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Impfpriorisierung für UnverheirateteProfessor will binationale Paare vorrangig impfen

Trotz offener Grenzen können sich einige Paare noch immer nicht sehen. Zudem hat die erste Airline beschlossen, nur noch geimpfte Passagiere zu befödern. Ein Professor fordert, dass binationale unverheiratete Paare vorrangig geimpft werden. Drei Betroffene erzählen.

von
Julia Ullrich
Gabriela Graber
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Viele binationale unverheiratete Paare trifft die Corona-Pandemie besonders hart. Auch Ann (24) und Chris (32) leiden sehr unter der ungeplant langen Trennung und freuen sich auf ein Wiedersehen zu Weihnachten. 

Viele binationale unverheiratete Paare trifft die Corona-Pandemie besonders hart. Auch Ann (24) und Chris (32) leiden sehr unter der ungeplant langen Trennung und freuen sich auf ein Wiedersehen zu Weihnachten.

Privat 
Auch Dominik (35) vermisst seine russische Freundin Diana (29) sehr.  

Auch Dominik (35) vermisst seine russische Freundin Diana (29) sehr.

Privat
Wegen Einreisebestimmungen und eingebrochenen Flugverkehrs haben sie sich monatelang nicht gesehen. 

Wegen Einreisebestimmungen und eingebrochenen Flugverkehrs haben sie sich monatelang nicht gesehen.

Luke Porter/Unsplash

Darum gehts

  • Viele binationale unverheiratete Paare können sich noch immer nicht besuchen.

  • Schuld daran ist der unregelmässige Flugverkehr, Einreisesperren oder die Quarantänepflicht.

  • Nun hat zudem die erste Airline beschlossen, dass man künftig nur noch mit Corona-Impfung fliegen darf.

  • Deshalb fordert Daniel Christen, Professor für Gesundheit, Sicherheit und Umwelt, dass unverheiratete binationale Paare prioritär – also gemeinsam mit der Risikogruppe – geimpft werden.

  • Drei Betroffene erzählen von ihrem Liebesleben und was sie von dem Vorschlag halten.

Die Pandemie und die geschlossenen Grenzen führten bei vielen unverheirateten Paaren zu unfreiwilligen Trennungen. Unter dem Hashtag #LoveIsNotTourism äusserten sie ihre Verzweiflung und ihren Frust in den sozialen Medien. Im August 2020 endlich gute Nachrichten: Selbst Lebenspartnern ausserhalb des Schengen-Raums wurde es wieder gestattet, ihre Liebsten in der Schweiz zu besuchen (siehe Box). Trotzdem gibt es für viele Paare ohne Trauschein noch immer kein Happy End. Die Einreisebestimmungen und der eingebrochene Flugverkehr stehen dem Wiedersehen im Weg. Mit den Fortschritten bei der Impfstoffentwicklung macht sich dazu ein neues Problem breit: Als erste Airline weltweit kündigt die australische Fluggesellschaft Qantas an, nur noch Passagiere zu transportieren, die gegen das Coronavirus geimpft sind. CEO Alan Joyce geht davon aus, dass diese Regelung bald weltweit für Airlines gelten wird.

Damit ein schnelles Wiedersehen der Paare möglich wird, fordert Dr. Daniel Christen, Professor für Gesundheit, Sicherheit und Umweltschutz, eine Änderung der Impfstrategie des Bundesamts für Gesundheit (BAG): «Unverheiratete binationale Paare sollten mit einem ärztlichen Attest ausgestellt durch einen Psychologen oder Psychiater gemeinsam mit der Risikogruppe geimpft werden. Andernfalls bedeutet dies im Extremfall eine Trennung der Partner oder eventueller Kinder, von ein bis zwei Jahren. Diese lange Wartezeit gefährdet die psychische Gesundheit beider Partner. Viele werden depressiv oder hegen gar Suizidgedanken. Das darf nicht sein!»

«Mehrere Tausend Schweizer würden davon profitieren»

Wie viele Menschen aktuell von der Trennung des Partners betroffen sind, lässt sich nicht beziffern, verifizierte Zahlen fehlen. Christen selbst spricht von mehreren Tausend Schweizerinnen und Schweizern: «Eine Impfpriorisierung für diese leidenden Menschen ist deshalb von grosser Wichtigkeit. Ich selbst habe meine Partnerin seit über einem Jahr nicht mehr gesehen, dies auch, weil die Visaabteilungen der Schweizer Botschaften in Übersee geschlossen sind und sie so kein Visum erlangen kann. Besuchen kann ich sie auch nicht, da das Land noch immer eine komplette Einreisesperre hat. Ich gehe davon aus, dass die Behörden später nur geimpfte Personen wieder ins Land lassen

Im aktuellen Impfplan des BAG ist eine Bevorzugung unverheirateter binationaler Paare derzeit nicht vorgesehen. Nur Risikogruppen und Gesundheitspersonal soll vorrangig eine Impfung gegen Sars-CoV-2 erhalten. Auf Anfrage betont das BAG, dass das primäre Ziel der Schutz gefährdeter Personen und die Aufrechterhaltung des Schweizer Gesundheitssystems sei. Man werde in den kommenden Wochen über die Grundzüge der Impfstrategie informieren.

20 Minuten hat mit mehreren internationalen Paaren gesprochen. Drei Leser erzählen von ihrer Situation und was sie vom Vorschlag der Impfpriorisierung halten.

«Wir trafen uns in Mexiko, um den Massnahmen zu entgehen»

Jessica (23): «Mein Freund (26) und ich sind seit anderthalb Jahren zusammen. Er kommt aus Kolumbien, und wegen der Corona-Krise konnten wir uns jetzt fast ein Jahr lang nicht sehen. Anfang November haben wir uns dann endlich getroffen – allerdings in Mexiko, da es dort weder eine Testpflicht noch Quarantäne für unsere beiden Länder gibt. Nach Kolumbien wollte ich bis vor kurzem wegen der Quarantänepflicht nicht reisen, und er hat von dort keinen Direktflug in die Schweiz. Selbst wenn wir also eine Bescheinigung (Anm. d. Red.: siehe Box) erhalten hätten, hätte es sein können, dass er an einem Zwischenflughafen abgepasst worden wäre. Dieses Risiko wollten wir nicht eingehen. Im ersten Moment war das Wiedersehen ein bisschen komisch vor allem auch wegen der Maske und der langen Zeit, in der wir uns nicht gesehen hatten. Aber das hat sich zum Glück schnell wieder gelegt, und zurück blieb die Freude.

Trotz all den Komplikationen haben wir nie an unserer Beziehung gezweifelt, und ich denke, die unfreiwillige Trennung schweisst uns nur noch mehr zusammen. Dennoch ist die aktuelle Situation sehr belastend. Wir wissen nie, wann wir uns das nächste Mal sehen, und können nichts für die Zukunft planen. Ich befürworte die Forderung nach der Impfpriorisierung. Weil sich wahrscheinlich nicht alle aus der Risikogruppe testen lassen möchten, denke ich, dass auch genügend Impfdosen für binationale Paare verfügbar wären

«Personen ohne Impfung sollten nicht bestraft werden!»

Dominik (35) ist seit zwei Jahren mit seiner russischen Freundin Diana zusammen. 

Dominik (35) ist seit zwei Jahren mit seiner russischen Freundin Diana zusammen.

Privat

Auch Dominik (35) ist seit Beginn der Coronavirus-Pandemie von seiner Freundin Diana (29) getrennt: «Wir sind seit zwei Jahren zusammen. Da sie aber in Nowosibirsk in Russland wohnt, ist ein Besuch derzeit nicht möglich. Um uns dieses Jahr wenigsten einmal sehen zu können, haben wir uns in der Türkei getroffen und dort Ferien gemacht. Das war die einzige Möglichkeit, da wir dort nicht in Quarantäne mussten und sie kein Visum brauchte.

Die aktuelle Situation ist mühsam. Wir vermissen uns sehr und halten täglich über Facetime Kontakt.» Von der Impfpriorisierung hält Dominik trotz allem nichts: «Es sollte nicht das Ziel sein, dass die Leute, die keine Impfung haben oder sich auch nicht impfen lassen wollen, bestraft werden! Das finde ich nicht richtig.»

«Die Risikogruppe darf wegen uns nicht zu kurz kommen»

Ann (24) und ihr Freund Chris (32) führen seit drei Jahren eine Fernbeziehung. Ann lebt in der Schweiz, Chris in San Francisco, USA. 

Ann (24) und ihr Freund Chris (32) führen seit drei Jahren eine Fernbeziehung. Ann lebt in der Schweiz, Chris in San Francisco, USA.

Privat 

Ähnlich geht es auch Ann (24) und ihrem Freund Chris (32): «Mein Partner wohnt in San Francisco. Normalerweise treffen wir uns alle drei bis vier Monate, aber nun haben wir uns schon seit Februar nicht mehr gesehen. Das ist ganz schön lang, und wir vermissen uns sehr. Chris könnte theoretisch zu mir kommen, doch da Angestellte in den USA weniger Ferien haben, warten wir bis Weihnachten, weil er sie so dank den Feiertagen verlängern kann. Ich kann leider nicht zu ihm reisen, da wir nicht verheiratet sind – Amerika ist da strenger als die Schweiz. Die dauerhafte grosse Distanz ist sehr belastend. Am schlimmsten war es am Anfang der Pandemie, als wir nicht wussten, wann wir uns das nächste Mal sehen. Wir telefonieren aber ein- bis zweimal täglich, hier und da schicke ich ihm Postkarten und ganz selten mal einen Brief.

Ich fände es schön, wenn wir binationalen Paare früh geimpft werden würden. Wichtig ist aber, dass die Risikogruppe nicht zu kurz kommt. Es darf nicht sein, dass die gefährdeten Personen wegen uns zu wenig Impfstoff haben.»

Welche Regeln gelten aktuell?

Seit Anfang August 2020 geniessen unverheiratete binationale Paare in der Schweiz besondere Freiheiten: Personen aus allen Drittstaaten, die eine Lebenspartnerin oder einen Lebenspartner in der Schweiz haben, dürfen wieder einreisen. Dafür müssen sie nur glaubhaft und schlüssig darlegen, dass sie eine Beziehung führen. Allerdings gibt es diese Sonderregelung für binationale Paare nicht in jedem Land: Wie das Staatssekretariat für Migration auf seiner Website schreibt, wird dringend empfohlen, nur über eine Direktverbindung in die Schweiz zu fliegen. Die Transit kann sonst verweigert werden kann. Ehepaare konnten bereits zuvor selbst bei Einreisesperren der Länder ihre Partner besuchen.

Hast du oder jemand, den du kennst, eine psychische Erkrankung?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele, Onlineberatung für Kinder psychisch kranker Eltern

Pro Juventute, Tel. 147

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

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