Asylwesen: «Profite mit Flüchtlingen sind fragwürdig»
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Asylwesen«Profite mit Flüchtlingen sind fragwürdig»

Bei der Betreuung von Flüchtlingen geht es um viel Geld. Gemeinnützige und gewinnorientierte Firmen kämpfen um die lukrativen Aufträge.

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Um die Betreuung der Asylbewerber streiten sich gewonnorientierte Unternehmen und Non-Profit-Organisationen

Um die Betreuung der Asylbewerber streiten sich gewonnorientierte Unternehmen und Non-Profit-Organisationen

Gemeinden und Kantone erhalten vom Bund den Auftrag, sich um Asylbewerbern zu kümmern. Es geht dabei um viel Geld: Die Kantone erhalten für jeden Asylbewerber, den sie betreuen, eine Pauschale von 1500 Franken, die an die Gemeinden weitergegeben wird. Mit dem Geld müssen sie die Asylbewerber betreuen und verpflegen, ihnen ein Dach über dem Kopf bieten, und ihre Gesundheitsversorgung sicherstellen. Diese Aufträge können die staatlichen Stellen nicht immer selbst erfüllen, sodass sie Drittanbieter damit beauftragen.

Um die Aufträge, bei denen es angesichts der aktuellen Flüchtlingswelle um immer mehr Geld geht, kämpfen Non-Profit-Organisationen und gewinnorientierte Firmen. Neben den Kantons- und Gemeindeaufträgen wird seit 2011 auch das Betreuungsmandat der Bundeszentren öffentlich ausgeschrieben. Vorher war die Firma ORS AG allein dafür zuständig. Der Verteilkampf hält also auch hier Einzug.

1000 Franken Gewinn pro Flüchtling?

Gemäss Recherchen der «Obersee Nachrichten» unterbieten Private die Hilfswerke oft mit ihren Angeboten: Während eine Tochterfirma der ORS, die ABS AG, für eine Betreuungsperson pro Stunde 43 Franken verrechnet, verlangen Hilfswerken Caritas und das Rote Kreuz 85 Franken. Für eine Pflegefachperson verlangt die ABS 46 Franken pro Stunde, bei den Hilfswerken kostet eine Arbeitskraft 80 Franken. Unter dem Strich kommt die ABS nach Berechnungen der Zeitung so auf 1000 Franken Bruttoertrag pro Flüchtling. Vergangenes Jahr soll alleine die Tochterfirma ABS 60 Millionen Franken Umsatz gemacht haben.

«Die Berechnung ist schlicht falsch», sagt Yvonne Hachem von ORS zu den Zahlen. Essenzielle Kosten wie Miete und Krankenkassenprämien würden in der Rechnung der «Obersee Machrichten» nicht berücksichtigt. Die Stundenansätze könne man nicht kommentieren. Seltsam sei aber, dass der ABS einerseits überrissene Gewinne, andererseits aber auch Dumpingpreise vorgeworfen werden.

Auf dem Buckel der Flüchtlinge sparen?

«Es ist fragwürdig, dass man mit Menschen, die unseren Schutz brauchen, Profit machen will», sagt Stefan Frey von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Dass die Privaten so viel günstiger sind, ist laut Frey darauf zurückzuführen, dass bei den Hilfswerken oft gut qualifiziertes Personal eingesetzt wird, welches die nötige Ausbildung und Erfahrung für die Flüchtlingsbetreuung mitbringt, was man von den Privaten nicht behaupten kann.

Flüchtlingsexperte Beat Meiner teilt diese Ansicht: «Bei den geringen Pauschalen, welche die Gemeinden erhalten, kann eigentlich nur auf dem Buckel der Flüchtlinge gespart werden.» Für ihn wird bei der Asylbetreuung aber am falschen Ort gespart: «Die Flüchtlinge sind dem Betreuungspersonal praktisch ausgeliefert. Wenn dieses nicht die entsprechende Ausbildung hat, um die Flüchtlinge kompetent zu betreuen, kann sich das negativ auf deren Integration in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt auswirken und später zu hohen Folgekosten führen.»

Auch Stella Jegher von Amnesty International sieht die privaten Firmen eher kritisch: «Wenn am Personal gespart wird, besteht die Gefahr, dass Asylsuchende nur ‹verwaltet› werden und vor allem unternehmerische Effizienz und Fragen der Sicherheit im Vordergrund stehen.» Jegher nimmt die Gemeinden in die Pflicht: «Auftraggeber müssen entsprechende Anforderungen bei der Auftragsvergabe stellen und genau überprüfen.»

Die ORS AG verteidigt sich

Yvonne Hachem von ORS weist die Vorwürfe zurück: «Wir sehen keinen Widerspruch zwischen qualitativ hochwertigen Betreuungsleistungen und der Erbringung dieser Leistungen durch einen privaten Anbieter.» Die ORS AG würde branchenübliche Löhne bezahlen und ihre Mitarbeiter konstant weiterbilden. Zudem sei auch ORS nicht nur am Gewinn interessiert: «Wirtschaftliches Handeln darf nicht losgelöst sein von ethischen und moralischen Grundsätzen. Deshalb möchten wir an unserer Gesamtleistung gemessen werden und nicht an Umsatz- oder Ertragszahlen», so Hachem.

Trotz der Kritik ist die ORS denn auch weiterhin ein sehr gefragter Geschäftspartner: Das Unternehmen betreut momentan Asylbewerber in neun Bundeszentren, an 30 Kantonsstandorten und in 44 Gemeinden.

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