Aktualisiert 02.01.2012 09:05

Ultraorthodoxe in Israel

Proteste mit Judenstern und KZ-Kleidung

Immer härterer Kulturkampf in Israel: Ultra-orthodoxe Juden haben ihre Behandlung im jüdischen Staat mit dem Holocaust verglichen und damit empörte Reaktionen ausgelöst.

Wegen der Demonstrationen der Ultraorthodoxen kommt es zu Spannungen mit liberaleren Juden

Wegen der Demonstrationen der Ultraorthodoxen kommt es zu Spannungen mit liberaleren Juden

Mit fragwürdigen Aktionen protestiert eine Gruppe ultraorthodoxer Juden in Jerusalem gegen die Berichterstattung der letzten Tage in den Medien. Damit kommen sie auch in den eigenen Reihen nicht gut an.

Avner Schalev, Leiter der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, sagte dem israelischen Radio am Sonntag: «Dieser Missbrauch des Holocausts ist inakzeptabel und verstösst gegen grundlegende jüdische Werte.»

Teilnehmer einer Kundgebung in Jerusalem hatten sich am Samstagabend in schwarz-weiss gestreifter Kleidung gezeigt, die an die Häftlingskluft in Konzentrationslagern der Nazi-Zeit erinnern sollte. Auch kleine Kinder trugen einen gelben Judenstern, in dessen Mitte das Wort «Jude» geschrieben war. Sie hoben dabei die Arme, als müssten sie sich ergeben.

«Rote Linie überschritten»

Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak sagte am Sonntag, die Demonstranten hätten mit ihrem Verhalten «eine rote Linie überschritten».

«Häftlingskleidung und gelbe Judensterne, auf denen auf Deutsch «Jude» steht - das sind erschütternde und schreckliche Dinge», hiess es in einer Mitteilung des Ministers. Die strengreligiöse Führung müsse energisch gegen solche Phänomene vorgehen.

Auch Schalev verurteilte das Verhalten der Demonstranten scharf. Sie verletzten die Gefühle von Holocaust-Überlebenden und das Gedenken an die Judenvernichtung.

Protest gegen «Verfolgung»

Die Demonstranten wollten mit ihrer provokativen Kundgebung gegen ihre «Verfolgung durch die nichtreligiöse Mehrheit» protestieren. Der offizielle Anlass für die Demonstration war der bevorstehende Haftantritt eines strengreligiösen Mannes, der ein Geschäft für elektronische Musikausrüstung in Jerusalem verwüstet hatte, weil dies zu unzüchtigem Verhalten verleite.

Ein weiterer Grund für den in den letzten Wochen eskalierenden Streit zwischen den Bevölkerungsgruppen ist die von einer Minderheit der ultra-orthodoxen Juden, den so genannten Haredim, geforderte Geschlechtertrennung in der Öffentlichkeit.

Frauen werden von religiösen Fanatikern unter anderem auf Schildern aufgefordert, vor den Synagogen auf die andere Strassenseite zu wechseln. Sie sollen in Bussen und Strassenbahnen hinten sitzen, sich im Supermarkt in getrennte Schlangen an der Kasse stellen sowie bei Wahlen getrennte Wahlurnen benutzen. Dagegen formiert sich zunehmend Widerstand in der liberalen Mehrheitsbevölkerung und sogar auch in ultra-orthodoxen Kreisen.

Holocaust-Überlebende entsetzt

«Die Säkularen wollen dem Haredim-Sektor vorschreiben, was er in seinem Bereich zu tun hat», sagte einer der mehreren hundert Demonstranten dem israelischen Radio.

Ein weiterer Teilnehmer, der einen Judenstern trug, sagte zur Begründung der Proteste: «Diese Lage, in die wir geraten sind - dass ein unschuldiger Religionsstudent für zwei Jahre ins Gefängnis gehen muss - ist genau wie damals die Lage der Juden während des Holocausts.»

Ein Holocaust-Überlebender äusserte sich im Gespräch mit dem israelischen Radio entsetzt über solche Ansichten. «Weiss er überhaupt, was während des Holocausts passiert ist?», fragte er.

«Hat jemand seine Mutter oder seinen Vater verbrannt oder seine Tochter vergewaltigt?» Er zittere am ganzen Leib vor Empörung, wenn er die Bilder von der Demonstration sehe, sagte der alte Mann. «Ich kann das einfach nicht verstehen.» (sda)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.