02.03.2015 23:54

Survival Sex«Prostitution ist besser, als kein Essen zu haben»

Eine Studie gibt Einblick in das Leben junger Homosexueller in New York. Es ist ein Leben zwischen Diskriminierung, Übergriffen und Ausbeutung.

von
Bernard Darko, AP
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Die Ecke Christopher Street/West Street in New York. Am 27. Februar 2015 prostituieren sich hier junge Menschen, um zu überleben.

Die Ecke Christopher Street/West Street in New York. Am 27. Februar 2015 prostituieren sich hier junge Menschen, um zu überleben.

Keystone/AP/Patrick Sison
Eine Studie beleuchtet das Leben der jungen New Yorker.

Eine Studie beleuchtet das Leben der jungen New Yorker.

Keystone/AP/Will Anderson

Oft haben die Familien sie verstossen. Sie leben auf der Strasse und prostituieren sich, um zu überleben. Die Situation junger Lesben, Schwuler, Bi- und Transsexueller – kurz LGBT – in New York ist oft hart und gefährlich, wie eine bislang einzigartige Studie jetzt ergab. Halt und Hilfe finden die jungen Menschen vor allem in Netzwerken von Gleichgesinnten.

Über drei Jahre hinweg hat das unabhängige Urban Institute 283 junge Menschen in ausführlichen Interviews befragt – unter anderem über ihre familiären Erfahrungen, ihr soziales Umfeld und ihre Überlebensstrategien. Dass viele dafür ihren Körper verkaufen, bezeichnen die Forscher der Studie als «Survival Sex» – als Sex zum Überleben. Eine grosse Zahl der Befragten gewinnen diesem Leben sogar positive Aspekte ab. Doch die Mehrheit hat den Wunsch, das Sexgeschäft hinter sich zu lassen.

«Die Kids tun, was man tun muss»

«Sie sehen sich selbst nicht als Opfer, aber es macht sie auch nicht stärker, wenn sie das tun», sagt Studienleiterin Meredith Dank. «Die Kids sind in sehr verzweifelten Situationen, in denen man tut, was man tun muss, um in der Lage zu sein zu überleben.»

Im Mittelpunkt der Studie, die von der Abteilung für Jugendrecht und Jugendschutz des Justizministeriums finanziert wurde, standen junge Menschen zwischen 15 und 21 Jahren, wobei es auch einige etwas ältere Teilnehmer gab. 47 Prozent der Befragten waren Männer, 36 Prozent Frauen und 16 Prozent Transsexuelle. Etwa 90 Prozent waren Schwarze, Latinos oder haben Eltern unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Fast 60 Prozent gaben an, in einer Notunterkunft oder auf der Strasse zu leben, weil sie zu Hause rausgeflogen oder zu alt für die staatlichen Jugendbetreuung geworden seien.

Ein 19 Jahre alter Schwuler berichtete in einem Interview, wie seine Mutter ihn gezwungen habe, das Elternhaus zu verlassen. «Sie wollte nicht, dass ich schwul bin. Sie wollte Enkel. Sie mochte meinen Lebensstil nicht», sagt er.«Sie hatte mich noch immer lieb, aber sie wollte mich nicht mehr um sich haben.»

Die zentralen Ergebnisse der Studie sind:

- Viele der jungen Menschen sind enttäuscht von den Sozialsystemen, weil es diesen oft nicht gelingt, ihnen eine sichere Unterkunft und angemessene Gesundheitsversorgung zur Verfügung zu stellen.

- Viele Befragte haben grosse Netzwerke von Gleichgesinnten, darunter andere Jugendliche, die ebenfalls im Sexmilieu arbeiten und ihnen helfen.

- Weit verbreitet sind gewaltsame Übergriffe und Missbrauch – von Verwandten, Freiern, Polizisten, aber auch von Gleichgesinnten. Viele der jungen Menschen tragen jedoch ihre Widerstandsfähigkeit dagegen demonstrativ zur Schau.

Im Schnitt haben die Befragten drei bis sechs Freier pro Tag

«Sie finden Wege, um zu überleben, die oft auf ihren informellen Netzwerken, ihrem gesunden Menschenverstand und ihrer schnellen Lernfähigkeit basieren, Ressourcen zu teilen, sowie darauf, sich schnell auf schwierige und oft gefährliche Situationen einzustellen», heisst es in dem Bericht.

Viele der Jugendlichen sagen, sie hätten Mittel, um sich physisch zu schützen, wenn sie sich prostituierten. Am weitesten verbreitet sind dabei Messer und Pfefferspray.

Im Schnitt haben die Befragten drei bis sechs Freier pro Tag oder Nacht – zwischen 11 und 18 die Woche, wobei die Prostitution in der Regel auf bestimmte Phasen beschränkt ist. Die Preise pro Freier variieren zwischen 90 und 230 Dollar (85 und 218 Franken), das Tageseinkommen liegt zwischen 355 und 735 Dollar (337 und 698 Franken).

«Es ist nicht so schlecht, wie kein Essen zu haben»

Etwa 90 Prozent der Befragten nannten negative Aspekte, wenn sie ihren Körper verkauften. Es frustriere sie, gebe ihnen das Gefühl, schmutzig zu sein, oder bringe sie in Gefahr. Nur sieben Prozent gaben an, sie hätten nicht den Wunsch, mit der Prostitution aufzuhören.

Doch mehr als 80 Prozent konnten dem Sexgeschäft auch positive Aspekte abgewinnen. Es helfe ihnen, die grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen, und in einigen Fällen trage es auch dazu bei, einen Gemeinschaftssinn zu stiften. «Es ist nicht so schlecht, wie unter der Brücke zu schlafen. Es ist nicht so schlecht, wie kein Essen zu haben», sagte einer der Befragten.

Bis zu 4000 Menschen auf dem Strassenstrich

Die Studie empfiehlt verschiedene Schritte, damit junge Menschen dazu ermutigt werden, ihren Körper nicht mehr zu verkaufen, darunter Wohnprogramme, Gesundheitsvorsorge und die Bereitstellung von Arbeitsplätzen. All diese Angebote wären am effektivsten, wenn sie die besonderen Interessen der LGBT-Community im Blick hätten, heisst es in dem Bericht weiter.

Das Urban Institute, das seinen Sitz in Washington hat, nennt keine eigene Schätzung, wie viele LGBTs im New Yorker Sexgeschäft tätig sind, allerdings verweist es auf andere Studien. Darin ist von 2500 bis 4000 jungen Menschen aller sexueller Orientierungen die Rede.

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