Forderung der Opferhilfe: Prozesse gegen junge Täter sollen öffentlich werden
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Forderung der OpferhilfeProzesse gegen junge Täter sollen öffentlich werden

Prozesse gegen Jugendliche finden unter Auschluss der Öffentlichkeit statt. Die Opferhilfe-Organisation Weisser Ring fordert, dass sich dies ändert.

von
Marco Lüssi
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Rund ein Jahr nach dem Freitod von Alain Meier (21) kommen am 3. Oktober 2016 drei Jugendliche vor Gericht, die ihn spitalreif geprügelt haben. Wie vorgeschrieben bei Jugendgerichtsverfahren, ist die Öffentlichkeit vom Prozess ausgeschlossen.

Rund ein Jahr nach dem Freitod von Alain Meier (21) kommen am 3. Oktober 2016 drei Jugendliche vor Gericht, die ihn spitalreif geprügelt haben. Wie vorgeschrieben bei Jugendgerichtsverfahren, ist die Öffentlichkeit vom Prozess ausgeschlossen.

ZVG
Selbst der Vater des Opfers, Beat Meier, musste dafür kämpfen, dass er den Prozess mitverfolgen durfte: Erst beim zweiten Anlauf wurde sein Gesuch bewilligt. Meier findet, dass auch Prozess gegen Jugendliche öffentlich sein sollten. Dieser Meinung ist auch Carlo Häfeli, Präsident der Operhilfe-Organisation Weisser Ring.

Selbst der Vater des Opfers, Beat Meier, musste dafür kämpfen, dass er den Prozess mitverfolgen durfte: Erst beim zweiten Anlauf wurde sein Gesuch bewilligt. Meier findet, dass auch Prozess gegen Jugendliche öffentlich sein sollten. Dieser Meinung ist auch Carlo Häfeli, Präsident der Operhilfe-Organisation Weisser Ring.

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Alain (21) nahm sich am 8. September 2015 das Leben. Drei Tage vorher war er in der Stadt Zug von einer Gruppe von Jugendlichen verprügelt und mittelschwer verletzt worden. Sein Vater glaubt, dass dies der Auslöser für den Suizid war.

Alain (21) nahm sich am 8. September 2015 das Leben. Drei Tage vorher war er in der Stadt Zug von einer Gruppe von Jugendlichen verprügelt und mittelschwer verletzt worden. Sein Vater glaubt, dass dies der Auslöser für den Suizid war.

In Zug beginnt am Montag der Prozess gegen die drei Jugendlichen, denen vorgeworfen wird, Alain Meier (21) im September 2015 verprügelt zu haben. Der Angriff machte dem jungen Mann psychisch so sehr zu schaffen, dass er sich kurz nach seiner Entlassung aus dem Spital das Leben nahm. Alains Vater Beat Meier wollte den Prozess gegen die Peiniger seines Sohnes unbedingt mitverfolgen – doch er erhielt erst eine Abfuhr. Das Gericht verwies darauf, dass Jugendgerichtsprozesse nicht öffentlich seien. Erst nachdem er ein Wiedererwägungsgesuch eingereicht hatte, bekam Meier grünes Licht für die Teilnahme.

Meier sagt zu 20 Minuten, er könne nicht verstehen, dass es für seine Teilnahme überhaupt eine Bewilligung brauchte. «Ich bin der Meinung, dass auch Prozesse gegen Jugendliche öffentlich sein sollten – für Angehörige von Opfern sowieso, aber auch für alle anderen Interessierten.»

«Öffentlichkeit hätte abschreckende Wirkung»

Gleicher Ansicht ist Carlo Häfeli, Präsident der Opferhilfeorganisation Weisser Ring. Wenn sich jugendliche Täter vor Publikum für ihre Taten verantworten müssten, habe dies eine abschreckende, aber auch präventive erzieherische Wirkung, die sie möglicherweise davor bewahre, rückfällig zu werden. «Sitzen im Saal auch Angehörige und Bekannte der Opfer, fährt dies den Beschuldigten viel mehr ein, als wenn, wie heute üblich, lediglich Sozialarbeiter, Betreuer, Psychologen und vielleicht ein Vertreter der Kesb am Prozess anwesend sind.»

Er sei der Meinung, dass man den meisten jugendlichen Straftätern ab dem Alter von 12 Jahren in der Regel zumuten könne, sich vor Publikum für ihre Taten zu verantworten: «Es handelt sich um heranwachsende Schüler oder Lehrlinge, die lernen müssen, zu ihrem Handeln zu stehen und Verantwortung zu übernehmen.»

Jugendliche vor «zudringlicher Öffentlichkeit» schützen

Wären Jugendstrafprozesse öffentlich, wäre die abschreckende Wirkung zudem nicht nur auf die Angeklagten beschränkt, so Häfeli. «Hätten die Medien die Möglichkeit, mehr über solche Prozesse zu berichten, würde dies auch andere potenzielle Täter zum Nachdenken bringen und eventuell von Straftaten abhalten.»

Strafverfahren gegen Jugendliche seien nicht öffentlich, um sie namentlich vor einer allzu zudringlichen Medienöffentlichkeit zu schützen, sagt Strafrechtsprofessor Martin Killias. Kein Anlass besteht seiner Meinung nach aber, Geschädigte oder, wie im Fall Alain Meier, Hinterbliebene von Opfern von der Teilnahme auszuschliessen.

Anders als vielen andere Jugendstrafverfahren findet jenes gegen die jungen Männer, die Alain Meier angegriffen haben, nicht hinter komplett verschlossenen Türen statt: Journalisten, die im Kanton Zug als Gerichtsberichterstatter zugelassen sind, dürfen die Verhandlung mitverfolgen.

Register für gefährliche Personen?

Im Zusammenhang mit dem Tod seines Sohnes erhebt Beat Meier politische Forderungen: Er schlägt die Schaffung eines nationalen Registers vor, in dem alle potentiell gefährlichen Personen eingetragen werden. «Wer im Register steht, würde mit Auflagen belegt», sagt Meier. Dabei könne es sich etwa um ein Rayonverbot handeln, um ein Ausgangsverbot für den Besuch bestimmter Lokale oder etwa ein Verbot, sich mit einer grösseren Anzahl Personen zu versammeln. «Um ein solches Register zu schaffen, könnte man das Hooliganregister ausbauen», so Meier. Er sei derzeit auf der Suche nach Politikern, die bereit sind, seiner Idee zum Durchbruch zu verhelfen.

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