Wie auf Drogen: Psychopharmaka machen Fische verrückt
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Wie auf DrogenPsychopharmaka machen Fische verrückt

Die steigende Konzentration von Arzneimitteln in Gewässern kann verheerende Auswirkungen haben. Forscher haben bei Fischen Symptome festgestellt, wie sie bei Menschen mit ADHS vorkommen.

Barsche, die in Wasser mit Rückständen von Psychopharmaka leben, zeigen besorgniserregende Veränderungen ihres Verhaltens.

Barsche, die in Wasser mit Rückständen von Psychopharmaka leben, zeigen besorgniserregende Veränderungen ihres Verhaltens.

Verfressen, aggressiv, leichtsinnig - so verhalten sich einer Studie zufolge Barsche unter dem Einfluss von Psychopharmaka. Rückstände dieser und anderer Arzneimittel gelangen seit Jahren in Flüsse, Seen und Meere. Schwedische Forscher haben jetzt nachgewiesen, dass die Verunreinigungen nicht nur die Gesundheit, sondern auch das Verhalten der Tiere beeinflussen. Die ökologischen Folgen könnten dramatisch sein.

In einem Versuchsbecken setzten die Wissenschaftler der Universität Umea junge Barsche sieben Tage lang Oxazepam aus, einem häufig verschriebenen Wirkstoff gegen Schlaflosigkeit aus der Gruppe der Benzodiapezine. Dann beobachteten sie das Fress-, Sozial-, Bewegungs- und Sicherheitsverhalten der Fische und verglichen es mit dem normaler Barsche. «Unser erster Gedanke war: Das ist wie bei Menschen mit ADHS-Diagnose», erklärte der Forscher Micael Jonsson. «Die Barsche verhielten sich ungesellig und bewegten sich mehr, als diese Tiere es normalerweise tun.»

Alarmierende Ergebnisse

Die Oxazepam-Dosis, der die Tiere ausgesetzt wurden, entsprach in etwa der Konzentration, die bereits in Gewässern gemessen worden ist. «Diese oder ähnliche Konzentrationen finden wir weltweit», sagte Tomas Brodin, der neben Jonsson ebenfalls an der Arbeit beteiligt war. Die Studie wurde in der zurückliegenden Woche auf dem Jahrestreffen der Wissenschaftlervereinigung AAAS in Boston vorgestellt und in der Online-Ausgabe des Fachblattes «Science» veröffentlicht.

Im Durchschnitt hätten sich die «gedopten» Barsche doppelt so viel bewegt wie die anderen, sagte Jonsson. Das Forscherteam bezeichnete das Ergebnis der Studie als alarmierend: Beispielsweise sei die Gefahr, gefressen zu werden, für die Fische unter Drogeneinfluss weitaus höher, weil sie sich häufiger allein in eine für sie gefährliche Umgebung wagten. Ausserdem hätten sie weitaus mehr Zooplankton gefressen - dieses hält für gewöhnlich die Algen in Schach. Verringere sich nun wegen der Gefrässigkeit der «gedopten» Fische das Zooplankton dramatisch, berge dies die Gefahr einer ungehemmten Algenvermehrung. Das wiederum könne nicht vorhersehbare Folgen auf das Ökosystem der Meere haben.

Die Studie der Schweden ist eine der wenigen bisher, die sich mit den Auswirkungen pharmazeutischer Verunreinigungen von Gewässern auf das Verhalten von Fischen beschäftigt hat. In anderen Arbeiten ging es meist um biologische Veränderungen, beispielsweise inwieweit sich bei männlichen Fischen weibliche Merkmale ausprägten.

Bessere Kläranlagen nötig

Noch ist nicht ganz klar, wie gross die Bedeutung des schwedischen Experiments für Fische ausserhalb des Versuchsbeckens ist. Brodin und seine Mitautoren befürchten, die Barsch-Population könne als Folge der Verunreinigungen gefährdet sein. Auch die Toxikologin Anne McElroy von der Stony Brook Universität in New York will das nicht ausschliessen: «Die winzigen Mengen, die ständig das Wasser verunreinigen, könnten durchaus das Verhalten der Tiere verändern. Vielleicht paaren sie sich weniger oder können nicht mehr so viel fressen wie nötig oder verlieren die Fähigkeit, sich vor Räubern zu verstecken. Auf längere Sicht kann das die Bestände wirklich gefährden.»

Mittlerweile würden Menschen beginnen zu begreifen, dass Arzneimittel die Umwelt verunreinigen könnten, sagte der Hydrologe Dana Kolpin von der Bundesbehörde USGS, die sich unter anderem mit Gewässerschutz beschäftigt. Wissenschaftler fordern bessere Möglichkeiten, Medikamentenrückstände zum Beispiel in Kläranlagen aus dem Wasser herauszufiltern. Auch bei der Entsorgung von Restbeständen müssten neue Wege gefunden werden. (sda)

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