Prozess wegen CIA-Folterer in Mailand
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Prozess wegen CIA-Folterer in Mailand

Für Abu Omar begann der Albtraum auf offener Strasse. Mailand, Via Conte Verde: Mehrere Männer in Zivil springen aus dem Auto, werfen dem Ägypter eine Decke über den Kopf, zerren ihn in einen Lieferwagen.

Dann wird der Mann mit den mutmasslichen Terroristenkontakten betäubt und zum US-Militärflughafen Aviano gefahren. Zwei Stunden später landet der CIA-Jet laut italienischer Staatsanwaltschaft zu einem Zwischenstopp in Ramstein.

Als Abu Omar und seine Kidnapper das Militärgefängnis in Kairo erreichen, ist es fast Mitternacht. Es ist der 17. Februar 2003. Jetzt, vier Jahre später, wird 26 CIA-Agenten sowie dem ehemaligen Chef des italienischen Militärgeheimdienstes der Prozess gemacht. Ein Polit-Krimi wie aus dem Kalten Krieg - doch wird die ganze Wahrheit je ans Licht kommen?

CIA seit Monaten in den Schlagzeilen

Seit Monaten machen «CIA-Flüge» in Europa Schlagzeilen: So werfen das EU-Parlament und ein von Ständerat Dick Marty vefasster Bericht für den Europarat den europäischen Regierungen vor, die Augen geschlossen zu haben. Doch ein Prozess vor einem Gericht ist ein Novum in Europa.

Erst vor wenigen Tagen liessen die ägyptischen Behörden Abu Omar frei, jetzt bereitet er sich zum Gegenangriff vor. «Ich will nach Italien zurück», zitiert ihn sein Anwalt. Nun wolle er vor Gericht auspacken. Sogar Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi will er anklagen, er soll von der schmutzigen Aktion gewusst haben. «Wir verlangen zehn Millionen Euro Entschädigung.»

Eine Rückkehr kaum möglich

Doch eine Rückkehr nach Italien wäre riskant für den Ägypter. Nach eigenen Angaben war Abu Omar seinerzeit lediglich Imam in einer Mailänder Moschee, aber die italienische Justiz hatte den Muslim nicht wegen seiner Gebete im Visier: Er soll Freiwillige für Attentate und Anschläge im Irak angeworben haben.

Zwar wäre die Aussage Abu Omars ein grosse Hilfe für die Anklagebehörde im Prozess gegen die CIA-Agenten. «Aber Abu Omar würde noch heute an jedem italienischen Grenzposten festgenommen werden», meinen Experten.

Auch ansonsten dürfte der Prozess nicht einfach werden. «Es gibt starke Kräfte, die ein Verfahren partout verhindern wollen», meint ein Insider. Berlusconi und sein Nachfolger Romano Prodi mauern: Es handle sich bei der Angelegenheit um ein Staatsgeheimnis, das nicht ans Licht gezerrt werden dürfe. Um einen Prozess zu verhindern, schaltete die Regierung gar das Verfassungsgericht ein.

Von Folter gezeichnet

«Ich bin ein menschliches Wrack», sagt der Ägypter, der auch den bürgerlichen Namen Nasr Osama Mustafa Hassan trägt. «Ich muss heute an beiden Ohren ein Hörgerät tragen.» Die Schwerhörigkeit sei Folge der Folter. Die Haft sei ein Albtraum gewesen. «Wenn die Wächter in die Zelle traten, musste ich mich hinknien. Wenn ich das nicht tat, quälten sie mich mit dem Elektroschocker.»

Allzu grosse Schuldzuweisungen hatte die ägyptische Justiz dem Terrorverdächtigen offenbar gar nicht gemacht. Immerhin wurde er bereits im Frühjahr 2004 freigelassen - unter der Auflage, dass er niemandem von seiner Entführung und der Folter erzählen dürfe.

Als Abu Omar dagegen verstiess, nahmen die Ägypter ihn sofort wieder in Haft. «Ohne die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Mailand wäre mein Fall vergessen worden» meint Abu Omar. Doch ob der Prozess wirklich Licht in die dunklen Machenschaften bringt, bezweifeln Experten.

(sda)

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