Aktualisiert 20.06.2016 06:11

Digitale Revolution

Programmierende Schüler – nötig oder Unsinn?

Wirtschaftsvertreter wollen Kinder mit Programmieren in der Schule für den Arbeitsmarkt wappnen. Kritiker befürchten weitere schulische Defizite.

von
B. Zanni
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Stundenlang am Computer sitzen für einen Kreis? Politiker sind sich uneinig, ob Kinder in der Primarschule Programmieren lernen sollen.

Stundenlang am Computer sitzen für einen Kreis? Politiker sind sich uneinig, ob Kinder in der Primarschule Programmieren lernen sollen.

AP/Elaine Thompson
Er sei klar dafür, Programmieren schon auf Primarstufe zu lehren, das sei schliesslich die Zukunft, so SVP-Nationalrat Felix Müri.

Er sei klar dafür, Programmieren schon auf Primarstufe zu lehren, das sei schliesslich die Zukunft, so SVP-Nationalrat Felix Müri.

Keystone/AP
SVP-Nationalrat Franz Grüter: «Damit die Schweiz den Zug nicht verpasst, müssen die Schüler unbedingt mit dem Programmieren vertraut gemacht werden.»

SVP-Nationalrat Franz Grüter: «Damit die Schweiz den Zug nicht verpasst, müssen die Schüler unbedingt mit dem Programmieren vertraut gemacht werden.»

Keystone/Gaetan Bally

Die digitale Revolution schreitet in grossen Schritten voran. Damit der Wirtschaftsstandort Schweiz nicht ins Hintertreffen gerät, wollen Wirtschaftsvertreter und Politiker bei den Jüngsten ansetzen. «Neben Lesen und Schreiben muss man in der Primarschule auch Programmieren unterrichten», sagte der ehemalige Nationalbank-Direktor Philipp Hildebrand am Swiss Economic Forum. FDP-Ständerat Ruedi Noser fordert in der «Schweiz am Sonntag» sogar: «Kein Schüler sollte in der Schweiz die Matura machen dürfen, wenn er nicht mindestens eine Programmiersprache beherrscht.»

Politiker und Schulvertreter unterstützen die Stimmen. Er sei klar dafür, Programmieren schon auf Primarstufe zu lehren, das sei schliesslich die Zukunft, so SVP-Nationalrat Felix Müri. Auch

Parteikollege und IT-Unternehmer Franz Grüter macht sich für den Unterricht stark. Zurzeit weise die IT-Industrie grosse Mängel auf. «Damit die Schweiz den Zug nicht verpasst, müssen die Schüler unbedingt mit der Materie vertraut gemacht werden.» Allerdings würde er den Stoff erst in der Sek einführen. «Die Primarschüler müssen zuerst im Lesen, Schreiben und Rechnen sattelfest werden.»

Mit Klötzchen lernen

Die Kompetenz wurde bereits im Lehrplan 21 im Modul «Medien und Informatik» aufgenommen. Künftig gebe es praktisch keine Jobs mehr ohne grundlegende Kompetenzen in Informatik, sagt Beat Zemp, Präsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. Es sei aber wichtig, dass Programmieren stufengerecht vermittelt werde. «Durch Klötzchen, Zeichnungen und Symbole kann man Kinder damit bereits in der Primarunterstufe spielerisch vertraut machen.»

Freisinnige und linke Bildungspolitiker halten das für unnötig. Dafür seien Spezialisten zuständig, sagt FDP-Nationalrat Hans-Ulrich Bigler. «Einen Roboter muss man bedienen können. Das Programm dafür schreibt ein Spezialist.» Den Schülern müssten deshalb anwendungsorientierte Kenntnisse vermittelt werden. Weiter sollten sie in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik gefördert werden.

«Für einen Kreis stundenlang vor dem PC»

Auch SP-Nationalrat Matthias Aebischer ist skeptisch. Er befürworte zwar, dass Kinder mit der Materie in Berührung kämen. Zu Nosers Forderung meint er aber: «Das sind grosse Worte. Programmieren zu erlernen, ist nicht so einfach.» Als Mittelschüler habe er sich darin einst versucht. «Da hockt man stundenlang vor dem Computer, um nur einen Kreis zu zeichnen.» Die Kompetenz richtig zu erlernen, übersteige den Schulstoff. «Ein neues Fach geht immer zu Lasten eines anderen.» Es werde schon genug gejammert, dass die Schüler Defizite in Deutsch und Mathematik hätten. Laut Zemp geht das Modul jedoch nicht auf Kosten anderer Fächer. «Die Idee ist, dass die Schulen das Modul ergänzend zu den anderen Fächern in den Stundenplan einbauen.»

Prognosen, Schulabgängern ohne Programmierkenntnisse würden künftig zu Billigarbeitskräften, beeindrucken die Gegner nicht. «Wir werden auch künftig in der Wirtschaft die Nase vorn haben», sagt Bigler. Gefragt sei die anwendungsorientierte digitale Arbeit. «Und in dieser Entwicklung ist die Schweiz bestens positioniert.» Geht es nach Aebischer ist es nicht zu spät, wenn die Schulabgänger auf dem Arbeitsmarkt Programmieren lernen. «Sonst könnte man auch fordern, dass nur Kinder, die einen Stuhl oder Tisch herstellen können, einen Schulabschluss erhalten.»

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