Q-Anhänger in den USA: Für sie ist jetzt «die teufelsanbetende Pädophilen-Elite» an der Macht
Publiziert

Q-Anhänger in den USAFür sie ist jetzt «die teufelsanbetende Pädophilen-Elite» an der Macht

Die QAnon-Anhänger sind fassungslos. Donald Trump trat nicht als «der Erlöser» auf. Auch die rechtsextremen «Proud Boys» sind enttäuscht: Für sie verletzte er seine patriotische Pflicht, indem er Joe Biden das Weisse Haus kampflos überliess. In Chats nennen sie ihn einen «totalen Versager».

von
Reto Heimann
1 / 10
Die rechtsextreme Organisation Proud Boys wendet sich von Donald Trump ab.

Die rechtsextreme Organisation Proud Boys wendet sich von Donald Trump ab.

REUTERS
Auf Social Media-Plattformen nennen Mitglieder der Proud Boys Trump einen «aussergewöhnlichen Schwächling».

Auf Social Media-Plattformen nennen Mitglieder der Proud Boys Trump einen «aussergewöhnlichen Schwächling».

REUTERS
Nicht wenige der Proud Boys nahmen am Kapitolsturm am 6. Januar teil.

Nicht wenige der Proud Boys nahmen am Kapitolsturm am 6. Januar teil.

imago images/ZUMA Wire

Darum gehts

  • Die rechtsextremistische Organisation Proud Boys gehörte lange zu Trumps loyalsten Unterstützern.

  • Nun bezeichnen die Proud Boys Trump auf Social Media als «totalen Versager» und «aussergewöhnlichen Schwächling».

  • «Trump hat die Proud Boys enttäuscht», sagt ein Extremismus-Forscher.

  • Auch die Q-Anhänger können nicht fassen, dass es am Mittwoch nicht zum «grossen Erwachen» gekommen war.

  • Experten zufolge wird die Enttäuschung der Trump-Fans aber schnell wieder in Überzeugung umschlagen.

Sie unterstützten Donald Trump im Präsidentschaftswahlkampf. Sie stellten sich auch nach Trumps Wahlniederlage demonstrativ hinter ihn und schworen ihm ewige Treue. «Hail Emperor Trump», sagten sie, was übersetzt so viel wie «Heil Kaiser Trump» bedeutet. Nicht wenige von ihnen waren beim Sturm aufs Kapitol am 6. Januar mit dabei.

Nun kehren die Proud Boys Donald Trump den Rücken zu. Nach dem definitiven Auszug des ehemaligen US-Präsidenten will die rechtsextreme Gruppierung nichts mehr mit Trump zu tun haben. Auf Plattformen wie Telegram, wo sich Mitglieder der Proud Boys organisieren, nennen sie ihn einen «totalen Versager», einen «Betrüger» und einen «aussergewöhnlichen Schwächling». Das berichtet die «New York Times».

Keine Begnadigungen für Capitol-Stürmer

Warum wenden sich die Proud Boys von Trump ab? Erstens nehmen sie ihm übel, dass er den Sturm aufs Capitol, wenn auch erst mit Verzögerung, verurteilt hat. Noch viel übler nehmen sie ihm aber, dass er in den letzten Tagen nichts unternommen hat, die Capitol-Stürmer zu schützen – oder gar zu begnadigen.

So wurde der 37-jährige Joseph Biggs, einer der Anführer der Proud Boys, kürzlich auf seinem Anwesen in Florida verhaftet. Biggs hatte am Sturm aufs Capitol teilgenommen. Ihm wird unter anderem Hausfriedensbruch vorgeworfen. Mindestens vier andere Mitglieder der Proud Boys wurden aus dem gleichen Grund festgenommen.

«Sie glauben, Trump habe aufgegeben»

Dazu kommt: Seit Twitter den Account von Donald Trump gesperrt hat, fehlt ihm ein direkter Zugang zu seinen Anhängern am rechten Rand. Denn im Gegensatz zu ihnen nutzt Donald Trump Plattformen wie Telegram oder Parler nicht direkt.

Der Rechtsextremismus-Forscher Arieh Kovler erklärt, warum die Proud Boys sich nun von Trump distanzieren: «Als Trump sagte, dass Amerika ohne ihn als Präsidenten in den Abgrund stürzen würde, glaubten ihm das die Proud Boys.» Dementsprechend enttäuscht seien sie nun, dass Trump tatsächlich das Oval Office geräumt hat. «Sie glauben, er habe aufgegeben und damit seine patriotische Pflicht verletzt.»

Sieg der «teufelsanbetenden, kannibalistischen Pädophilen-Elite»

Enttäuscht sind auch die QAnon-Verschwörungstheoretiker. Seit gut drei Jahren warten sie auf «das grosse Erwachen», wobei Donald Trump als «der Erlöser» auftritt und mit allem Bösen im «Deep State» aufräumt.

Am Mittwoch gab kam es zum jähen Erwachen: Donald Trump flog hinfort, ohne dass es zu von der QAnon-Gemeinschaft vorausgesagten Massenverhaftungen von Demokraten oder anderen Trump-Feinden gekommen wäre, welche die Vereidigung Joe Bidens verhindert hätten. In den Augen der Verschwörungssektierer haben «die bösen Kräfte» jetzt gewonnen, die «teufelsanbetende, kannibalistische Pädophilen-Elite» hat die Führung des Landes übernommen. Und Trump hat das zugelassen. «Er hat uns verraten», klagen einige auf dem Social-Media-Kanal Telegram.

In einer Telegram-Gruppe mit über 8’400 Mitgliedern haben sich Reuters zufolge zwei Lager aufgetan: Das eine drängt darauf, «dem Plan zu vertrauen» , das andere ist verbittert und fühlt sich betrogen: «Es ist jetzt klar, dass wir am Ende sind. Es gab keinen Plan, es gab keinen Q (der anonyme geistige Vater der Bewegung, Anm. d.Red.), es gab gar nichts».

«Ihre Enttäuschung wird schnell in Überzeugung umschlagen»

Andere Q-Anhänger sind entsetzt mit Trumps letzten Amtshandlungen, den über hundert Begnadigungen: «Einfach um das klargestellt zu haben: Trump rehabilitiert den Rapper Lil Wayne und hochrangige jüdische Betrüger. Aber die Mittelklasse, die ihr Leben riskierte, um für ihn in den Krieg zu ziehen, vergisst er», zitiert die US-Zeitung «Politico» einen Telegram-User.

«Momentan ist da viel Trauer und Verwirrung in der Szene. Sie fühlt sich im Stich gelassen», sagt Mike Rothschild, der an einem Buch über QAnon schreibt. Er ist überzeugt: «Diese Trauer und Verwirrung wird schnell in Überzeugung umschlagen, den begonnenen Weg weiter zu beschreiten.»

Die gefährliche Trump-Szene

«Proud Boys» und «QAnon»

Die Organisation Proud Boys, deren Mitglieder sich stolz als «westliche Chauvinisten» bezeichnen, wurde 2016 von Gavin McInnes (48) gegründet. Sie gilt als Teil der Alt-Right-Bewegung in den Vereinigten Staaten. Ihr erklärtes Ziel ist es, ihre Interessen mit Gewalt durchzusetzen.

Im Internet verbreiten sie Hassbotschaften gegen politisch anders Denkende, sie traten zudem immer wieder auf Veranstaltungen von Donald Trump auf. Das FBI stuft die Proud Boys als «extremistische Gruppierung mit Verbindung zu weissen Nationalisten» ein.

Bei QAnon handelt es sich um eine Gruppe von Verschwörungstheoretikern, die ungefähr seit 2017 ihre Botschaften im Internet verbreitet. Die Anhänger glauben, Trump werde die Elite des sogenannten «Deep State» bekämpfen und für eine neue Weltordnung sorgen. Laut der QAnon-Verschwörungstheorie beherrscht eine satanistische Elite die Welt. Sie soll einen internationalen Pädophilenring betreiben, in dem Kinder ihren Eltern entrissen, eingesperrt und gefoltert würden. Der Grund sei ein Stoff namens «Adrenochrom», welche der Pädophilen-Ring aus dem Blut der gefangenen Kinder herstelle, um sich selbst zu verjüngen. QAnhänger sitzen mittlerweile als Abgeordnete im US-Parlament. Die Bewegung ist längst auch in Europa und der Schweiz angekommen.

Deine Meinung

271 Kommentare