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Spott von KollegenPrügel-Polizist erstreitet sich 650'000 Franken

Ein walisischer Polizist demolierte bei einer Kontrolle das Auto eines Rentners. Weil ihn die Kollegen deswegen verspotteten, musste er gehen. Er erstritt aber eine hohe Abfindung.

Den 9. September 2009 wird Mike Baillon nie mehr vergessen. An diesem Tag hatte der Polizeibeamte aus Wales einen 74-Jährigen gebüsst, weil er am Steuer seines Range Rover Vogue ohne Sicherheitsgurt gefahren war. Während die Polizisten noch die Busse ausstellten, fuhr Rentner Robert Whatley wieder los – er glaubte, die Beamten seien mit ihm fertig, und wollte nach Hause, um seine Herzmedikamente einzunehmen, wie der «Guardian»berichtet. Die Streife nahm die Verfolgung auf und fuhr mit Blaulicht hinter dem Auto her – nach etwa 15 Kilometern hielt der Rentner schliesslich am Strassenrand an. Was dann geschah, sollte Baillons Leben nachhaltig verändern.

Das Video einer Kamera, die im Polizeiauto mitlief, zeigt, wie der Polizist zum Range Rover sprintet und mit seinem Schlagstock rund 15-mal auf die Seitenscheibe einprügelt, bis diese zu Bruch geht. Sein Kollege springt auf die Autohaube und versucht, die Frontscheibe des Wagens einzutreten. Schliesslich ziehen die Ordnungshüter den leicht behinderten Rentner unsanft aus dem Auto.

Opfer von Hänseleien

In einer polizeiinternen Untersuchung des Vorfalls wurde Baillon von den Vorwürfen freigesprochen. Doch damit war die Sache für ihn nicht ausgestanden, im Gegenteil: Als das Video des Vorfalls die Runde machte, gossen seine Kollegen eimerweise Spott und Häme über den rabiaten Kollegen. So schmierten sie etwa den Begriff «Whatley-Vorfall» auf seinen Spind und liessen ihn spüren, dass er nicht mit einem Freispruch hätte davonkommen dürfen. «Die Hänseleien meiner Kollegen machten mich fertig», so Baillon. «Ich musste sie jeden Tag über mich ergehen lassen.»

Sein Chef versetzte Baillon daraufhin in den Innendienst, weil er befürchtete, dessen Frust könnte seine Polizeiarbeit beeinflussen. «Er wurde von einem Job abgezogen, den er liebte,» sagt der Anwalt von Baillon.

Vermögen erstritten

Baillon quittierte den Dienst und verklagte das Polizeikorps von Gwent. Die Richter kamen nun zum Schluss, dass Baillon Unrecht widerfahren war, und sprachen ihm 430'000 Pfund (knapp 650'000 Franken) für seine entgangene Pension sowie 10'000 Pfund Lohnzahlung zu. «Es war ein krasser Machtmissbrauch seitens der Polizei», hatte sein Anwalt argumentiert.

Der konservative Abgeordnete David Davies sagte zu dem Fall: «Ich denke, die ganze Sache hätte von der Polizei besser angegangen werden sollen. Es gibt bei der Polizei eine Tendenz, sich über Menschen lustig zu machen, aber seine Kollegen machten mit ihrem Gespött einen Fehler. Ich sehe es nicht gerne, wenn solche Beträge bezahlt werden müssen.»

Heute verdient Baillon seinen Lebensunterhalt mit Schnitzereien, etwa hölzernen Rentieren. Rentner Whatley erhielt von der Polizei 20'000 Pfund Entschädigung für sein demoliertes Auto – und eine Busse über 235 Pfund.

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