Pulver gut in St. Moritz
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Pulver gut in St. Moritz

Der jüngste Drogenreport der UN zeigt, dass in St. Moritz gekokst wird, was das Zeug hält. Während sich die Schönen und Reichen die Nase pudern, stürzen die Hotelangestellten eher auf Heroin ab. Der Kurdirektor findets «lachhaft».

«Genug vom Gras? Wir haben Schnee», lautet der Werbeslogan des Bündner Ferienortes Davos. Für St. Moritz wäre dieser zweideutige Spruch undenkbar, weil zu eindeutig. Der UN-Drogenreport zeigt, dass auf 1000 St. Moritzer täglich 22 Linien Kokain kommen, das ist im weltweiten Städteranking Rang sechs. Zwar haben die UN-Wissenschaftler bei der Berechnung der Zahlen mehr als massiv geschlampt. Sie haben den Durchschnittswert des Kokainverbrauches auf den Anteil der 15- bis 64-Jährigen der rund 3500 Einwohner von St. Moritz hochgerechnet. Dass sich in St. Moritz in der Hochsaison zehnmal so viele Leute aufhalten ist nicht berücksichtigt. Dennoch: St. Moritz hat den Ruf der Kokainhochburg, seit im vergangenen Jahr bereits «10vor10» die Kokainrückstände im Engadiner Abwasser gemessen und ähnlich hohe Werte wie die UN konstatiert hatte. Ein Angestellter der Bündner Sozialdienste drückt es so aus: «Es ist nicht erst seit dem UN-Bericht bekannt, dass es dort oben abgeht.»

«Lachhafte Studie»

Kur-Direktor Hanspeter Danuser entlockt die UN-Studie ein müdes Lächeln: «Das ist lachhaft. Da wird unter dem Vorwand einer seriösen Studie ausgerechnet nach Weihnachten der Kokainwert im Abwasser gemessen. Genau dann haben wir die Leute aus den Kokainhochburgen New York, London und Zürich hier oben.» Daniel Zinsli, Sprecher der Bündner Kantonspolizei, relativiert den zweifelhaften Rang St. Moritz' im Kokainranking: «Es ist uns rätselhaft, wie die UN auf diese Zahlen kommt, das ist wahrscheinlich masslos übertrieben. Wenn man den Kokain-Konsum der 40 000 Wintergäste auf die 6500 Einheimischen und Saisonniers herunter bricht, dann kommt man eventuell auf diese Zahlen.» Die These von «10vor10», dass der Grossteil des weissen Pulvers von Touristen appliziert werde, stimme. «Natürlich nehmen im Winter die kokainbezogenen Verzeigungen zu», sagt Zinsli.

Heroin bei den Saisonniers

Es sind jedoch längst nicht nur die Touristen, die sich in den Engadiner Ferienorten um St. Moritz an einem Abend ganze Wochenlöhne die Nase hochjubeln. Auch die Einheimischen lassen es bisweilen krachen. Mit dem Ergebnis des exzessiven Feierns, das schleichend in Suchtmittelabhängikeit übergeht, beschäftigt sich Franco Albertini, Leiter der Beratungsstelle der Sozialdienste in Samedan. Zwar berät seine Einrichtung bisweilen auch Einheimische mit Kokainproblemen, Probleme ortet er jedoch woanders. Offenbar sind die Arbeitsbedingungen in den Nobel-Ferienorten hart. «Momentan ist der Anteil an Saisonniers aus der Hotellerie mit Drogenproblemen steigend», sagt Albertini. Und die Gastgewerbeangestellten und Saisonniers lassen es nicht bei Kokain bewenden. Sie greifen zu den ganz harten Sachen, konstatiert Albertini: «Das Hauptproblem ist weniger der Kokain- als vielmehr der Heroin-Konsum.»

Kokain günstig

Die 25 Fälle, mit denen Albertini im letzten Jahr zu tun hatte, sind nur die Spitze des Eisbergs, jene die «mit ihrem Leben nicht mehr klarkommen, die Stelle verloren und finanzielle Probleme haben», sagt Albertini. Möglich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch die einheimischen Kokser bei der Beratungsstelle auftauchen. Der Kokainpreis in St. Moritz ist derzeit tief, der Engadiner «Schneebericht» also günstig.

Maurice Thiriet, 20minuten.ch

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