Eurokrise: Prügelknabe Rating-Agentur

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EurokrisePrügelknabe Rating-Agentur

Eigentlich müssten Rating-Agenturen Krisen voraussehen. Sie haben aber sowohl in der Finanz- als auch in der Euro-Krise versagt. Für die Politiker sind die Bonitätshüter die perfekten Sündenböcke.

von
Sandro Spaeth
Rating-Agenturen: Bösewichte oder lediglich die Überbringer schlechter Nachrichten?

Rating-Agenturen: Bösewichte oder lediglich die Überbringer schlechter Nachrichten?

Wenn eine Rating-Agentur nur schon mit der Wimper zuckt, reagieren die Märkte – und derzeit auch die Politiker. Als die US-Agentur Moody's die Anleihen Portugals diese Woche auf «Ramschniveau» herunterstufte, polterte der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble übers Machtmonopol der Rating-Agenturen, das es zu durchbrechen gelte. Und als Standard & Poor's (S&P) drohte, einzelne griechische Anleihen mit dem Urteil «Zahlungsausfall» zu bezeichnen, hagelte es für die Rating-Agentur Prügel, weil sie die Giechen-Rettung torpediere.

Ist die Kritik der Politik gerechtfertigt? Sind die Rating-Agenturen die Bösewichte oder womöglich lediglich die Überbringer der schlechten Nachrichten? Susanne Toren, Ökonomin bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) sieht das Problem differenzierter. «Die Rating-Agenturen haben ihre Frühwarnfunktion nicht wahrgenommen». Weder die Finanzkrise noch den Schuldenkollaps einiger europäischer Staaten haben die Bonitätswächter ausreichend vorhergesehen. «Und als der Knall da war, haben die Agenturen mit ihren Urteilen die Krisen noch verschärft», so Toren. Statt das Feuer zu löschen, haben die Bonitätshüter die Flammen erst recht angefacht.

Das Zünglein an der Waage

Stuft eine Rating-Agentur die Kreditwürdigkeit eines Schuldners herab, steigen dessen Kosten zur Refinanzierung. Seine Lage wird dadurch noch auswegsloser, doch die Gläubiger wollen fürs eingegangen Risiko entschädigt werden. «Ein Urteil einer Rating-Agentur kann einen Staat definitiv in die Knie zwingen», erklärt Toren. Laut der ZKB-Ökonomin ist es zudem problematisch, dass sich Rating-Agenturen jüngst auch zu Sparprogrammen von Regierungen äussern, die einige Jahre in der Zukunft liegen. Damit nehme man Staaten die Chance, sich aus eigener Kraft aus der Schuldensituation zu befreien.

Der Einfluss der Rating-Agenturen ist auch deshalb so stark, weil die drei grossen US-Agenturen Moody's, S&P und Fitch den Kuchen zu 90 Prozent unter sich aufteilen. «Diese Marktmacht ist bedenklich», sagt der emeritierte Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann im Gespräch mit 20 Minuten Online. Die Forderungen europäischer Politiker, man möge eine europäische Rating-Agentur aus der Taufe heben, findet Wittmann nachvollziehbar. Sie müsste aber vollständig unabhängig von der Politik sein. Doch wenn man bedenkt, in welch angespannter Situation sich die Eurozone mit ihren Schuldensündern derzeit befindet, ist eine europäische Rating-Agentur ohne politischen Einfluss wohl Wunschdenken.

Keine neutraler Referee

Ein weiteres Problem der Bonitätswächter liegt in ihrer zweifelhaften Unabhängigkeit. Die Agenturen sind längst nicht die neutralen Schiedsrichter, als die sie sich gerne sehen. «Sie sind selbst Akteure in der Finanzbranche», sagt Wittmann. Rating-Agenturen seien auf Aufträge angewiesen, weshalb sie oft zu gute Bonitätsnoten erteilen würden. «Die Spieler schauen sich vor dem Spiel verschiedene Schiedsrichter an und lassen sich von ihnen Angebote machen», schrieb Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar diese Woche in einem Gastbeitrag in der «NZZ». Wittmann ist zudem überzeugt, dass Rating-Agenturen Verbindungen zu Investmentbanken haben und man gelegentlich gemeinsame Sache mache.

Die Weste der Rating-Agenturen ist zwar nicht unbefleckt, ihnen aber gar eine Mitverantwortung für die ausufernde europäische Schuldenkrise zu unterstellen, geht zu weit. Weder Moody's noch Standard & Poor's haben in Griechenland oder Portugal Schulden angehäuft. Mit den schlechten Noten erschweren die Bonitätshüter zwar die Bedingungen für die Schuldenstaaten, um an neues Geld zu kommen, die grundsätzliche Misere haben aber nicht die Bonitätshüter verursacht.

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