Italien: Proteste in Rom nach Rassenkrawallen
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ItalienProteste in Rom nach Rassenkrawallen

Nach den zweitägigen blutigen Zusammenstössen zwischen Immigranten und Einwohnern in der süditalienischen Region Kalabrien haben Hunderte Menschen in Rom gegen Rassismus demonstriert.

Demonstranten machten in Rom am Samstag gegen Rassismus mobil.

Demonstranten machten in Rom am Samstag gegen Rassismus mobil.

Die Demonstranten vor dem Innenministerium verlangten am Samstagabend den Rücktritt von Innenminister Roberto Maroni, der am Freitag gemeint hatte, Italien sei bisher in punkto Einwanderung zu tolerant gewesen. Die Regierung will alle ausweisen, die illegal in Rosarno gewesen sind.

Auch Papst Benedikt XVI. kritisierte die Übergriffe scharf. «Gewalt darf niemals das Mittel zur Lösung von Problemen sein», sagte er beim Angelus-Gebet am Sonntag im Rom. Einwanderer seien «Menschen, die zu respektieren sind und die Rechte und Pflichten haben».

Mehr als 300 Afrikaner - die meisten im Besitz einer Aufenthaltsgenehmigung - haben nach Angaben vom Sonntag dem Ort der Gewalt auf eigene Faust den Rücken gekehrt. Zudem brachte die Polizei mehr als 800 zumeist illegale Einwanderer aus dem kleinen kalabrischen Ort in Auffanglager nach Crotone und Bari.

Ihre Abfahrt in Bussen wurde von Einwohnern Rosarnos mit Applaus begrüsst. Ein Einwanderer wurde nach Polizeiangaben am Samstag von Schüssen aus einem Schrotgewehr verletzt. Insgesamt wurden bei den am Donnerstagabend ausgebrochenen Unruhen laut Polizei 67 Personen verletzt. Der Sachschaden ist erheblich.

«Jagd auf Schwarze»

Der Polizeieinsatz in Rosarno wurde am Samstag verstärkt, um weitere Gewalttätigkeiten zu verhindern. Die Unruhen waren nach Schüssen auf eine Gruppe von Einwanderern ausgebrochen. Dabei wurde ein Afrikaner verletzt.

Dutzende Afrikaner setzten daraufhin in Rosarno Autos in Brand, zertrümmerten Schaufenster und riefen: «Wir sind keine Tiere». Der einheimischen Bevölkerung warfen sie Rassismus vor.

Die Einwohner Rosarnos reagierten mit Angst und Gewalt. Sie gingen am Freitag mit Steinen, Gewehren, Traktoren und Schlagstöcken auf die protestierenden Saisonarbeiter los. Italienische Medien berichteten von einer wahren «Jagd auf Schwarze».

Trostlose Lebensbedingungen

Hintergrund des Aufstands sind jedoch vor allem die trostlosen Lebensbedingungen der Erntehelfer. Kirche und Caritas bezeichneten die Bedingungen als «schrecklich». Die meisten der 2500 Afrikaner, die in der 15'000-Seelen-Gemeinde leben, wohnen in Baracken oder in verlassenen Fabriken ohne Strom und Toiletten.

Noch am Sonntag wurde in Rosarno damit begonnen, eine ehemalige Fabrik abzureissen, in der die Afrikaner ohne fliessend Wasser und ohne genügend Sanitäranlagen hausen mussten.

Der durchschnittliche Verdienst der Erntehelfer liegt bei maximal 20 Euro pro Tag. In der Regel behalte die örtliche Mafia 'Ndrangheta noch 5 Euro «Aufenthaltssteuer» ein, hiess es. «Mit 15 bis 20 Euro pro Tag haben wir diese Menschen zu modernen Sklaven gemacht - eine hässliche Seite im Geschichtsbuch Italiens», brachte es ein Lokalpolitiker am Samstag auf den Punkt.

Vertreter des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) zeigten sich über die Unruhen besorgt und warnten vor weiteren Übergriffen gegen Flüchtlinge und Asylsuchende. Nach Angaben der Gewerkschaft CGIL leben rund 50'000 Migranten in Italien unter ähnlich schlechten Bedingungen wie in Rosarno. Der italienische Präsident Giorgio Napolitano erklärte, die Gewalt müsse ohne Verzögerung beendet werden. (sda)

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