17.09.2020 02:54

Bezirksgericht ZürichPsychiater knöpft Krankenkassen 2 Millionen Franken ab

Ein Psychiater arbeitete rund um die Uhr – zumindest gab er dies den Krankenkassen an. Jetzt muss er 1,2 Millionen Franken zurückzahlen.

von
Stefan Hohler
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Vor dem Bezirksgericht Zürich muss sich ein pensionierter Psychiater verantworten, der zwischen 2010 und 2018 zwei Millionen Franken zu viel Arzthonorare verrechnet hat.

Vor dem Bezirksgericht Zürich muss sich ein pensionierter Psychiater verantworten, der zwischen 2010 und 2018 zwei Millionen Franken zu viel Arzthonorare verrechnet hat.

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Der Mann hat das Geld unter anderem in seine beiden Eigentumswohnungen gesteckt und es für den Lebensunterhalt gebraucht. 

Der Mann hat das Geld unter anderem in seine beiden Eigentumswohnungen gesteckt und es für den Lebensunterhalt gebraucht.

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Er wurde zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten verurteilt und erklärt sich bereit, 1,2 Millionen Franken innerhalb von zehn Tagen nach dem Urteil den geschädigten Krankenkassen zurückzuzahlen. 

Er wurde zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten verurteilt und erklärt sich bereit, 1,2 Millionen Franken innerhalb von zehn Tagen nach dem Urteil den geschädigten Krankenkassen zurückzuzahlen.

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Darum gehts

  • Ein Psychiater hat Ärzte- und Krankenkassen um mindestens zwei Millionen Franken geschädigt.
  • Der Pensionär ist geständig und wird zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten verurteilt.
  • Obwohl der Mann jahrelang zu hohe Honorare ausgestellt hatte, konnte er erst nach achteinhalb Jahren überführt werden.
  • Er zahlt den Versicherungen 1,2 Millionen Franken zurück.

Der heute pensionierte Psychiater hat zwischen 2010 und 2018 Ärzte- und Krankenkasse systematisch über die erbrachten Leistungen getäuscht. So weilte er beispielsweise für sechs Wochen in Australien und rechnete dabei Patientenkonsultationen in Höhe von 80’000 Franken ab. Innerhalb von achteinhalb Jahren hat der Arzt zwei Millionen Franken zu viel verrechnet.

Deshalb stand er am Mittwoch wegen gewerbsmässigen Betrugs und Urkundenfälschung vor dem Bezirksgericht Zürich. Der Prozess fand im abgekürzten Verfahren statt, das heisst, der Beschuldigte ist geständig und akzeptierte den Urteilsvorschlag der Staatsanwältin: eine bedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten, wovon er 36 Tage in Untersuchungshaft sass, und 5000 Franken Busse. Zudem erklärte er sich bereit, 1,2 Millionen Franken innerhalb von zehn Tagen den betrogenen Krankenkassen zurückzuzahlen. Weitere 300’000 Franken für geforderte Arzthonorare hatte der Krankenkassendachverband Santésuisse zurückgehalten.

Patienten waren vor allem Flüchtlinge

In der Anklageschrift ist genau aufgelistet, wie viele Stunden er angeblich gearbeitet hat im Durchschnitt jeden Tag 16 Stunden, ausser sonntags. Er füllte die Abrechnungsblätter handschriftlich aus, wobei er jeweils die Tarmed-Positionen «Behandlung in der Praxis» und «telefonische Behandlung» notierte und als Zeitaufwand ausschliesslich 13 x 5 Minuten pro Patient und Behandlung abrechnete. Da es sich bei den Patienten um Flüchtlinge und Migranten handelte, sandte der Psychiater die Rechnungen direkt der Krankenkasse, die ihm den Betrag vergütete (Tier payant). Mit dem Geld kaufte er sich zwei Eigentumswohnungen in der Stadt Zürich, zudem besitzt der eingebürgerte Schweizer noch eine Wohnung in seinem Heimatland.

Auf die Frage des Richters, was er mit den durchschnittlich 21’000 Franken, die er monatlich zu viel abgerechnet hatte, gemacht habe, sagte der Psychiater: «Ich habe fast Tag und Nacht gearbeitet und hatte das Gefühl, es verdient zu haben.» Arbeit sei sein ganzes Leben gewesen. Die ganze Angelegenheit sei ihm peinlich, er bereue es. Zum Motiv sagte sein Verteidiger, dass sein Mandant nicht in Saus und Braus gelebt habe, sondern auch die Familie in seinem Heimatland unterstützt habe. Der Beschuldigte ergänzte, dass er auch arme Studenten regelmässig finanziert habe.

«Sehr milde Strafe»

Den Urteilsvorschlag der Staatsanwältin genehmigte das Gericht zähneknirschend. «Die ausgehandelte Strafe ist sehr mild», sagte der Richter. Der Arzt habe mit gefälschten Dokumenten während einer langen Zeit die Krankenkassen um eine hohe Summe betrogen. Zudem sei der Betrag von zwei Millionen Franken nur das Minimum, weil man die Rechnungen des Psychiaters nur bis ins Jahr 2010 zurückverfolgen konnte. «Sie haben als Arzt eine grosse Vertrauensstellung», so der Richter, «und haben ein bedeutendes Verschulden getätigt.» Eine Rückweisung der Anklageschrift lehnte das Gericht aber ab. Dann seien die Rückzahlungsvereinbarung von 1,2 Millionen und das Geständnis nichts mehr wert, und beim ordentlichen Gerichtsverfahren müsste man dem Beschuldigten mit einem grossen Aufwand den Deliktsbetrag beweisen.

Dies war auch der Grund, warum die Staatsanwältin den milden Strafantrag gefordert hatte. «Alles in allem eine gute Lösung», sagte sie auf Anfrage. So könne der Schaden zulasten der Krankenkassen gering gehalten werden. Es sei auch das Alter des Beschuldigten mitberücksichtigt worden und dass er nicht vorbestraft sei. «Zudem gibt es auch eine Opfermitverantwortung», sagte die Staatsanwältin. Der Beschuldigte habe bis zu seiner Pensionierung falsche Fakturierungen gemacht, ohne dass dies bemerkt worden sei.

Die Staatsanwaltschaft wurde aktiv, als Santésuisse eine Strafanzeige machte. Da der Psychiater zu Beginn alles abstritt, mussten in mühsamer Kleinarbeit die Abrechnungen von den verschiedenen Krankenkassen kontrolliert werden. Als dem Psychiater anhand der Kreditkartenabrechnung nachgewiesen werden konnte, dass er im sechswöchigen Australienurlaub Rechnungen in Höhe von 80’000 Franken ausgestellt hatte, zeigte er sich geständig.

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