Aktualisiert 24.10.2014 15:36

Landgericht Hof (D)Prozess um Schlatter-Entführung beginnt

Die zwei Tschechen, die im März den Thurgauer Anwalt und CVP-Politiker André Schlatter entführt haben sollen, müssen sich ab heute Freitag in Hof (D) vor Gericht verantworten.

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taw
Aufnahme der Überwachungskamera vom Rasthof Eglisau: Die beiden Täter kaufen mit ihrem Opfer Proviant für die weitere Reise. (Bild: Polizei)

Aufnahme der Überwachungskamera vom Rasthof Eglisau: Die beiden Täter kaufen mit ihrem Opfer Proviant für die weitere Reise. (Bild: Polizei)

Am Freitag werden am Landgericht Hof zwei junge Männer aus Tschechien (22 und 24) aus der Untersuchungshaft vorgeführt. Ihnen wird Geiselnahme mit schwerer räuberischer Erpressung vorgeworfen.

Laut Anklageschrift sind die mutmasslichen Entführer mit der Absicht in die Schweiz gereist, sich auf illegale Art Geld zu beschaffen. Ihren ursprünglichen Plan, eine Bank oder ein Restaurant zu überfallen, haben sie nicht realisiert. Dafür begaben sie sich gemäss Staatsanwaltschaft Hof am 29. März in St.Gallen in die Einstein-Tiefgarage, um sich dort nach Autos umzusehen, die sie stehlen könnten. Es ist genau die Tiefgarage, in der das Opfer André Schlatter (52) seinen BMW auf einem Dauerstellplatz parkiert hatte.

Mit Waffe bedroht

Wie die Staatsanwaltschaft schreibt, fiel der Entscheid zur Entführung spontan. Die Aufzeichnungen einer Überwachungskamera zeigten später, dass sich die beiden Männer schon vorher einer Frau und deren Wagen genähert hatten, dann aber gestört wurden. Einer der Anklagten hatte eine Waffe in der Hand.

Schlatter wurde dazu aufgefordert, Fahrzeugschlüssel und Portemonnaie auszuhändigen. Dann musste er unter vorgehaltener Pistole auf dem Rücksitz neben einem der Täter Platz nehmen; das Steuer übernahm der Komplize.

Mit dem Auto ging es kurz nach 10 Uhr Richtung Zürich. Die Entführer verlangten von Schlatter die Geheimnummern seiner Konto- und Kreditkarten. An einem Geldautomaten in Zürich hob einer der Angeklagten kurz nach 11.37 Uhr 750 Franken ab. Später wurden noch drei Abhebungen zu je 300 Franken und eine von 100 Franken getätigt. Die Fahrt führte weiter Richtung Osten nach Deutschland mit dem Grenzübergang Marktredwitz als Ziel. Von dort wollte man nach Tschechien.

Gegen 19 Uhr hielten die Entführer, nach über 500 Kilometern Flucht, mit ihrem Opfer auf einem Feldweg an. Schlatter wurde gedroht, man würde ihn töten. Schliesslich liessen ihn die Entführer zurück und fuhren davon. Im Auto waren Schlatters Handy und eine Uhr (Gesamtwert 10'000 Euro). Schlatter ging danach zu Fuss zum nächstgelegenen Haus in Kautendorf (Landkreis Hof). Von dort aus verständigte er zunächst seine Familie, danach wurde die Polizei benachrichtigt. Nur kurze Zeit darauf wurden die mutmasslichen Täter festgenommen.

Noch fehlt ein Motiv

Vieles an dieser Entführung bleibt mysteriös. Ob er tatsächlich nur aus Zufall zum Opfer wurde oder ob die Angeklagten gezielt angeheuert wurden, um ihn zu entführen, wird sich wohl im Laufe des Prozesses zeigen. Kurz nach der Tat gab es eine Vielzahl von Spekulationen. Schlatter ist nämlich nicht nur Anwalt und Politiker, sondern auch Bauunternehmer. Er ist im Handelsregister als Geschäftsführer der Nemesis Bau eingetragen. Laut einem Bericht des «Beobachters» klagen Handwerker über unbezahlte Rechnungen dieser Firma und Wohnungseigentümer über schlechte Bauqualität. Zudem zeigt ein Betreibungsauszug der Nemesis Bau vom Mai 2014 offenen Positionen von verschiedenen Handwerksbetrieben über 1,3 Millionen Franken. Schlatter bestritt gegenüber dem «Beobachter» die Anschuldigungen.

Der Prozess ist vorläufig auf drei Verhandlungstage angesetzt. Schlatter selbst wird erst Mitte November nach Deutschland reisen, um als Zeuge vor Gericht auszusagen. Den Angeklagten drohen wegen Geiselnahme und räuberischer Erpressung Haftstrafen zwischen fünf und 15 Jahren.

André Schlatter

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