreform wieder ins Amt einsetzen könnte. Entweder neuer Regierungsauftrag oder aber Neuwahlen, so soll Prodi ihm dann die Pistole auf die Brust gesetzt haben.

Prodi überrascht Italiener

Napolitano seinerseits hatte dem unglücklichen Regierungschef nahegelegt, das Handtuch zu werfen - ohne «Durchfallen» im Senat. Doch «Il Professore», wie ihn die Italiener gern nennen, schien trotz des massiven Drucks auch aus den eigenen Reihen, seinen Weg bis zum bösen Ende gehen zu wollen.

Ja, er stelle sich dem Senat, verkündete Prodi im Präsidentenpalast. In der tiefsten Krise überraschte die Italiener die Hartnäckigkeit des Mannes noch einmal, den sie als bedächtig und onkelhaft kannten. (sda)

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