USA: Produzieren Arztserien schlechte Mediziner?

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USAProduzieren Arztserien schlechte Mediziner?

So schlagfertig wie Dr. House, so charmant wie Dr. Shepherd oder so attraktiv wie Dr. Izzi Stevens aus «Grey's Anatomy»: Angehende Ärzte in den USA orientieren sich zunehmend an ihren fiktiven Kollegen. Doch dabei imitieren sie längst nicht nur die charakterlichen Macken ihrer TV-Helden - eine Verhaltensweise, die im Notfall tödlich enden kann.

Auf der Liste der angesehensten Berufe überhaupt steht der Job des Mediziners ganz weit oben. Kein Wunder also, dass zur besten Sendezeit auf nahezu jedem Kanal die Arztkittel über den Bildschirm huschen. Dass es sich bei dem Gezeigten um Szenarien fernab jeglicher Realität eines Spitalalltags handelt, stört nicht - ganz im Gegenteil: Der mit der Figur Dr. House zu Fleisch gewordene Zynismus oder der frauenbetörende Dr. Sheperd aus «Grey's Anatomy» finden viele Anhänger, besonders bei angehenden Ärzten in den USA.

Die Popularität der TV-Ärzte ist jenseits des Atlantiks zu einem echten Problem geworden. Die werdenden Mediziner übernehmen nicht nur die Macken ihrer Fernsehhelden, sie imitieren auch, was sie an vermeintlich perfektem medizinischen Handwerk zu sehen bekommen. «Ich sehe regelmässig Studenten, die sich wie Ärzte ihrer Liebings-Spitalserie verhalten», klagt die Professorin Elizabeth Sinz vom Penn State Milton S. Hershey Medical Center in einem Interview mit «abcnews.com». Und das führt zu einem ordentlichen Durcheinander: «Das an der Uni Erlernte wird mit den Inhalten der Fernsehserien vermischt», ergänzt sie.

George Clooney, intubieren Sie!

Das Phänomen ist derart weit verbreitet, dass sich kanadische Mediziner in einer Studie den Verhaltensmustern angehender Ärzte annahmen. Sie fanden heraus, dass viele Medizinstudenten keine Ahnung haben, wie man einen Beatmungsapparat - einen sogenannten Tubus - fachgerecht einführt. Der Grund: Viele der befragten Studenten gaben an, sich an den in TV-Serien gezeigten Handgriffen der Schauspieler in Arztkitteln orientiert zu haben. Das bewog die Verantwortlichen der Studie dazu, genauer hinzuschauen. Sie sichteten mehrere Folgen der Serie «Emergency Room» und fanden 22 Szenen, in denen eine Intubation in Nahaufnahme gezeigt wird. Und tatsächlich: Keine der gestellten Beatmungsmassnahmen wurde korrekt ausgeführt. Dr. William Hurford, Leiter der Anästhesiologie an der University of Cincinnati Medical Center zeigt sich ob dieses Ergebnisses wenig erstaunt: «Um erfolgreich intubieren zu können, bedarf es zwischen zehn und 20 Trainingseinheiten», weiss der erfahrene Mediziner.

Medizinstudenten beim «House-Besuch»

Dass sich Inhalte populärer Arztserien aber auch als Lerninhalte nutzen lassen, zeigt das Beispiel der Universiät Marburg in Deutschland. Während freiwilliger Seminare haben die Studenten dort die Möglichkeit, einzelne Folgen von «Dr. House» anzuschauen und sie anschliessend von der Differenzialdiagnose bis hin zu einzelnen Behandlungsschritten mit tutorischer Unterstützung zu «sezieren». Im Gegensatz zu vielen anderen Spitalserien schätzen auch Ärzte den Inhalt der Geschichten rund um das mürrische Medizin-Genie: Sie sorgen nicht nur für Unterhaltung, sondern sind obendrein auch medizinisch relativ gut recherchiert.

(rre)

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