Russischer Soldat: Putin-Fan entlarvt Putin als Lügner

Aktualisiert

Russischer SoldatPutin-Fan entlarvt Putin als Lügner

«Ich habe für die richtige Sache gekämpft», sagt ein russischer Soldat im Interview. Das Brisante: Er spricht vom Militäreinsatz in der Ukraine – den es laut Kreml gar nicht gibt.

von
sut
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Der Panzerschütze Dorschi Batumunkujew mit Funkhelm im März 2014. Damals lachte er noch.

Der Panzerschütze Dorschi Batumunkujew mit Funkhelm im März 2014. Damals lachte er noch.

VKontakte
Im Februar 2015 liegt er mit verbranntem Gesicht und Händen im Spitalbett.

Im Februar 2015 liegt er mit verbranntem Gesicht und Händen im Spitalbett.

Nowaja Gazeta
Im Zivilleben mag der 20-jährige Burjate aus Russlands fernem Osten Mädchen.

Im Zivilleben mag der 20-jährige Burjate aus Russlands fernem Osten Mädchen.

VKontakte

Sein Gesicht wird bis ans Lebensende entstellt bleiben, die Hände von Brandwunden vernarbt. Doch Dorschi Batomunkujew (20) hegt keinen Groll. Der aus dem fernen Osten Russlands stammende Panzerschütze findet es nach wie vor richtig, dass er am 8. Februar die Grenze nach Westen überschritt und als Teil eines russischen Panzerbataillons die Stadt Debalzewe den ukrainischen Regierungstruppen entriss. Wladimir Putin sei ein «ziemlich schlauer Kerl, so viel ist klar», sagt er und verzieht sein Gesicht zu einem Lächeln.

Doch das Lachen fällt dem Soldaten schwer. Beim Gespräch mit einer Reporterin der liberalen Zeitung «Nowaja Gaseta» im Spital von Donezk ist Batomunkujews verbrannte Gesichtshaut fast schwarz, immer wieder quillt Blut aus tiefen Schrunden. Um so eindrücklicher ist das am Montag publizierte und von der «Euromaidan Press» ins Englische übersetzte Interview.

«Keine Anführer, keine Kommandanten, jeder für sich»

Zunächst belegt die authentisch wirkende Erzählung des Panzerschützen, dass im Krieg in der Ostukraine nicht die prorussischen Separatisten Regie führen, sondern reguläre Truppen unter dem Kommando des Kreml. Sie sprechen sich mit den chaotisch operierenden Milizen nicht einmal ab, sagt Batomunkujew. «Die Separatisten schiessen und schiessen, und dann hören sie auf. Völlig unorganisiert. Keine Anführer, keine Kommandanten, jeder für sich.»

Batomunkujew ist Burjate und nahe der chinesischen Grenze aufgewachsen. Seine VKontakte-Seite zeigt ihn mit Freundinnen und Freunden. Als sich der Milizsoldat vergangenen Sommer entschliesst, als «Kontraktnik» drei Jahre im Berufsmilitär anzuhängen, denkt er nicht an die Möglichkeit eines Ukraine-Einsatzes. Das ändert sich, als sein Bataillon im Oktober die zehntägige Bahnfahrt nach Westen antritt.

Panzer übermalt, Abzeichen entfernt

Bei dem auf drei Monate angesetzten Training auf der russischen Seite der Grenze wird den Soldaten klar, dass es um die Ukraine geht. Schon vor der Abfahrt in Sibirien mussten sie ihre Panzer übermalen und alle Abzeichen entfernen. Aber keiner der Vorgesetzten habe über das Ziel der Mission gesprochen – nicht einmal im Februar, als der Marschbefehl ausgegeben wurde: «Wir wussten es alle, wir brauchten keine Wörter.»

Die Story des Panzersoldaten straft den russischen Präsidenten Lügen. Putin streitet bis heute ab, dass russische Soldaten in der Ukraine im Einsatz sind. Zudem überführen die Zeitangaben den Kreml eines dreisten Doppelspiels: Die Panzer wurden nach Westen verschoben, als der Waffenstillstand von Minsk bereits in Kraft war. Und das Bataillon mit Batomunkujew drang in die Ukraine ein, als die zweite Auflage von Minsk verhandelt wurde.

Mit brennendem Kopf in den Schnee

Der Einsatz läuft rund, die russischen Panzer schnüren den eingekesselten ukrainischen Truppen den Weg ab. Doch am 19. Februar wird Batomunkujews Panzer, Modell T-72B, von einer Granate getroffen, im Geschützturm entzündet sich Munition. Dem Soldaten gelingt es erst beim zweiten Versuch, die Luke zu öffnen und sich mit brennendem Kopf in den Schnee zu stürzen. Beim Ausziehen des Funkhelms löst sich die Haut vom Fleisch.

Der schwer verletzte Soldat ist Buddhist. Das habe ihm geholfen, sich mit seinem Schicksal abzufinden. «Wer stirbt, wird wiedergeboren», tröstet er sich. Batomunkujew sagt aber auch: «Ich habe für die richtige Sache gekämpft.» Die ukrainische Seite hält er für inhuman. «Sie verhalten sich unerhört.»

«Wir verteidigen unsere Rechte»

Zum Beispiel hätten Ukrainer per Funk den russischen Panzerbesatzungen gedroht, sie würden sie alle töten und auch ihre Familien. Sie hätten gesagt: «Wir sind Faschisten, wir schrecken vor nichts zurück. Wir werden euch in Leichensäcken zurückschicken, in Stücke geteilt.»

Was der Panzerschütze hörte, könnte auch russische Propaganda gewesen sein. Batomunkujew teilt die von Putin seit Jahren geschürten Einkreisungsängste und die These, die Nato habe aggressive Absichten. Wenn Amerika den Donbass einnehme und Raketen aufstelle, dann könnten diese Russland erreichen, glaubt er. «Wir verteidigen in diesem Krieg auch unsere Rechte.»

Vergangenen Freitag wurde Dorschi Batomunkujew laut «Nowaja Gazeta» von Donezk in ein Spital im russischen Rostow überführt. Sein Name sei auf keiner Liste zu finden.

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