Ukraine-Russland-Konflikt – «Putin ist sehr nachtragend»

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Ukraine-Russland-Konflikt«Putin ist gekränkt und nachtragend»

Was treibt den russischen Präsidenten an? Hat er Grossmachtsphantasien? Eine Einschätzung der Osteuropa-Expertin Nada Boškovska.

von
Claudia Blumer
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Er sei knallhart und irgendwo auch ein Spieler, sagt Historikerin Nada Boškovska von der Universität Zürich über Wladimir Putin.

Er sei knallhart und irgendwo auch ein Spieler, sagt Historikerin Nada Boškovska von der Universität Zürich über Wladimir Putin.

AFP
Und fraglos gehe Putin davon aus, dass Russland die Rolle als Grossmacht zusteht, sagt sie. Eine Phantasie sei das aber nicht, denn das Zarenreich sei tatsächlich eine Grossmacht gewesen. «Ein Erbe, das man nicht so einfach aufgibt.»

Und fraglos gehe Putin davon aus, dass Russland die Rolle als Grossmacht zusteht, sagt sie. Eine Phantasie sei das aber nicht, denn das Zarenreich sei tatsächlich eine Grossmacht gewesen. «Ein Erbe, das man nicht so einfach aufgibt.»

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Darum gehts

  • Der russische Präsident Wladimir Putin hat diese Woche den Westen gegen sich aufgebracht mit der Anerkennung der ostukrainischen Regionen.

  • Damit sei er ein hohes Risiko eingegangen, sagt Osteuropa-Historikerin Nada Boškovska von der Universität Zürich.

  • Putin sei ein «knallharter Kalkulierer und irgendwo auch ein Spieler». Er habe aber auch seine verletzlichen Seiten und sei sehr nachtragend.

  • Auf sein Volk schaue er derzeit nicht: Das russische Volk wolle keinen Krieg.

Der russische Präsident wolle die die Russische Föderation gegen aussen erweitern und an die «imperialen Ambitionen der zaristischen und der sowjetischen Zeit anknüpfen», sagte Russlandexperte Ulrich Schmid über Wladimir Putin. Nada Boškovska, Inhaberin des Lehrstuhls für osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich, ist sich dessen nicht sicher. «Sicher will er Russland als Grossmacht, als unentbehrliche Akteurin etablieren.»

Sicher ist sich die Osteuropa-Expertin auch darin: «Wladimir Putin nimmt keine Rücksicht auf die Stimmung in der Bevölkerung. Diese will keinen Krieg, nicht mit der Ukraine und schon gar nicht mit dem Westen.» Ein Krieg hätte verheerende Folgen für die Wirtschaft, auf das tägliche Leben, das Ansehen Russlands in der Welt, die aussenpolitischen Beziehungen. «Die gegenwärtige Eskalation ist sicher nicht im Sinne der Bevölkerung.»

Geschichtsschreibung wird als Kränkung empfunden

Nada Boškovska bezeichnet Putin als «knallharten Kalkulierer, irgendwo auch ein Spieler. Er ist aber auch gekränkt und nachtragend.» Das alles bekämen seine Gegner jetzt zu spüren, sagt sie. Ein Aspekt, der zur Entfremdung mit dem Westen beigetragen habe, sei die veränderte Wahrnehmung der Rolle der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. «Das Bild von der Roten Armee und der Sowjetunion als Befreierin Europas aus dem Nationalsozialismus wurde in den letzten Jahren zunehmend in Frage gestellt, der Sowjetunion eine Mitschuld am Kriegsausbruch zugeschrieben. Für mich ist klar, dass Putin dies als grosse Kränkung und Ungerechtigkeit empfindet. Als eine von weiteren gegenüber Russland.»

«Keine Frage, dass Putin der Ansicht ist, Russland komme eine Rolle als Grossmacht zu», sagt die Historikerin. Von «Grossmachtsphantasien» würde sie dabei nicht reden. «Es ist ja keine Phantasie, das Zarenreich war tatsächlich eine Grossmacht und die Sowjetunion eine von zwei Supermächten. Ein Erbe, das man nicht so einfach aufgibt. Wenn die USA auf eine regionale Macht in Nordamerika geschrumpft wäre, würde das die Politiker und das Volk ebenfalls schmerzen.»

«Tür für Verhandlungen zugeschlagen»

Nada Boškovska hatte in den letzten Wochen gehofft, dass es hinter geschlossenen Türen gelingen würde, einen Kompromiss zu finden. «Doch anscheinend hätten sich beide Seiten so weit aus dem Fenster gelehnt, dass es keine gemeinsame Basis mehr gab.» Die Sanktionen würden Putin und das Volk schon sehr schmerzen, sagt sie. Die Unverhersehbarkeit seiner Politik sei gleichzeitig Schwäche und Stärke von Wladimir Putin. Mit der Anerkennung der Unabhängigkeit der ostukrainischen Gebiete habe Putin «die Situation eskalieren lassen und die Tür für Verhandlungen zugeschlagen». 

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