Umfrage: «Psychische Erkrankungen sind noch immer ein Tabu»
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Umfrage«Psychische Erkrankungen sind noch immer ein Tabu»

In einer 20-Minuten-Umfrage erklärte eine Mehrheit der Teilnehmer, an psychischen Problemen zu leiden. Experten plädieren dafür, psychisch Kranke nicht zu stigmatisieren.

von
rok
Viele psychisch kranke Menschen wollen sich nicht outen  aus Angst, stigmatisiert zu werden.

Viele psychisch kranke Menschen wollen sich nicht outen aus Angst, stigmatisiert zu werden.

Man kommt nicht mehr aus dem Bett, will keinen Kontakt mehr mit anderen Menschen und fühlt sich unendlich traurig. Immer mehr Menschen leiden an psychischen Erkrankungen und fallen aus dem Berufsleben und der Gesellschaft heraus.

Vielen fällt es schwer, darüber zu sprechen. Psychische Krankheiten sind in der Schweizer Gesellschaft laut Experten ein Tabu. Um mehr über psychische Erkrankungen zu erfahren, führte 20 Minuten in Zusammenarbeit mit Pro Infirmis und den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel eine Umfrage zum Thema psychische Gesundheit durch.

42 Prozent mit psychischen Problemen

Von den 3740 Umfrageteilnehmern gaben 42 Prozent an, zurzeit an einem psychischen Problem zu leiden. Zudem waren 67 Prozent der Teilnehmer in der Vergangenheit schon einmal in psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung. Während 39 Prozent der teilnehmenden Leser angaben, im Moment psychisch gesund zu sein, ist sich mit 18 Prozent fast jeder fünfte Teilnehmer nicht sicher, ob er psychisch krank ist oder nicht.

Die hohe Zahl der Betroffenen erstaunt. Gemäss aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS), sind nämlich lediglich 18 Prozent der Menschen in der Schweiz durch psychische Probleme beeinträchtigt. «Die Umfrageteilnehmer sind vermutlich in erster Linie Betroffene», vermutet Mark Zumbühl von Pro Infirmis.

«Unsicherheit der Teilnehmer bestätigt Tabu»

Dass 18 Prozent der Teilnehmer nicht wissen, ob sie ein psychisches Problem haben oder nicht, ist für Zumbühl ein klares Indiz, dass man zu wenig über psychische Krankheiten weiss. «Psychische Krankheiten sind in unserer Gesellschaft nach wie vor ein extremes Tabuthema», sagt er. «Wenn man nichts oder nur wenig darüber weiss, kann man eine eigene Betroffenheit auch schlecht einschätzen.»

Christian Huber, Oberarzt der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPKBS), hingegen wertet die 18 Prozent der Unsicheren als positives Zeichen für eine allmähliche Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten: «Es ist gut, wenn die Menschen sich erlauben, darüber nachzudenken, ob sie psychische Probleme haben oder nicht.» Dann sei man auch eher bereit, darüber zu sprechen und Hilfe zu holen.

«Depressionen sind am salonfähigsten»

Die meistgenannte Krankheit bei den betroffenen Umfrageteilnehmern ist mit 60 Prozent die Depression. Darauf folgen Persönlichkeitsstörung (11 Prozent), Essstörung (9 Prozent) und Suchterkrankung (8 Prozent).

Für Huber keine Überraschung: «Von all den psychischen Krankheiten ist die Depression am salonfähigsten.» Da getraue man sich noch am ehesten dazu zu stehen. Auch gemäss BFS kommen bei Schweizern Depressionen am häufigsten vor: Rund sechs Prozent der Bevölkerung leiden demnach an Depressionen.

«Viele Betroffene wollen sich nicht outen»

Unter den Umfrageteilnehmer hat fast jeder psychisch kranke Personen im Bekanntenkreis. Die Mehrheit von 40 Prozent der Umfrageteilnehmer kennt insgesamt zwei bis drei Personen mit einem psychisches Leiden. Gut jeder Fünfte kennt sogar vier bis sechs Betroffene.

Doch es gibt wohl noch viel mehr Betroffene, die sich nicht als psychisch Kranke outen wollen. «Die psychisch kranken Menschen suchen sich genau aus, wem sie von ihren Leiden erzählen», sagt Huber. Obwohl die Psychiatrie als Institution in der Gesellschaft heute sehr gut dastehe, würden ihre Patienten noch immer stigmatisiert.

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